Immer mehr Wohngeld-Empfänger

Remscheider aus 350 Haushalten nutzen permanent die Tafel

Die Tafel-Ausgabestelle an der Wülfingstraße: Die Ehrenamtler haben hier gut zu tun. In Pandemiezeiten wird zudem alles entzerrt. Foto: Roland Keusch
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Die Tafel-Ausgabestelle an der Wülfingstraße: Die Ehrenamtler haben hier gut zu tun. In Pandemiezeiten wird zudem alles entzerrt.

Trotz Inflation und erhöhter Energiepreise: Die Zahl ist aktuell konstant. Die Stadt hingegen verbucht immer mehr Wohngeld-Empfänger.

Von Timo Lemmer

Remscheid. Frank vom Scheidt hat zum Hörer gegriffen, als er die Probleme der Kollegen in der Nachbarstadt vernommen hat: Die dortige Tafel unter Leitung von Peter Vorsteher ächzt momentan unter einem derart erhöhten Zulauf, dass sich die Ehrenamtlichen am Rande ihrer Leistungsfähigkeit sehen. Der Andrang werde bald unkontrollierbar, wenn es so weiterginge.

Vom Scheidt, seit bald vier Jahren Vorsitzender der Remscheider Tafel, erkundigte sich bei seinem Wuppertaler Kollegen – beide ehemalige Grünen-Lokalpolitiker – über die dortigen Zustände. Seine beruhigende Nachricht: „In Remscheid ist die Situation in keiner Weise so dramatisch wie in Wuppertal.“ Die Gründe dafür, dass in der Nachbarstadt kurzfristige Effekte wie die konstant steigende Teuerungsrate so heftig zu Buche schlagen, in Remscheid aber nicht, seien derweil kaum auszumachen.

„Ein dramatisches Signal wäre es, wenn die Anträge auf Ausweise stark steigen. Das ist nicht der Fall.“

Frank vom Scheidt, Vorsitzender Remscheider Tafel

„Erklären können wir das nicht“, sagt vom Scheidt, der darauf verweist, dass es immer mal Schwankungen gibt, die kaum nachvollziehbar seien: Mal stünden 20 Menschen vor einer der Ausgabestellen, kurz darauf 40. Drei Euro wöchentlich pro Erwachsenem kostet der Tafel-Ausweis, rund 80 Ehrenamtliche helfen.

Momentan sei das Niveau konstant bei 320 bis 350 Haushalten mit rund 600 Menschen, die einmal pro Woche eine Lebensmittel-Grundversorgung erhalten: „Ein dramatisches Signal wäre es, wenn die Anträge auf Tafelausweise stark steigen würden, das ist aktuell aber nicht der Fall.“ Rund 1000 davon sind in Remscheid ausgegeben. In Sicherheit wiegt sich vom Scheidt aber nicht: „Wir wissen nicht, was noch kommt.“

Als früher Indikator, dass sich auch in Remscheid durchaus etwas zusammenbrauen könnte, kann hingegen die Allgemeine Sozialberatung der Caritas Remscheid dienen. Die verzeichnet laut Dorothee Biehl momentan eine verstärkte Nachfrage. Dass sich bei immer mehr Menschen Versorgungslücken auftun, sei allerdings eine kontinuierliche Entwicklung seit Beginn der Pandemie. „Weil mehr Kosten entstanden sind“, sagt Biehl. Bespiele, die sie aufführt: das ausgefallene OGS-Mittagessen, das ersetzt werden muss; die erhöhten Energiekosten durch Homeoffice; der generell höhere Lebensmittelverbrauch in Zeiten von Lockdowns.

Stadt Remscheid: 2021 massiver Zuwachs beim Wohngeld

Einen drastischen Anstieg im Bereich des Wohngelds beziffert derweil die Stadt, die dafür aber ebenfalls nicht die kurzfristigen Effekte verantwortlich macht. „In 2021 hat es beim Wohngeld einen stetigen Anstieg gegeben, das sind aber vor allem Auswirkungen der Coronakrise“, berichtet Domingo Estrany Dreßler, zuständiger Referent bei der Stadtverwaltung. Gestartet war Remscheid im Januar 2021 mit 757 Wohngeldfällen, im Dezember waren es 855. Da noch ein Rückstand bei der Bearbeitung aufzuholen sei, sei aktuell mit 950 Fällen zu kalkulieren, so Estrany Dreßler: „Plus oder minus 30 bis 40 Fälle, schätze ich.“ Während darüber das Sozialmonitoring der Stadt im März Aufschluss geben werde, seien die Auswirkungen von immer teurerem Haushaltsstrom & Co. eher langfristig erkennbar.

Einen Zustand teilen alle Experten: Sie sind vorgewarnt. Tafel und Stadt können sich vorstellen, dass der Andrang steigt. Und Biehl erwartet bald noch mehr Beratungsbedarf: „Wir werden das jetzt in Kürze spüren, wenn nun die Rechnungen der Energieversorger kommen.“ Bereits zuletzt seien wesentlich mehr Menschen mit offenen Rechnungen gekommen.

Hintergrund

Ausgabe: Sekretariat und Hauptausgabestelle befinden sich in Lennep in der Wülfingstraße 1. Es gibt sechs weitere Ausgabestellen über das Stadtgebiet verteilt: in Hackenberg, Süd, Alt-Remscheid, Lüttringhausen, im Zentrum und am Hasten.

Spenden: Momentan sammelt die Remscheider Tafel Spenden – die Bethe-Stiftung beteiligt sich ebenfalls. Ziel ist es, das 2020 geleaste, zweite Kühlfahrzeug zu kaufen.

tafelremscheid.de

Standpunkt: Bedenkliche Verschiebung

Kommentar von Timo Lemmer

timo.lemmer@rga.de

Wozu sind die Tafeln da? Die meisten Menschen würden sicherlich zuvorderst daran denken, dass die Tafeln in Deutschland bedürftigen Menschen mit Lebensmitteln helfen. Und das stimmt natürlich auch. Aber wer weiß noch, weshalb die Tafeln ursprünglich einmal gegründet wurden? Noch vor ihrer Bestimmung, ökonomisch schwach aufgestellten Haushalten mit einer Grundversorgung unter die Arme zu greifen, stand die Idee, die Lebensmittelverschwendung in Deutschland zu reduzieren. Ein in erster Linie ökologischer Ansatz. Doch dieses Bild ist längst Geschichte, in der öffentlichen Wahrnehmung dominiert die Tafel als soziales Sicherheitsnetz. Nicht, weil Verschwendung hinter uns liegt, sondern weil die soziale Frage die ursprüngliche Idee deutlich überlagert. Dass es die Tafel gibt, ist gut und wichtig, dass sich ihre Bedeutung indes derart verschoben hat, ist erschreckend. In einer idealen Welt dürfte es die Tafeln nicht geben, nicht in einem der reichsten Länder der Welt. Dieses Ideal mag Utopie, eine Wunschvorstellung sein. Aber dass derartige Zuwächse wie in der Nachbarstadt Wuppertal zu befürchten sind, die Tafel dort unter dem gewachsenen Anstieg beinahe zusammenbricht, ist beschämend.

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