Kommunikation

Lehrerin aus Remscheid wird zum Youtube-Star

  • Andreas Weber
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Hilda-Heinemann-Schule: Marion Thöne präsentiert Gebärden auch als Kinderlieder.

Remscheid. Über 74 000 Aufrufe binnen drei Monaten haben Marion Thöne zu einem Youtube-Star gemacht. Eigentlich wider Willen. Denn die Lehrerin der Hilda-Heinemann-Schule suchte mit dem Schulkollegium nur eine Plattform, um Eltern und ihren Kindern nicht nur Gebärden anschaulich zu vermitteln, sondern auch Lieder. „Wie schön, dass du geboren bist“ wurde im Internet ein kleiner Hit.

Neue Gebärden für den Youtube-Channel: Marion Thöne (li.) mit der Gebärde für „Komm“, Janina Fiß bedient die Kamera.

„Nach den ersten 500 Klicks hatten wir uns schon gefreut, weil es damit mehr Elternpaare waren, als wir an unserer Schule haben“, meint die 30-jährige Sonderpädagogin. Vor fünf Monaten richtete die Förderschule in Hackenberg ihren Youtube-Kanal ein. Der Gang ins Web geht zurück auf die „Gebärde der Woche“, die in der Schule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung als Mittel der „unterstützenden Kommunikation“ im Lehrplan verankert wurde.

Als Marion Thöne vor zwei Jahren kam, baute sie die nonverbale Verständigung aus. In ihrer rheinischen Heimat in Bergheim hatte Thöne als Zehntklässlerin ein Praktikum an einer Schule für geistige Behinderung gemacht und die Gebärden kennengelernt. Als Studentin in Heidelberg belegte sie später freiwillig Gebärdenkurse. Eine Erfahrung, die sie als Sonderpädagogin in der Hilda-Heinemann-Schule einbringt. Als sie bei ihrem Einstellungsgespräch davon erzählte, war die Schulleitung begeistert.

Von ihren Schülern in der Zebraklasse, der UV3, sprechen nur drei. Marion Thöne erhöhte das Pensum. Seither präsentiert sie die „Gebärden des Monats“, acht an der Zahl. Anfangs gab es sie auf Papier ausgedruckt, mit Piktogrammen und Schrift. Bis heute werden diese im Treppenaufgang zum ersten Stock im Hauptgebäude monatlich wechselnd aufgehängt.

Bei einer Sprache, die ohne Laute mit ihren Gesten und Bewegungen in den Raum geht, ist die visuelle Komponente entscheidend. Dieser trägt die Hilda Heinemann seit März mit Youtube-Auftritten Rechnung. Alle Gebärden sind dort eingestellt. Der August beginnt mit dem Monatsnamen August – einer kreisenden Bewegung der rechten Faust, die Handfläche nach vorne, im Uhrzeigersinn. „Auf einem Video mit der Bewegung kann man sich das besser abgucken als nur auf Papier“, findet Konrektorin Janina Fiß.

Alle vier Wochen wird der Lehrerkonferenz das aktuelle Video vorgestellt, das mit dem Segen des Kollegiums online gestellt wird. Über Gebärden sollen sich die Kinder und Jugendlichen schneller und besser mitteilen können.

In der Unterstufe bei Marion Thöne ging die Idee auf: „Meine Schüler sind so weit, dass sie sich ausdrücken können.“ Aber auch bei den anderen 150 Schülern sind die Gebärden angekommen. Sie ergänzen das Angebot, das ihnen mit den Apps „Go Talk Now“ und „Metatalk“ ohnehin zur Verfügung steht und über iPads in den 15 Klassen im Unterricht genutzt wird.

„Die Verknüpfung von Musik und Gebärden finde ich hochspannend.“

Janina Fiß, Konrektorin

Marion Thöne kann die Gebärdensprache nicht fließend anwenden, bezeichnet sich nicht als Expertin, ist aber fit mit sehr vielen Schlagworten, die im Alltag weiterhelfen. Das Liedgut kam mit Janina Fiß hinzu. Die stellvertretende Schulleiterin hat Musik studiert. „Musik ist meine große Leidenschaft und die Verknüpfung mit Gebärden finde ich hochspannend.“ So fand sich eine Dreier-Konstellation, die das Dienstzimmer von Fiß ab und zu in ein Tonstudio umfunktioniert.

Thöne bewegt die Lippen, Fiß steuert den Gesang bei, Lehrerin Ursula Johannigmann singt ebenfalls und spielt akustische Gitarre. Zuhause bei Familie Fiß wird die Einspielung geschnitten und zu einem Musikvideo mit Piktogrammen und den Texten zusammengesetzt. Rund anderthalb Stunden Aufwand rechnen die Beteiligten für die Fertigstellung.

Weiteres Kinderliedgut wird folgen. Längst ist das Projekt zu einer Herzensangelegenheit der beteiligten Damen geworden. „Wenn wir Ideen haben und es in den zeitlichen Rahmen passt, machen wir es“, verspricht Fiß. Sie könnte sich vorstellen, wenn der dringend notwendige Erweiterungsbau kommt, nicht nur ein provisorisches, sondern ein richtiges Tonstudio in der Schule einzurichten.

Das Kollegium erfüllt die Resonanz bei Youtube mit Stolz. „Mich begeistert, dass unser Anliegen von der Schule in die Familien getragen wird und dass man uns angesichts der enormen Klickzahlen außerhalb der Schule wahrnimmt und wir einen Bildungsauftrag erfüllen.“

Neu im Netz

„Kommt rein in die Schule“, zur Einschulungsfeier der Hilda Heinemann gerade ins Netz gestellt, ist die jüngste tönende Visitenkarte, die die Förderschule abgibt. „Ich lieb den Frühling“ und „Viel Glück und viel Segen“ erreichten zwar nicht so viele Aufrufe wie „Wie schön dass Du geboren bist“, liegen aber auch jenseits der 10 000.

Passend zum Thema: Remscheid investiert 44 Millionen Euro in fünf Grundschulen und eine Förderschule

Rubriklistenbild: © Doro Siewert

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