Interview der Woche

„Frau Wemhöner, was macht eigentlich eine Diversitätsbeauftragte?“

Dr. Uwe Busch und Sarah Wemhöner mit der „Charta der Vielfalt“ im Nobelpreisraum.
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Dr. Uwe Busch und Sarah Wemhöner mit der „Charta der Vielfalt“ im Nobelpreisraum.
  • Melissa Wienzek
    VonMelissa Wienzek
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Sarah Wemhöner arbeitet im Röntgen-Museum. Was sie tut, soll Vorbildcharakter über Remscheid hinaus haben. Die Frage dahinter ist so banal wie kompliziert: Wie erreicht das Museum eigentlich alle? Und was ist schon „normal“?

Frau Wemhöner, was bedeutet eigentlich Diversität?

Sarah Wemhöner: Ein einfacherer Begriff dafür ist Vielfalt. Vielfalt kann man auf viele Lebensbereiche anwenden. Aus der soziologischen Perspektive gesehen, bezeichnet es die Vielfältigkeit unserer Gesellschaft. Wir leben in Deutschland, aber nicht alle Menschen sind gleich. Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Hautfarbe, soziale, ethnische und nationale Herkunft, Religion, Behinderung sind die grundlegenden Persönlichkeitsmerkmale, die uns unterscheiden. Anhand derer unterscheidet sich unsere Gesellschaft.

Historisch gewachsen, gibt es Merkmalsausprägungen, die wir als ,normal‘ empfinden und Merkmalsausprägungen, die von dieser sozialen Norm als abweichend empfunden werden. Wenn ich in Deutschland geboren bin, hier lebe, männlich, heterosexuell bin, entspreche ich weitestgehend der Norm und habe dadurch einen ganz anderen gesellschaftlichen Status als jemand, der andere Merkmalsausprägungen mit sich bringt.

Sie sind bei der Stadt Remscheid als Diversitätsbeauftragte eingestellt worden und sind angesiedelt beim Deutschen Röntgen-Museum in Lennep. Was machen Sie?

Wemhöner: Ich begleite das Deutsche Röntgen-Museum in einem Prozess, der zum Ziel hat, Diversität inklusiv von innen heraus zu leben und zu fördern – und das dann auch nach außen zu tragen. Dazu erstellen wir jetzt ein Konzept. In allen Bereichen des Museums soll der inklusive Gedanke der Diversität nachhaltig implementiert werden.

Wir müssen alle anfangen umzudenken.

Sarah Wemhöner

Wie machen Sie das?

Wemhöner: Im Vordergrund stehen die Wissensvermittlung, die Sensibilisierung und der Erfahrungstausch. Es gab bereits Workshops für das Team des Deutschen Röntgen-Museums. Inhaltlich wurde sich mit Stereotypen, Diskriminierung, Vorurteilen, eigenen Privilegien, einer respektvollen Sprache und weiteren Themen auseinandergesetzt.

Warum ist es Aufgabe eines Museums, sich mit Diversität zu beschäftigen?

Wemhöner: Als öffentliche Einrichtung möchte das Deutsche Röntgen-Museum nicht nur Vorbildcharakter haben, sondern sich auch gesellschaftlich positionieren. Es geht um Haltung. Im Foyer stellen wir daher die unterschriebene Charta der Vielfalt aus, eine Selbstverpflichtung des Arbeitgebers, sich für ein vielfältiges Miteinander einzusetzen.

Diversität ist Führungssache. Es bringt aber auch jedem anderen Unternehmen Vorteile, sich damit zu beschäftigen: Es ist statistisch bewiesen, dass die Arbeitseffektivität und die Arbeitseffizienz gesteigert werden, wenn man in diversen Teams arbeitet. Firmen können sich zudem neue Zielgruppen erschließen.

Und warum ist gerade das Deutsche Röntgen-Museum der Ort, an dem dieser Prozess startet?

Wemhöner: Weil hier schon immer Innovationen gelebt werden. Die meisten Museen befinden sich erst noch am Anfang von diesem Prozess. Dann kam die Ausschreibung des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW „Neue Normalität - Diversitätsentwicklung in Kultureinrichtungen“. Das Deutsche Röntgen-Museum hat sich beworben – und ist ausgewählt worden.

Es ist kein Projekt - es ist ein Standpunkt.

Dr. Uwe Busch, Leiter Röntgen-Museum

Dr. Uwe Busch: Wir waren im Grunde schon seit Beginn der Neukonzeption auf diesem Weg. Die Medien, die wir hier anbieten, bereiten wir so auf, dass möglichst viele daran teilhaben können – zum Beispiel beim Thema Audioguide. Es gibt ihn auch in Audiodeskription, in Gebärdensprache und einfacher Sprache.

