Interview der Woche

Sven Graf: „Kultur ist kein Luxus, sondern Nahrung“

Sven Graf ist seit September 2019 der künstlerischer Leiter des Teo Otto Theaters. Das Foto zeigt ihn beim 1. „Philharmonischen“ im September. Foto: Roland Keusch
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Sven Graf ist seit September 2019 der künstlerischer Leiter des Teo Otto Theaters. Das Foto zeigt ihn beim 1. „Philharmonischen“ im September.

Der künstlerische Leiter des Teo Otto Theaters, Sven Graf, über die Herausforderungen in der Pandemie.

Das Gespräch führte Melissa Wienzek 

Herr Graf, Sie sind vor einem Jahr und drei Monaten als neuer künstlerischer Leiter des Teo Otto Theaters mit der Idee angetreten, einen Kulturraum zu schaffen – auch abseits der Bühne. Ist Ihnen das gelungen?

Sven Graf: Selbst in idealsten Zeiten würde ich diese Frage nach etwas über einem Jahr noch mit nein beantworten – was mich aber nicht deprimiert, denn dies ist ein Marathonplan und kein Sprint. Einen Kulturraum zu schaffen, ist eine längerfristige Arbeit. Es ist aber schon einiges angestoßen worden. Zum Beispiel die produktive Arbeit an der KreaConvention (vormals Kulturbörse, Anm. d. Red.). Wir führen dort ein offenes, remscheidinternes Gespräch. Oder das Theaterprojekt mit der Kraftstation, das wir derzeit entwickeln. Oder der Tanzworkshop in Kooperation mit der Compagnie Illicite Bayonne. Es gab auch Anfragen, ein öffentliches Nachgespräch über das Stück ,Gott‘ zu machen. Ich hätte das auch wahnsinnig gern gemacht, das war aber unter Corona-Bedingungen nicht möglich. In dieser Gesamtreflexion liegt für mich viel – nicht nur ein Stück anschauen, sondern auch gemeinsam ins Gespräch kommen. Meine Aufgabe ist es, ständig neue Impulse zu setzen, um diesen Kulturraum zu schaffen. Ich bin mit dem ersten Jahr nicht unzufrieden.

Wie haben Sie das Remscheider Publikum kennengelernt?

Graf: Ich würde sagen, wir haben ein sehr aufgeschlossenes, interessiertes und begeisterungsfähiges Publikum. Wir haben ganz viele Menschen, die sich prinzipiell auch über Neues freuen und die Wege ein Stück weit mitgehen. Die Quantität könnten wir noch erhöhen. Mein Wunsch wäre es, dass die Zuschauer in einem Jahr sagen: ,Wenn der Graf sagt, es lohnt sich, dann will ich es mir anschauen.‘ Das hatten wir zum Beispiel bei ,Leo‘ – ein Programm, von dem man nicht weiß, was es genau sein soll. Ein innovatives Programm gelingt nur, wenn das Publikum mitgeht. Es muss ein Grundvertrauen in uns haben. Jetzt will ich es auf Dauer schaffen, zu begeistern.

Welche Vorstellungen waren dieses Jahr beliebt?

Graf: Rein von den Verkaufszahlen her ,My Fair Lady‘ mit dem Landestheater Detmold und den Symphonikern, das hätten wir doppelt verkaufen können. Dann natürlich auch die Konzerte mit den ,Bergischen‘, wenn sie spielen durften. ,Leo‘ war vom Verkauf her nicht so gut, aber inhaltlich habe ich nur begeisterte Stimmen gehört. Auch ,Gott‘ war von der Zuschauerzahl her nicht so stark, aber die Resonanz war sehr gut. Jetzt muss man dies natürlich alles im Kontext der Pandemie sehen. Viele waren generell zurückhaltender.

Womit punktet das Teo Otto Theater?

Graf: Das Teo Otto Theater ist eine Perle. Man kann dort einfach einen schönen Abend verbringen. Das fängt schon beim Sekt vorher an. Das Haus heißt einen kulturell sehr willkommen. Ich gebe mir aber auch alle Mühe, dass wir auch mit unserem Programm punkten. Vorneweg sind dabei die Bergischen Symphoniker als eigenes Orchester zu nennen, was meines Wissens nach in Deutschland für ein Gastspielhaus einzigartig ist. Und wir haben als Gastspielhaus ohne eigenes Ensemble die Möglichkeit, ganz genau auszuwählen, was wir zeigen wollen. Wir können aus dem Vollen schöpfen. Nationale Schauspielstars aus Film und Fernsehen, international hochkarätige Tanzensembles und großes Musiktheater, das sich vor anderen großen Häusern nicht verstecken muss. Wir haben schon was zu bieten. Mein Motto ist: Es wird nur besser, wenn wir es besser machen. Und dazu gehört: halt einfach mal machen. Dabei auch Fehler zu machen, halte ich für gesund.

Die Hälfte Ihrer bisherigen Zeit im Teo Otto Theater war der Pandemie unterworfen. Vor welche Herausforderungen stellt Sie das als künstlerischer Leiter?

Graf: Eigentlich vor jede. Wir haben natürlich kein künstlerisches Konzept durchsetzen können in dieser Zeiten, keinen übergeordneten Bogen. Eine Aufführung hat immer etwas mit Erleben zu tun, dass man sich in ein Thema hineinbegibt und vielleicht plötzlich merkt, dass die eigene Perspektive gar nicht so gefestigt ist, wie man eigentlich dachte. Und das ist gut so. Ich plane gerade die Spielzeit 2021/2022. Es ist schwierig, denn die Anbieter können keine festen Aussagen für die Zukunft machen. Dann sitzt man da und verschiebt Termin um Termin. Es ist ein zweischneidiges Schwert: Wir möchten so schnell wie möglich wieder spielen, aber alle zwei Wochen umplanen ist anstrengend. Ich würde gerne effektiver mit dieser Situation umgehen und proaktiver werden.

