Lieber Kerzen anzünden als Fackeln vor Häusern

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Mein Blick auf die Woche

Mein Blick auf die Woche

Von Stefan M. Kob

Das hatten wir uns alle anders vorgestellt. Das vergangene Weihnachtsfest im Lockdown mit geplatzten Firmen- und Familienfeiern sollte im schlechtesten Wortsinn einmalig bleiben: Die Impfwelle baute sich gerade auf und mit ihr die Hoffnung, dass die Menschheit dieses neuartige Virus wenn schon nicht besiegen, so doch wenigstens beherrschen könnte. Doch es kommt schlimmer als zuvor: Die Inzidenzen hoch wie nie, hinter der sich brechenden vierten Welle rollt der Omikron-Tsunami auf uns zu, die Impfkampagne lahmt, die Kliniken schlagen Alarm, das Pflegepersonal ist mit Nerven und Kräften am Ende – der nächste Lockdown dürfte schneller kommen, als der Christbaum abgetakelt ist. Wie kann das alles sein?

Es ist nicht gelungen, Vertrauen in die Wirksamkeit und Verträglichkeit der Impfstoffe herzustellen – und damit die Chance zu wahren, die gesamte deutsche Herde zu immunisieren. Im Gegenteil: Die einen sehen ausschließlich im lückenlosen Impfen die Rettung aus der Krise, die anderen lehnen es aus den verschiedensten Gründen standhaft ab, sich die Segnungen der modernen Medizin injizieren zu lassen.

Der Graben wird immer tiefer zwischen denjenigen, die meinen, der Staat wolle uns alle schützen, und denjenigen, die glauben, der Staat wolle uns allen schaden. Der Mangel an Vertrauen nährt sich auch aus einem staatlichen Corona-Regime, das in Teilen alles andere als konsequent und verständlich ist. Schwere Versäumnisse wechseln sich ab mit sinnlosen Verboten und schwer nachvollziehbaren Regeln. Aber eines sollten wir bei aller notwendigen Kritik nie in Zweifel ziehen: Dass die Verantwortlichen stets nach bestem Wissen und Gewissen handeln, gerade hier vor Ort in unserer Stadt, wo die kommunalen Stellen in vorderster Front des Kampfes stehen. Wer stattdessen die globale Verschwörung zum großen Reset wittert, um die Weltbevölkerung zu dezimieren, hat im Kreis der ernsthaften Diskutanten nichts verloren.

Daher ist es dringend Zeit, dass beide Lager innehalten und verbal abrüsten. Denn der Streit, in dem keine Seite mehr mit sachlichen Argumenten durchdringt, kennt nur Verlierer. Je höher der Druck steigt, so deutlicher wächst die Gefahr, dass uns unsere gesamte freiheitlich-demokratische Verfassung um die Ohren fliegt. Dieser Schaden wäre katastrophaler, als ihn die schlimmste Mutante anrichten könnte. Kein Wunder, dass diejenigen Kräfte, die genau darauf abzielen, hier ihre Chance auf Erfolg wittern. Die Spaltungs- und Radikalisierungstendenzen sind nicht mehr zu leugnen. Jeder und jede hat inzwischen die Erfahrung gemacht, dass wegen des C-Themas Kollegen auf Abstand gehen, Freundschaften zerbrechen, Familien verstummen, Tränen fließen. Gerade in der Weihnachtszeit könnte Innehalten gelingen, weil dem Fest die Sehnsucht nach Frieden, Freude, Verständnis, Versöhnung, Nächstenliebe geradezu innewohnt. Lasst uns lieber Kerzen am Baum entzünden als Fackeln vor Politiker-Häusern. Ob der am Montag freigegebene Totimpfstoff eine Brücke über die tiefen Gräben bauen kann, wird abzuwarten sein. Ein schönes Weihnachtsgeschenk ist die Zulassung allemal.

Remscheid richtet zwei zusätzliche Impfstellen ein.

Neuer Sinn-Leffers-Eigentümer will 4,5 Millionen Euro.

stefan.kob @solinger-tageblatt.de

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