Unterschriften für einen Stadtwechsel

Morsbachtal nach dem Hochwasser: Die Vergessenen wollen lieber in Remscheid leben

Blick von der Wuppertaler Seite über den Morsbach nach Remscheid: Nicole Stöhrer und Hans Völker an der zerstörten Brücke. Fotos: Doro Siewert
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Blick von der Wuppertaler Seite über den Morsbach nach Remscheid: Nicole Stöhrer und Hans Völker an der zerstörten Brücke.
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Die Bewohner im Morsbachtal fordern nach dem Hochwasser einen schnellen Wiederaufbau der zerstörten Brücke.

Von Andreas Weber

Remscheid. Die Brücke Ulrichskotten am Morsbacher Berg ist mehr als nur ein Übergang über einen normalerweise friedlich rinnenden Bach. Sie trennt zwei Städte und ist gleichzeitig eine Lebensader für die rund 30 Bewohner auf der Cronenberger Seite. Und sie ist aktuell zu einem Symbol geworden für Menschen, die sich abgeschnitten fühlen und deshalb von Wuppertalern zu Remscheidern werden wollen. Unterschriften werden dafür diese Woche gesammelt.

Der Morsbach ist an dieser Stelle die natürliche Grenze zwischen Remscheid und Wuppertal. Seit die Stahlbetonbrücke, die für eine Traglast von 16 Tonnen ausgelegt war, bei der Flut am 14. Juli gegen 21.30 Uhr mit einem Rumms zerstört und weggerissen wurde, sind die Bewohner in Beckeraue, Beckerhof und am Morsbacher Berg nur eingeschränkt erreichbar.

„Die Brücke ist überlebenswichtig für die Menschen.“

Norbert Schmitz (CDU), Ratsherr

Vor dem Hochwasser existierte ein Umlauf für größere Fahrzeuge mit Anbindung an die Hofschaft Morsbach. Seit über fünf Wochen rollt der Verkehr ausschließlich über die Brücke Beckeraue. Weil deren Fundament unterspült wurde, geht momentan über einer Last von drei Tonnen nichts mehr. Heißt, auch keine Müllfahrzeuge dürfen zu den versprengten Anwesen. Ihre Müllbehälter müssen die Bewohner an die Landstraße rollen, teilweise bis zu 550 Meter. „Ein Rettungswagen hat schon Schwierigkeiten, hier reinzukommen, geschweige denn ein Löschfahrzeug. Auch Baustofflaster oder Gastanklieferanten haben kaum eine Chance“, sagt Jochen Holst, stellvertretender Chef der Feuerwehr Morsbach.

Neubau der Brücke kostet geschätzte 500.000 Euro

Die Menschen auf der Wuppertaler Seite zählten nach der Katastrophe zu den Vergessenen. Wer half, gerade beim Sperrmüllabtransport, waren die Technischen Betriebe Remscheid, die mit kleinen Fahrzeugen mühselig den Unrat zu Sammelcontainern karrten. Wuppertals Stadtdirektor Dr. Johannes Slawig entschuldigte sich später bei den Betroffenen für die anfängliche Tatenlosigkeit. Allerdings fiel auch der Satz, die Brücke am Ulrichskotten werde man nicht wiederaufbauen, sondern könne dort einen Wendehammer einrichten. Diese Aussage brachte die Flutopfer noch mehr gegen ihre Stadt auf.

Silke Maczewski an der einzigen Zufahrt rüber nach Wuppertal, der Brücke Beckeraue, die jedoch mit drei Tonnen nur eingeschränkt nutzbar ist.

Der Bundestagsabgeordnete Jürgen Hardt (CDU), der sich die Schäden auf Einladung des Remscheider CDU-Ratsherrn Norbert Schmitz vergangenen Freitag ansah, äußerte sich sehr vorsichtig: „Ich fand es voreilig zu sagen, wir bauen die Brücke nicht wieder auf, gerade jetzt, wo der Bund 30 Milliarden für den Wiederaufbau zur Verfügung stellt.“ Hardt versprach den Anwohnern, in der Sache einen Brief an die beiden Städte aufzusetzen und zu vermitteln. Norbert Schmitz, der als Vorsitzender des Vereins Die Morsbacher engen Bezug zu den Menschen vor Ort hat, ist sich mit Bezirksbürgermeister Otto Mähler (SPD) einig. „Die Brücke ist überlebenswichtig für die Menschen hier. Es muss gehandelt werden.“

Geschätzte 500 000 Euro kostet der Neubau. Laut Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz (SPD) laufen mit Wuppertal Gespräche. Die Finanzierung würde zur Hälfte aufgeteilt, sofern nicht die Förderung vom Bund greift. Für die Übergangszeit, die zumindest bei einem Jahr liegen soll, hat das Technische Hilfswerk (THW) signalisiert, eine Behelfsbrücke für Fußgänger und Radfahrer neben dem ursprünglichen Standort zu installieren. „Dafür liegen die Kosten bei 7000 Euro. Die Stadt Remscheid müsste dazu das THW beauftragen“, meint Schmitz.

