Interview der Woche

André Carouge: „Manches Bild bleibt für immer haften“

Zum letzten Mal als Pastor in der Friedenskirche: Am Sonntag verabschiedete sich die Gemeinde von André Carouge.
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Zum letzten Mal als Pastor in der Friedenskirche: Am Sonntag verabschiedete sich die Gemeinde von André Carouge.
  • Axel Richter
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André Carouge widmet sich ganz der Notfallseelsorge und betreut Rettungskräfte nach schwierigen Einsätzen.

Remscheid. André Carouge ist Pastor der Friedenskirche, Hauptbrandmeister bei der Freiwilligen Feuerwehr und Notfallseelsorger im Notfallseelsorgesystem Remscheid. Am Sonntag verabschiedete sich die Baptistengemeinde von ihm. Zum 1. Juni wechselt Carouge zum Evangelischen Kirchenkreis Düsseldorf-Mettmann und widmet sich dort der Notfallseelsorge und psychosozialen Betreuung von Rettungskräften. Der RGA sprach mit ihm über die schwierige Aufgabe, Menschen beizustehen, die sich in einer absoluten Ausnahmesituation befinden.

Herr Carouge, jüngst hat der RGA aus dem Pastor Carouge einen Pastor Courage gemacht. Wir waren allerdings nicht die Ersten, denen dieser Lapsus unterlaufen ist, oder?

André Carouge: Nein, natürlich nicht. Damals in der Schule ist bei uns nie Mutter Courage, sondern immer Mutter Carouge gelesen worden, das können Sie sich denken. Insofern: Ich bin Ihnen nicht böse. Alles gut.

Sie sind seit 28 Jahren Pastor, mehr als neun Jahre davon in Remscheid. Braucht es Courage, um noch einmal ganz von vorn anzufangen?

Carouge: Es ist für mich ja kein echter Neuanfang. Ich bin seit 1999/2000 in der Notfallseelsorge tätig. Ich weiß also, worauf ich mich einlasse. Und ich weiß auch, dass ich es kann. Zudem: Ich bin jetzt 51 Jahre alt. Ich habe mir gesagt: Wenn du noch einmal etwas Neues anfängst, dann jetzt. Irgendwann ist es dafür zu spät.

Sie werden Koordinator der ökumenischen Notfallseelsorge und der psychosozialen Unterstützung für Einsatzkräfte von Feuerwehr und Rettungsdienst. Welche Aufgaben stecken hinter dem langen Titel?

Carouge: Das sind zwei Bereiche: Ich organisiere den Einsatz der Ehrenamtlichen, die sich um Menschen kümmern, die sich in einer Notlage befinden, und bilde sie aus. Und ich kümmere ich mich um die Einsatzkräfte von Feuerwehr und Rettungsdienst. Dazu bin ich wie heute auch Ansprechpartner und fahre mit zu den Einsätzen. Die Bilder, die die Einsatzkräfte dort sehen, sind oft nur schwer zu verarbeiten. Es geht also um Psychohygiene, denn irgendwann droht, auch bei erfahrenen und gestandenen Einsatzkräften das Fass überzulaufen.

Sie sind selbst seit 21 Jahren auch aktiver Feuerwehrmann und als Hauptbrandmeister bei der Freiwillen Feuerwehr Nord aktiv. Ist das wichtig für Ihre Aufgabe als Notfallseelsorger beziehungsweise Gesprächspartner für die Kameraden?

Carouge: Absolut. Als ich damals als Feuerwehrmann zu meinem ersten Einsatz gefahren bin, hat man mich mit Skepsis erwartet: Da kommt jetzt der Pastor, schau´n wir mal. Nach dem Einsatz habe ich nach Qualm gestunken wie alle anderen auch. Da war alles gut und ich akzeptiert.

Wie sieht Ihre Hilfe aus?

