Kritik am Lockdown

Gastronom: „Man hat uns zum Buhmann gemacht“

Kai Robert Paulus (rechts) und Joachim Schreiber schließen am Sonntag ihre Villa Paulus komplett. Sie liefern nicht und kochen auch nicht zum Abholen für zu Hause. „Die Betriebskosten fressen die Einnahmen auf“, sagen die beiden Gastronomen. Foto: Roland Keusch
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Kai Robert Paulus (rechts) und Joachim Schreiber schließen am Sonntag ihre Villa Paulus komplett. Sie liefern nicht und kochen auch nicht zum Abholen für zu Hause. „Die Betriebskosten fressen die Einnahmen auf“, sagen die beiden Gastronomen.
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Gastronomen, Kulturschaffende, Sport- und Freizeitanbieter betrachten Lockdown als zutiefst ungerecht.

Von Melissa Wienzek und Axel Richter

Remscheid. Mit denen, die sich Querdenker nennen und auf Straßen und Plätzen dummes Zeug erzählen, haben sie nichts gemein. Allerdings begegnen Remscheider Gastronomen, Kulturtreibende sowie Anbieter von Sport- und Freizeitangeboten dem neuen Lockdown mit Kritik. Denn ausgerechnet sie, die sich seit Monaten peinlich genau an alle Hygienevorschriften halten und auf deren Konto bis heute kein einziger Coronafall geht, sollen ihren Betrieb ab Montag bis Ende November schließen. „Man hat uns als Buhmann ausgemacht“, sagt Kai Robert Paulus, mit Joachim Schreiber Chef der Villa Paulus. „Dabei waren wir nie Treiber der Pandemie.“

Das weiß auch der Krisenstab der Stadt Remscheid. „Man darf manches kritisch sehen“, sagt auch Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz (SPD) in einer gestern veröffentlichten Videobotschaft. Doch, ergänzt darin Krisenstabsleiter Thomas Neuhaus (Grüne): „Auch unser Gesundheitssystem stößt an seine Grenzen. Die Beatmungsgeräte sind knapp.“

„Alle glauben, man könne auf uns verzichten. Das pikt echt hart.“

Sonja Tewinkel, Klosterkirche

Ohnehin muss sich die Stadt an die Regeln halten, die das Land erlässt. Danach bleiben Schulen, Kindergärten sowie der Handel geöffnet. Die Gastronomiebetriebe dürfen Speisen dagegen nur noch liefern oder für den Verzehr zu Hause ausgeben. Der Teil-Lockdown betrifft außerdem die Theater, das H2O sowie den Freizeit- und Sportbetrieb.

Unverhältnismäßig nennt das Michael Wenge, Hauptgeschäftsführer der Bergischen Industrie- und Handelskammer. Statt das Fehlverhalten Einzelner auf die Gastronomie- und Freizeitbranche abzuwälzen, müssten gezielte Maßnahmen getroffen werden. Wenge befürchtet zahlreiche Insolvenzen und im gesamten bergischen Städtedreieck den Verlust von Tausenden Arbeitsplätzen.

Unverständnis auch bei Sonja Tewinkel. „Wir sind die Ersten, die zugemacht werden und die Letzten, die wieder öffnen dürfen – und das, obwohl Theater nicht die Superspreader sind“, sagt die Managerin der Lenneper Klosterkirche. Für die Motivation der Kulturschaffenden sei das schwer nachzuvollziehen. „Alle glauben, man könne auf uns verzichten. Das pikt echt hart.“

Auch im Teo Otto Theater hoffen sie auf den Dezember. Gerade noch versuchte man, die Oper „Rigoletto“ zu retten – dann kam das Aus. Ob Museen und Bibliotheken vom Lockdown betroffen sind, ist noch unklar. Derweil sorgt sich David Schmidt, ob wenigstens seine Musikschule in Lennep geöffnet bleibt. Sein Rotationstheater und das -café sind ab Montag geschlossen.

Geschlossen bleibt auch der Trainingsbereich im Sport- und Fitness-Center Medora. „Die Infektionen in der Gesundheitsbranche sind nachweislich gering bis nicht vorhanden. Trotzdem müssen wir die Bude zu machen“, sagt Inhaber Sascha Schnitzler. Ein Dutzend Mitarbeiter gehen deshalb in Kurzarbeit. Immerhin: Seine Therapeuten dürfen weiter arbeiten. „Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben“, fordert Schnitzler. „So lange wir die Schutzmaßnahmen nicht in unser tägliches Tun und Lassen einfließen lassen, werden die Zahlen wieder steigen.“

Schnitzlers Medora wird im Dezember wieder öffnen. Auch die Villa Paulus wird den neuerlichen Lockdown überstehen. Kai Paulus und Joachim Schreiber betreiben daneben einige Tankstellen. Damit stützen sie ihr Restaurant und halten auch ihre 25 Mitarbeiter in der Gastronomie über Wasser. Andere in ihrer Branche verfügen nicht über einen solchen Hintergrund.

Das Brauerhaus am Markt hat in der Corona-Wirtschaftskrise nicht überlebt. Bei der Stadt ist die Sorge groß, dass noch viele Gastronomen und Einzelhändler das Schicksal teilen. Eine Werbekampagne appelliert an Solidarität und Heimatgefühl.

Auch Remscheids Vereine kämpfen mit der Krise. Organisationen sehen sich mit vielfältigen Herausforderungen konfrontiert.

Mit einem Notfallfonds linderte der Kulturausschuss die Not der Remscheider Künstler und Vereine. Einstimmig beschlossen sie ein 200 000 Euro starkes Trostpflaster

Standpunkt: Lernen, damit zu leben

Von Axel Richter

axel.richter@rga-online.de

Wieder schließen die Restaurants, Geschäfte, Kinos und Theater. Können wir das Virus damit ausbremsen, damit die Infektionswelle unser Gesundheitssystem nicht überfordert? Hoffentlich. Aber was dann? Was folgt auf die erhoffte Phase mit einem geringeren Infektionsgeschehen, wenn die Zahlen dann irgendwann wieder steigen? Der dritte Teil-, Wellenbrecher-Lockdown oder wie man das Vor-die-Wand-Fahren unserer Volkswirtschaft dann nennen möchte? Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben, fordert Medora-Chef Sascha Schnitzler. Das heißt auch, wir müssen lernen, den gefährdeten Personenkreis zu schützen. Und diejenigen, deren gesundheitliches Risiko geringer ist, müssen sich zwar ebenfalls schützen. Sie müssen aber auch ihrer Arbeit nachgehen können. Denn Sars CoV-2 wird uns nicht verlassen. Nicht nach einer Impfung, die es hoffentlich ab dem nächsten Jahr geben wird, nicht in zwei und auch nicht in zehn Jahren. Derweil dürfen die Schäden der Wirtschaftskrise nicht größer werden als die der Gesundheitskrise. Anderenfalls werden wir dieses Land eines Tages nicht mehr wiedererkennen.

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