Wirtschaft

Veranstaltungsmeister: Mit einem blauen Auge durch die Krise

Warten auf den 20. März, wenn Corona-Beschränkungen weitgehend aufgehoben werden sollen: Veranstaltungsmeister Dirk Pohl. Foto: Doro Siewert
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Warten auf den 20. März, wenn Corona-Beschränkungen weitgehend aufgehoben werden sollen: Veranstaltungsmeister Dirk Pohl.

Veranstaltungsmeister Dirk Pohl sieht seine Branche auf einem langen Weg bis zur hundertprozentigen Auslastung.

Von Andreas Weber

Remscheid. Mit „#Alarmstufe Rot“ machen einflussreiche Initiativen und Verbände der deutschen Veranstaltungswirtschaft seit dem Herbst 2020 auf die verheerende, mittlerweile immer noch extrem angespannte Lage in ihrer Branche aufmerksam. Dirk Pohl ist ein Glied in der Kette.

Für den 47-jährigen Veranstaltungstechniker ging über weite Strecken der vergangenen zwei Jahre im beruflichen Lockdown nichts mehr. Der Remscheider, mit TLV-Events in Farrenbracken seit 25 Jahren selbstständig, kämpfte um seine Existenz. Mit Erfolg. „Ich bin mit einem blauen Auge durchgekommen, obwohl meine privaten Reserven aufgezehrt sind“, stellt Pohl fest.

Viele Kollegen in der Veranstaltungswirtschaft sahen kein Licht am Horizont mehr. Manche Firmen gingen insolvent, rund 35 Prozent, so errechnete die Interessengemeinschaft der Dienstleister, ISDV, orientierte sich beruflich neu. Der eine wurde Schreiner, der andere Elektriker. „Wir sind eben eine vielseitige Branche“, erklärt Pohl. Da gab es Rigger, die Höhenarbeiter in den Bühnen-Traversen, die auf Industriekletterer in der Windkraft umsattelten oder in die Baumpflege gingen – auch ein Job, der Kletterkünste verlangt.

„Dahinter steckt viel Kommunikation mit dem Steuerberater.“

Dirk Pohl , Veranstaltungsmeister

Ob sie jemals in den Eventbereich zurückkehren, ist eines der großen Fragezeichen, wenn die Veranstalter hochfahren im Frühjahr. Hat die Branche Corona halbwegs überstanden, droht Personalnot. Dirk Pohl ist dabei geblieben. Aufgeben? „Der Gedanke war da“, gesteht der Veranstaltungsmeister, der 1997 sein Hobby zum Beruf machte. „Aber ich bin durch mein persönliches Umfeld gut gestützt worden. Und durch meinen Azubi habe ich mich in der Pflicht gefühlt.“ Der steht im dritten Lehrjahr vor der Abschlussprüfung und soll – wenn es die Auftragslage hergibt – übernommen werden. Im Gegensatz zu Pohls Ehefrau Christin, die als Büro-Teilzeitkraft unter Kurzarbeit fällt, erhält der Lehrling volle Vergütung. Diese wird zu 75 Prozent vom Staat abgedeckt, als Inhaber und Ausbilder bekommt Dirk Pohl zudem einen Zuschuss zur Ausbildervergütung über monatlich 1250 Euro.

„Dieses Programm ist super“, betont Pohl und lobt das stets konstruktive Miteinander mit der Arbeitsagentur. Dirk Pohl hat anfangs die Soforthilfe über 9000 Euro erhalten, die er nicht (anteilig) zurückzahlen musste. Pohl hat danach auch die ersten vier Überbrückungshilfen (I, II, III, III+) bekommen. Nummer IV wird er demnächst beantragen. Staatliche Unterstützung fließt ab einem Umsatzrückgang von 30 Prozent, in Relation zu den Vergleichszahlen in 2019. Es sei ein „gutes Instrument“, um seine Firma über Wasser zu halten, betont Pohl.

„Dahinter steht jedoch ungeheuer viel Rechnerei und Kommunikation mit dem Steuerberater.“ Ohne professionelle Hilfe gehe es nicht, sagt Pohl. Ob die Überbrückungshilfe IV, die bis 31. März läuft, verlängert wird, ist offen. Wichtig wäre es. Denn eins sei klar, erklärt Pohl: Auf die Zeit nach dem 20. März, wenn viele Einschränkungen fallen, würden zwar viele Hoffnungen gesetzt, aber Veranstaltungen ganz ohne Regeln und Planungssicherheit gäbe es noch lange nicht. „Vor Ende 2022 werden wir nicht von einer hundertprozentigen Auslastung reden.“ Allein bis April seien ihm wieder Aufträge weggebrochen. Der abgesagte Karneval zählte für Pohl schmerzlich dazu.

Baustellen in der Eventbranche bleiben: Viele Freizeitereignisse sind seit 2020 ständig verschoben worden, Locations ausgebucht. „Wir stecken in einem Stau.“ Die Veranstalter, Pohls Auftraggeber, müssen andererseits oft erst Bands finden, Gebietsschutzfragen bei Gigs beachten. Die Personalknappheit ist ein Thema, gestiegene Kosten ein weiteres. Und es bleiben lange Planungsvorläufe für Veranstaltungen, verbunden mit einer weiter unsicheren Zukunft.

Zur Person

Dirk Pohl, 47 Jahre, ist gelernter Radio- und Fernsehtechniker, machte 2003 seinen Veranstaltungsmeister. Mit TLV-Events ist er technischer Dienstleister für Licht und Ton, der Arbeitskraft und Equipment bei Stadt- und Schützenfesten, Messen und bei Konzerten zur Verfügung stellt. Sein größter einzelner Auftraggeber ist der Live Club Barmen (LCB). Über die Veranstaltungsbranche in der Coronazeit sagt er: „Wir dürfen nicht vergessen werden. Wir waren die Ersten, die runterfahren mussten und fahren als Letzte hoch.“

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