Hochbetrieb in der Sozialberatung

Menschen sind vor allem mental belastet

Dass der Hilfsbedarf derzeit auch in Remscheid steigt, lässt sich bei der Caritas an Zahlen ablesen.
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Dass der Hilfsbedarf derzeit auch in Remscheid steigt, lässt sich bei der Caritas an Zahlen ablesen.

Die Krise kostet nicht nur Geld, sondern auch Zuversicht.

Von Timo Lemmer

Remscheid. Dieser Tage hatte Sozialberaterin Dorothee Biehl nicht nur einen Fall im Büro, bei dem das Geld vor Monatsende komplett aufgebracht war. In solchen Situationen kann dann mit einer Sozialberaterin entschieden werden, eine Kostenübernahmegarantie auszusprechen. Diesmal wurde unter anderem ein Einkaufsgutschein ausgestellt. Der Hilfesuchende kommt so bis zum neuen Monat über die Runden.

Fälle wie diese sind nicht ungewöhnlich, kommen bei der Caritas-Sozialberatung am Monatsende immer wieder vor. Schon immer. Die Fachbereichsleiterin spricht von üblichen Wellenbewegungen. Sie erkennt aber eine Zunahme im Vergleich zu vorherigen Jahren. Das ist der allgemeinen Teuerung, den explodierenden Energiekosten geschuldet. Vor allem aber beschreibt sie weitreichende Auswirkungen auf die Psyche der Menschen. „Man kann den Leuten helfen, sie haben aber inzwischen das Gefühl, dass es nächsten Monat wieder dieselben Probleme gibt. Was spürbar zunimmt, sind Mutlosigkeit und Verzweiflung.“ Vielen komme das Leben derzeit wie ein Malkasten vor, der nur dunkle Farben bietet.

„Manche merken jeden Cent, den Lebensmittel teurer werden.“

Dorothee Biehl, Caritas

Dass der Hilfsbedarf derzeit steigt, lässt sich bei der Caritas auch an Zahlen ablesen. Das Projekt Notbremse verspricht Hilfe für Kinder in Remscheid und Wermelskirchen. Für deren Eltern werden Kosten übernommen, wenn das Geld nicht mehr für warme Kleidung oder eine Klassenfahrt reicht. „Die Auszahlungen der Notbremse liegen jetzt schon um 20 Prozent über denen in Jahren vor Corona, obwohl noch zwei Monate vor uns liegen“, sagt Biehl.

Bei der Notbremse sind auch Diakonisches Werk, Kinderschutzbund und Schlawiner sowie private Spender involviert.

Häufig geht es aktuell um Lebensmittel, Pflegeprodukte, Bekleidung für die Kinder. Viele Familien stemmen Miete und erhöhte Energiekosten gerade noch so, dafür fällt anderes hintenüber. Manchmal alles andere. Junge Familien sind überfordert.

Energiesparen: Vermieter wollen Mieter mitnehmen

Insbesondere die Preise für Dinge des täglichen Gebrauchs machen zu schaffen. Biehl: „Es gibt Leute in unserer Gesellschaft, die merken jeden Cent, den Lebensmittel teurer werden.“ Sie spürt eine „krasse Spaltung“ in der Gesellschaft. Einige federn die Inflation gut ab, bei anderen war die Lage schon vorher auf Kante genäht. Sparen war für letztere Gruppe während Corona nicht möglich. Die Kinder waren mehr zu Hause, die Mittagstische in Schule oder Kita fielen aus. Andere wiederum legten Geld auf die hohe Kante, sparten im Freizeitbereich. Nur einige Gründe, die die Schere weiter aufgehen lassen.

Die Sozialberatung kann kurzfristig mal ein kleines Loch stopfen. Kann vor allem rechtlich beraten. Wenn es um Energie-Nachzahlungen geht, kann es sein, dass Menschen plötzlich berechtigt sind, ergänzende Leistungen zu beziehen. Die Mitarbeiter wissen hierüber Bescheid, lotsen an die richtigen Stellen.

Die Grenzen des Leistbaren sind dann aber irgendwann erreicht. Deshalb verknüpft der Wohlfahrtsverband seine Arbeit mit politischen Forderungen. Biehl: „Die Regelsätze müssen angepasst werden. Es darf zum Beispiel nicht sein, dass Strom im Arbeitslosengeld 2 pauschalisiert berechnet wird.“ Der Zuschuss müsse sich stattdessen an realen Kosten orientieren – und die explodieren. Klar sei, dass etwas geschehen müsse. Das unterstreichen die immer weiter steigenden Anfragen an die Beratungsstellen in Remscheid.

Wohngeld

Die Krise beschäftigt die Politik. Die Grünen sorgen sich in einer Anfrage um den Rückstand in der Wohngeldstelle, deren „Arbeitsaufwand aufgrund der aktuellen Krise“ weiter steigen werde. Fest steht, dass mehr Stellen geschaffen werden. Die Verwaltung teilt nun mit, dass die Stelle Ende September mit 845 Anträgen in Rückstand lag (Wohngeld sowie Bildung und Teilhabe).

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