Schon bevor die Ausschreibung kam, haben wir gemeinsam mit dem Beirat für Menschen mit Behinderung überlegt, wie man einen besseren Zugang schafft. Diesen Zuschlag erhalten zu haben, ist ein Privileg: Wir sind eine von zwölf Institutionen in NRW und nur eines von zwei Museen.

Es ist kein Projekt, sondern ein Startpunkt. Und jetzt geht es kontinuierlich und gemeinsam weiter. Eine erste Maßnahme wurde bereits umgesetzt: An der Glaswand im Treppenhaus zum Labor X können alle Besuchenden ihre Wünsche und Ideen zu einem vielfältigen Museum aufschreiben.

Sollen die Erfahrungen, die das Deutsche Röntgen-Museum in diesem Bereich sammelt, weitergegeben werden?

Busch: Ja. Zunächst wollen wir die Ideen auf die anderen städtischen Kulturinstitute übertragen, dann in die Stadtverwaltung und schließlich in die Stadtgemeinschaft. Denn es ist wichtig, für das Thema zu sensibilisieren. Bei einer Veranstaltung letzte Woche hatten wir viele Vertretende aus Politik und Verwaltung in unserem Hause, denen wir unsere Ideen vorgestellt haben. Ihnen ist das Thema genauso wichtig wie uns.

Wemhöner: Das Ziel ist es, den inklusiven Gedanken der Diversität überall zu implementieren. Es soll eine ,neue Normalität‘ entstehen. Unsere sozialen Normen werden dabei aufgebrochen. Wir müssen alle anfangen, umzudenken und neue Routinen schaffen, damit die Teilhabe aller Menschen gleichermaßen gefördert werden kann.

Was hat der Besucher des Deutschen Röntgen-Museums davon?

Wemhöner: Alle Menschen, egal, was sie mitbringen, sollen sich hier selbstständig orientieren können. Dabei geht es nicht nur um die physische Mobilität. Es geht auch darum, dass alle Menschen inhaltliche Anknüpfungspunkte im Museum finden.

Zum Beispiel?

Wemhöner: Im Museum wird die Entdeckung und Entwicklung der Röntgenstrahlen und bildgebend Diagnostik erzählt - aus einer europäischen Perspektive. Und diese beinhaltet, dass der Zugang zur Strahlendiagnostik selbstverständlich ist. Für Menschen, die in Ländern des globalen Südens leben oder aus ihnen stammen, ist der Zugang zur Strahlendiagnostik keine Selbstverständlichkeit. Sprich: Es geht um die Perspektive, aus der erzählt wird. Und um Aufklärung.
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Und wie soll das in die Dauerausstellung integriert werden?

Wemhöner: Das ist die Herausforderung, denn es gibt keine Blaupause. Wir müssen uns unser Haus anschauen und sehen, wo die Stärken liegen. Meiner Meinung nach ist das hier unter anderem die Bildungs- und Vermittlungsarbeit. Das heißt, wir könnten Themenführungen, Sonderausstellungen, Diskussionen, Vorträge anbieten.

Wir wollen zudem am Leitsystem arbeiten: Alle sollen sich selbstständig orientieren können. Uns schwebt ein Exponat im Foyer vor, das sowohl gesehen, ertastet als auch gehört werden kann. Auch bei den Texten soll gewährleistet werden, dass sich alle angesprochen fühlen. Das Taktile ist noch ausbaufähig.

Zudem wurde bei einer Begehung bereits festgestellt, dass die Rampe nicht wirklich barrierefrei ist. Deshalb haben wir nun einen elektrischen Rollstuhl angeschafft, der entliehen werden und diese Rampe befahren kann. Wir haben die Museumshocker aufgestockt, zudem gibt es Lupen zum Entleihen.

Busch: Zudem haben wir Out-reach-Projekte, zum Beispiel das X-perimente Mobil, mit dem wir zu ländlich gelegenen Schulen fahren und Museum vor Ort machen. Und wir wollen die Mehrsprachigkeit von Kindern mehr in den Blick nehmen – hier wird es Testungen geben, die die ehemalige Schulrätin Frau Dörpinghaus begleitet. Wir suchen neue Formen der Vermittlung. Denn wir fragen uns: Sind die Formate, die wir anbieten, überhaupt zielführend?

Zur Person: Sarah Wemhöner

Sarah Wemhöner (34) stammt aus Stuttgart, hat in Marburg Erziehungs- und Bildungswissenschaften (BA) studiert, ehe sie in Köln den Master in interkultureller Kommunikation und Bildung ablegte. Zuletzt arbeitete sie als Bildungsreferentin bei einem Jugendverband, war dort Fachreferentin für Diversität und Vielfalt, und hat sich weitergebildet im Bereich systemische Organisationsentwicklung und Diversity Management sowie interkulturelle Öffnungsprozesse. Wemhöner lebt in Köln.

Dr. Uwe Busch leitet das Deutsche Röntgen-Museum in Lennep.

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