Massenmord vor 80 Jahren

Mörder von Babyn Jar kam aus Remscheid

Paul Wilhelm Hermann Blobel während des Einsatzgruppen-Prozesses 1948. In dem Prozess relativierte er die Zahl der Opfer und zeigte Mitleid nur für die Erschießungskommandos. Foto: US Army Signal Corps
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Paul Wilhelm Hermann Blobel während des Einsatzgruppen-Prozesses 1948. In dem Prozess relativierte er die Zahl der Opfer und zeigte Mitleid nur für die Erschießungskommandos.
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Paul Blobel befehligte den Massenmord vor 80 Jahren. Er starb als einer von wenigen Nazimördern am Galgen.

Von Axel Richter

Remscheid. Paul Wilhelm Hermann Blobel zeigte kein Schuldbewusstsein und keine Reue. „Ich kann meiner Frau und meinen Kindern mit gutem Gewissen gegenübertreten“, erklärte er stattdessen in seinem letzten Wort als Angeklagter vor dem Nürnberger Gericht. Dabei war er verantwortlich für den Mord an annähernd 60.000 Menschen, darunter die mehr als 33.000 Toten von Babyn Jar.

Es war Paul Blobel, der am 28. und 30. September 1941 die Erschießungen in der Schlucht bei Kiew befehligte. Am Mittwoch gedachten Deutsche und Ukrainer des Massakers von Babyn Jar vor 80 Jahren. Was nur wenige wissen: Der Naziverbrecher war Remscheider, hatte hier Familie und arbeitete zeitweise bei der Stadt Solingen. Dorthin wurde später auch seine Leiche verbracht. Wo sie verblieben ist, ist unbekannt.

Unterlagen zur Vita Blobels finden sich im Historischen Zentrum der Stadt Remscheid. 1996 berichtete der RGA über den SS-Standartenführer, der sich nach dem Krieg wie so viele Massenmörder keiner Schuld bewusst zeigte.

Der Architekt heiratet in eine alteingesessene Familie ein

Blobels Aufstieg im NS-Vernichtungsapparat begann im Bergischen Land. 1899 war er Im Alter von fünf Jahren mit der Familie von Potsdam nach Remscheid gezogen. Paul Blobel hatte mindestens vier Geschwister. Die Familie lebte in der Lenneper Straße. Der Sohn ging dort zur Volksschule und absolvierte später eine Lehre zum Maurer und Zimmermann.

Nach dem Ersten Weltkrieg, an dem Blobel als Freiwilliger teilnahm, besuchte er die Architekturklasse an der Königlichen Baugewerkschule zu Barmen-Elberfeld. 1921 heiratete er die Tochter einer alteingesessenen Remscheider Familie und zog mit ihr in das Haus der Schwiegereltern in der Brucher Straße. 1926 zog die Familie nach Solingen in die Schaberger Straße. Das Paar bekam zwei Söhne. Der Architekt Paul Blobel fand eine Anstellung als einfacher Büroangestellter bei der Stadt Solingen und baute der Familie ein Eigenheim in Schaberg.

So hätte das Leben weitergehen können. Doch Blobel, seit 1931 Mitglied der NSDAP, war ein überzeugter Nazi und glühender Antisemit. Nach Hitlers Amtsantritt machte er rasch Karriere im Sicherheitsdienst (SD) der SS, in die er 1932 eingetreten war.

In den Novemberpogromen 1938 koordinierte er als regionaler SD-Leiter die „Sicherstellung der Materialien“ aus den zerstörten Synagogen. Auf Blobel war Verlass. 1941 kommandierte das Reichssicherheitshauptamt ihn deshalb zu den Einsatzgruppen im Osten.

Blobel wurde Führer des Sondereinsatzkommandos 4a, das in Babyn Jar (Schlucht der alten Weiber) an nur zwei Tagen 33.771 jüdische Frauen, Kinder und Männer Juden ermordet. Wenige Monate später bekam er den Auftrag, die Spuren der Verbrechen zu verwischen. Er entwickelte Methoden zur Leichenverbrennung und baute Geräte, die die Knochen der Ermordeten zerkleinerten.

„Blobels Biografie belegt exemplarisch, dass jene, die den Mord ausführten, häufig keine Killer waren, sondern ganz normale Deutsche.“

Michael Okroy, Alte Synagoge

Der Wuppertaler Literatur- und Sozialwissenschaftler Michael Okroy, heute Mitarbeiter der Begegnungsstätte Alte Synagoge, kam in seinem Beitrag für den RGA 1996 zu folgender Einschätzung: „Blobels Biografie belegt exemplarisch, dass jene, die den Mord an Juden praktisch ausführten, häufig keine unpersönlichen Killer waren, sondern ganz gewöhnliche Deutsche: Familienväter, Akademiker, Beamte, die von der Richtigkeit ihrer Mission überzeugt waren und nach Kriegsende in die Normalität von Beruf und Familie zurückkehrten.“

Paul Wilhelm Hermann Blobel gelang das nicht. Als einer von wenigen Naziverbrechern wurde er 1948 im so genannten Einsatzgruppen-Prozess in Nürnberg mit anderen Naziverbrechern vor Gericht gestellt und zum Tod durch den Strang verurteilt. Blobel stirbt im Juni 1951 in der Haftanstalt Landsberg am Lech. Auch seine letzten Worte zeugten davon, dass er nichts gelernt hatte: „Nun haben mich Disziplin und Treue an den Galgen gebracht.“

Relativierungen

Insgesamt wurde Paul Blobel als Führer des Sonderkommandos 4a in der Sowjetunion des Mordes an 60.000 Menschen für schuldig befunden, darunter die mehr als 33.000 Opfer von Babyn Jar. Blobel selbst gab an, es seien allenfalls 10.000 bis 15.000 Menschen gewesen, die unter seinem Kommando erschossen worden seien. Mitleid zeigte er für keines seiner Opfer, sondern nur für die eigenen Erschießungskommandos.

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