Carouge: Im Erzählen liegt Verarbeitung. Wir sprechen deshalb auch von Entlastungsgesprächen. Manchmal höre ich also einfach nur zu. Wichtig ist, den Einsatzkräften zu zeigen: Du bist nicht alleine mit Deinen Erlebnissen. Wir sind ja keine Lösch- oder Rettungsmaschinen, sondern wir sind Menschen und müssen lernen, mit den Bildern in unserem Kopf zurechtzukommen. Dazu brauchen wir Hilfe.

Davon können frühere Generationen bei der Feuerwehr und im Rettungsdienst nur träumen.

Carouge: Ja. Und manche Erlebnisse bleiben für immer haften. Ich habe jüngst noch einen Mann gesprochen, der beim Flugzeugabsturz 1988 in Remscheid einen Rettungswagen fuhr. Der erzählte davon, als wäre es gestern gewesen.

Das gilt auch für das Eisenbahnunglück von Radevormwald vor 51 Jahren. Die Helfer von damals erinnern sich noch genau an viele Details.

Carouge: Ja, und sie mussten damit ganz allein zurechtkommen. Viele von ihnen wussten ja noch nicht einmal, auf welche Einsatzlage sie treffen würden. Deshalb ist Kommunikation so wichtig. Heute können alle Kräfte, die in einem Einsatzfahrzeug sitzen, den Funkverkehr mithören. Das heißt, sie wissen, wie die Lage vor Ort ist und sie laufen nicht ins offene Messer.

Wenn man so viel mit Menschen zu tun hat, die Schlimmes erlebt haben: Wie sorgen Sie selbst dafür, dass Ihr Fass nicht überläuft?

Carouge: Ein Beispiel: Ich schaue mir, wenn ich als Notfallseelsorger zu einem Einsatzort komme, nicht alles an. Bilder, die ich nicht gesehen habe, können sich bei mir nicht festsetzen. Und natürlich muss ich auch für meine eigene Entlastung sorgen und für die Entlastung meiner Mitarbeiter. Das gelingt mir ganz gut. Es gibt viele Orte in Remscheid, die mich an schwierige Einsätze erinnern. Ich fahre deshalb aber keine Umwege.

Gewinnen Sie dennoch auch so etwas wie Zufriedenheit?

Carouge: Ja. Ich habe ja das große Glück, als Notfallseelsorger in einem Bereich zu arbeiten, wo Kirche als etwas Positives wahrgenommen wird. Ich fahre deshalb nach vielen Einsätzen mit der Gewissheit nach Hause, als Person zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein. Das kann ich nicht für jede Sitzung behaupten, die ich für die Kirche bestritten habe.

Sie bleiben mit Ihrer Familie in Remscheid. Auch bei der Feuerwehr und bei der Gemeinde?

Carouge: Ja, in der Gemeinde allerdings nur als einfaches Gemeindemitglied. Darauf freue ich mich.

Wer wird eigentlich Ihr Nachfolger als Pastor?

Carouge: Das steht noch nicht fest. Uns geht es wie vielen anderen Arbeitgebern: Auf drei offene Stellen gibt es einen Bewerber. Es werden deshalb Kollegen aus der Nachbarschaft bei uns aushelfen. Und ich in der Nachbarschaft.

Zur Person

André Carouge (51) ist gebürtiger Solinger. Nach einer Ausbildung zum Sozialversicherungsfachangestellten und dem Zivildienst an einer Schule für schwerstbehinderte Kinder ließ er ein Theologiestudium folgen, ging als Jugendpastor nach Ostdeutschland und arbeitete danach als Pastor in Wesel und Kamp-Lintfort. Seit neuneinhalb Jahren lebt und arbeitet er in der Baptisten-Gemeinde der Friedenskirche Remscheid. Sie zählt aktuell 360 Gemeindeglieder.

Der künftige Arbeitgeber von André Carouge ist der Kirchenkreis Düsseldorf-Mettmann. Trotz des Namens gehört die Landeshauptstadt nicht dazu. Der Kreis reicht von Hilden im Süden über Erkrath und Haan bis nach Velbert, Heiligenhaus und Ratingen im Norden. André Carouge ist verheiratet und Vater einer elfjährigen Tochter.

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