Nach dem Hochwasser

Die Vergessenen aus dem Morsbachtal

Das Morsbachtal wurde vom Hochwasser besonders hart getroffen, bei Michael Köth stand das Wasser rund 1,60 Meter hoch im Haus. Auf Hilfe „seiner“ Stadt warteten er und seine Nachbarn nach der Flut vergeblich. Foto: Roland Keusch
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Das Morsbachtal wurde vom Hochwasser besonders hart getroffen, bei Michael Köth stand das Wasser rund 1,60 Meter hoch im Haus. Auf Hilfe „seiner“ Stadt warteten er und seine Nachbarn nach der Flut vergeblich.

Hochwasser: Remscheid springt für den großen Nachbarn Wuppertal ein

Von Sven Schlickowey

Remscheid. Über die Arbeit der TBR ist Michael Köth voll des Lobes. Drei Tage lang hätten die Mitarbeiter des Remscheider Entsorgers bei ihm und seinen Nachbarn die Hinterlassenschaften des Hochwassers beseitigt, berichtet er: „Die Jungs haben Großartiges geleistet.“ Ähnlich positives Feedback hatten die Technischen Betriebe nach der Flut mehrfach bekommen. Doch bei Michael Köth und seinen Nachbarn ist es etwas anders – sie sind nämlich gar keine Remscheider.

Rund ein Dutzend Familien leben auf der Wuppertaler Seite des Morsbachtals. Die Adressen Beckeraue, Beckerhof und Morsbacher Berg sind zwar ausschließlich über Remscheider Straßen zu erreichen, liegen aber auf dem Gebiet der Nachbarstadt. Und von der fühlen sich die Anwohner nach dem Hochwasser im Stich gelassen. „Vielleicht weiß man in Wuppertal gar nicht, dass wir hier wohnen“, formuliert es Michael Köth halb ernst, halb lustig.

Selbst zwei Wochen nach der Überschwemmung habe er von der Stadt Wuppertal noch nichts gehört, sagt Köth. Außer einem Schreiben des Gesundheitsamts, dass für Trinkwasser eine Abkochpflicht bestehe. „Auf die Idee, mal zu fragen, ob wir überhaupt Trinkwasser haben oder Hilfe dabei benötigen, ist aber niemand gekommen.“ Auch eine Nachfrage beim Wuppertaler Entsorger AWG zum Sperrmüll sei ohne Erfolg geblieben. Er habe die Auskunft erhalten, dass man sich zuerst um die Hotspots kümmere, erinnert sich Michael Köth. „Ich habe den Mann dann gefragt, wie hoch das Wasser stehen muss, damit man zum Hotspot wird.“ Kurz danach sei das Gespräch beendet gewesen.

Nach dem Hochwasser in Remscheid: Hier können Sie spenden und helfen

Also griffen die Wuppertaler Morsbacher zur Selbsthilfe. Der Bagger, der die einzige Zufahrtsstraße vom Schutt befreite, habe man privat organisiert, berichten die Nachbarn. Und über CDU-Ratsmitglied Norbert Schmitz, der Vorsitzender des Vereins Die Morsbacher ist, habe man Kontakt mit dem Remscheider Stadtdirektor Sven Wiertz aufgenommen, der veranlasste, dass sich die TBR dem Sperrmüll annahm.

„Vielleicht weiß man in Wuppertal gar nicht, dass wir hier wohnen.“

Michael Köth

Eine durchaus knifflige Aufgabe, weil die Wuppertaler Enklave im Morsbachtal derzeit nicht mit schwerem Gerät erreichbar ist. Vor der Flut waren die Häuser über zwei Brücken angebunden. Eine zerstörte das Wasser ganz, die andere wurde so stark beschädigt, dass sie nur noch für drei statt bisher zwölf Tonnen zugelassen ist. Um die Brücken habe man sich gekümmert, bestätigt Martina Eckermann von der Pressestelle der Stadt Wuppertal. Auch für die Leerung der Gruben, die durch die Lastbeschränkung der noch vorhandenen Brücke erschwert werde, habe man eine Lösung gefunden. Zudem habe es in dem Gebiet „mindestens ein Einsatz des Jobcenters beziehungsweise der AWG“ gegeben, bei der Helfer Sperrmüll mit Schubkarren abtransportierten. Die Soforthilfe des Landes, bis zu 3500 Euro je Haushalt, sei über die Stadt Remscheid ausgezahlt worden, „werden aber selbstverständlich durch die Stadt Wuppertal an Remscheid erstattet“.

Für weitere Unterstützung müssten sich die Morsbacher an die Stadt Wuppertal wenden, sagt Eckermann: „Wir haben insgesamt 1170 Hochwassereinsätze unserer Feuerwehr im gesamten Stadtgebiet dokumentiert. Daher ist es leider nicht möglich, bei allen Betroffenen ihren jeweils individuellen Unterstützungsbedarf persönlich nachzufragen.“

Michael Köth ist hingegen froh, dass sich die Nachbarn selber geholfen haben. Und dass die Stadt Remscheid mit den TBR eingesprungen ist. Er hofft nun darauf, dass zumindest die zerstörte Brücke bald ersetzt wird, was wiederum in Wuppertaler Verantwortung fällt. Die Anwohner bräuchten nämlich einen Kran, der die weggespülten Flüssiggastanks wieder aufstellt. „Aber vorher benötige ich erstmal eine neue Heizung.“ Die wurde nämlich auch Opfer der Fluten.

Hintergrund

Die Hilfe zur Selbsthilfe geht im Morsbachtal weiter – über Stadtgrenzen hinweg. Der Verein Die Morsbacher, dem Remscheider wie Wuppertaler angehören, hat für betroffene Anwohner Spenden gesammelt und Waffeln verkauft. Allein am Wochenende seien so 3880 Euro zusammengekommen, berichtet der Vorsitzende Norbert Schmitz. Insgesamt habe man so bisher über 10 000 Euro als finanzielle Soforthilfe an die Opfer des Hochwassers auszahlen können. Und die Sammlung gehe weiter.

Wenig Interesse an Hochwasser-Beratung: Etwa 30 Anfragen gab es bisher.

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