Doch die Abgeschnittenen möchten nicht nur ihre Brücke zurück, sondern formal zu Remscheid gehören. Das ist der Eindruck, den Silke Maczewski, die nebenan in Morsbach lebt, nach vielen Gesprächen gewonnen hat. „Ihre Lebensmitte liegt mehrheitlich in Remscheid.“ Nicht nur telefonisch, postalisch und steuerlich werden die Wuppertaler Randbewohner in Remscheid verortet. Ihre Heimat ist ihnen fremd. Das hat nicht zuletzt geografische Gründe. Hinter Beckeraue ist Schluss. „Wer nach Sudberg oder Hintersudberg will, muss zu Fuß den Berg hinauf gehen, das Mountainbike nutzen oder ein Pferd besteigen“, betont Maczewski.

Die Bewohner der neun Grundstücke leben nach dem 14. Juli in Angst, berichtet Nicole Stöhrer, die am Berg in Hanglage wohnt. „Wir haben um uns herum viele tote Bäume, die, wenn sie entwurzelt werden, Strommasten zerstören oder den Weg und Bach blockieren können.“ Beim zukünftigen Hochwasserschutz stellen sich viele Fragen. Jetzt, wo sie die Sturzflut unfreiwillig in den Fokus gerückt hat, hoffen die Vergessenen endlich wahrgenommen zu werden. | Standpunkt

Hintergrund

Das vom Hochwasser betroffene Gebiet entlang der L 216 umfasst auf Wuppertaler Seite die Orte Morsbacher Berg, Beckeraue, Beckerhof, Gockelshammer, Engelskotten und Prangerkotten 1; auf Remscheider Seite Morsbach, Morsbachtalstraße, Gockelshütte und Prangerkotten 2.

Zum „abgeschnittenen Gebiet“ auf Wuppertaler Seite zählen Morsbacher Berg, Beckeraue und Beckerhof mit neun Grundstücken, 14 Haushalten und um die 30 Bewohnern, davon sechs Minderjährige.

Enge Kontakte unterhalten die Bewohner jenseits des Morsbachs zur Hofschaft Morsbach über Feste und die Mitgliedschaft im Verein Die Morsbacher. „Auch die gegenseitige Hilfe nach der Sturzflut hat das Gefühl gestärkt, eine Gemeinschaft zu sein“, erklärt Silke Maczewski.

Standpunkt

Kommentar von Andreas Weber

andreas.weber@rga.de

Die Wermelskirchener wissen um das jahrzehntelange Bemühen der Höhrather, sich von Solingen loszusagen und sich ihnen anzuschließen. Bislang war es erfolglos. So ein Ortswechsel ist mit hohen Hürden verbunden, allerdings nicht unmöglich. Gebietsänderungen aufgrund des „öffentlichen Wohls“ sieht Remscheids Gemeindeordnung vor. Die Betroffenen, im Falle der Morsbacher auf Wuppertaler Seite eine überschaubare Zahl, müssen befragt werden und Einigkeit demonstrieren. Es müssten zwischen den Städten Gebietsänderungsverträge geschlossen, die Genehmigung der Aufsichtsbehörde eingeholt und der Wechsel vom Land abgesegnet werden. Vor allem sollten triftige Gründe vorliegen. An denen mangelt es in der Beckeraue nicht. Wer hier lebt, ist nach Remscheid orientiert und hat mit Wuppertal nicht viel am Hut. Das betrifft nicht nur die 42 857, die Leitzahl, ohne die Post in dieser abgelegenen Ecke zum Irrläufer wird. Das Hochwasser hat zwar ihre Brücke zum anderen Ufer zerstört, aber deren Neubau könnte ihrem Ansinnen, Remscheider zu werden, sinnbildlich Nachdruck verleihen.

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