„Wir werden das Haus nur öffnen, wenn wir es nach bestem Wissen sichern können.“

Sven Graf

Wie bei „Rockin’ around the X-mas tree“?

Graf: Ja. Das lief hervorragend. Ich war wirklich begeistert, dass da so viele Leute mit uns im Stream mitgegangen sind. Es gab Zugriffe von mehreren Kontinenten, am Ende waren es 8000 Klicks. Das tat gut. Wir haben in dieser Zeit kein übergeordnetes künstlerisches Konzept verwirklichen können. Dieses konnte man nur erahnen.

Warum war es Ihnen wichtig, mit als erstes Theater Deutschlands im Mai nach dem Lockdown sofort wieder an den Start zu gehen?

Graf: Erstmal waren wir sehr darauf bedacht, dass es sicher ist. Wir mussten sehr gewissenhaft vorgehen, um maximale Sicherheit garantieren zu können. Mit unseren ausgebauten Sitzreihen hatten wir aber einen riesigen Vorteil im Gegensatz zu anderen Häusern, den Abstand auch nach vorne und hinten zu gewährleisten. Wir hatten im Lockdown Zeit, uns vorzubereiten. Wir wollten mit dem Programm ,Tune the June‘ sagen: Wir sind da, wir machen unsere Hausaufgaben. Denn es darf uns als Kultur nicht passieren, dass wir sagen: Wir könnten zwar, aber wir haben es nicht hingekriegt. Wir müssen uns gelegentlich mal alle zusammen die Seele streicheln in dieser Pandemie. Denn was im Hintergrund abläuft – Depressionen, Vereinsamung – ist ein ernstzunehmendes Problem. Kultur ist kein Luxus, sondern Nahrung, die einen unverzichtbaren Teil in uns am Leben hält. Gerade in diesen Pandemiezeiten ist nichts mehr gefragt als ein gemeinschaftliches Handeln.

Durch die Krise ist die Kulturszene erneut in die Diskussion geraten. Welchen Stellenwert hat die Kultur?

Graf: Wir haben gerade mit der Corona-Krise Aufgaben, die auf die allermeisten noch nie zugekommen sind. Wie man damit richtig umgeht, diese Frage überfordert viele. Dazu gehört beispielsweise auch, die Unterschiede der Streitkultur von Wissenschaft und Populismus zu durchschauen. Da stecken Mechanismen hinter. Der Populismus neigt dazu, die Meinung zu ändern, wenn es opportun ist, die Wissenschaft, wenn sie neue Erkenntnisse gewonnen hat. Ein wichtiger Unterschied. Dieses Zusammen-Entdecken und Erschließen wohnt der Kultur seit jeher inne. Es ist keine angeborene Fähigkeit, über den Tellerrand zu schauen, aber man kann es lernen. Man muss sehen: Wirtschaftlicher und beruflicher Erfolg stehen im Wertekatalog unserer Gesellschaft ganz oben. Da fällt es uns schwer, einer breiten Masse begreiflich zu machen, warum es wichtig ist, ein kulturelles Leben aufrechtzuerhalten. Gemeinschaftskultur bedeutet auch mentale Gesundheit und geistige Flexibilität. Kultur ist in dieser Zeit mehr denn je überlebenswichtig. Auf den Gedanken zu kommen, dass die Kultur einen niedrigeren Stellenwert haben könnte als etwas anderes in dieser Zeit, ist fatal.

Wie geht es im neuen Jahr weiter mit dem Theater?

Graf: Wir sind im Moment noch in einer Phase, in der wir auf Sicht fahren. Durch die Art und Weise, wie die Maßnahmen getroffen werden, ist es schwierig, längerfristig zu planen. Das tun wir aber trotzdem. Ich habe schon viele Vorstellungen verlegt. Wenn wir hoffentlich bald wieder den Vorverkauf starten können, empfehle ich jedem einen Blick auf unsere Internetseite. Dort gibt es immer die aktuellen Termine. Wir haben ein paar Sachen retten können, zumindest nach momentanem Stand. Und wir werden das Haus nur dann öffnen, wenn wir denken, dass wir es nach bestem Wissen sichern können. Wenn wir einladen, eine Vorstellung anzuschauen, dann hat diese Entscheidung viele Hürden überwunden – und das wird nur passieren, wenn sich das Publikum wohlfühlen kann.

Zur Person

Nach seinem ersten pädagogischen Staatsexamen in den Fächern Musik, Germanistik und Theologie in Freiburg studierte der gebürtige Freiburger Sven Graf (39) Kultur- und Medienmanagement in Berlin. Er schloss 2013 mit dem Master ab. 2005 bis 2010 gehörte er zur Leitung des Theaters 1098 Freiburg. Ab 2013 war er Leiter der Abteilung Tanz und Entertainment bei der Konzertdirektion Landgraf. Seit September 2019 ist er künstlerischer Leiter des Teo Otto Theaters mit einem Fünf-Jahres-Vertrag. Er setzte sich gegen 37 Bewerber um die Dreiviertelstelle im Teo Otto Theater durch. Sven Graf lebt in Remscheid.

Das Coronajahr war auch für das Teo Otto Theater eine Herausforderung. Das erste Haus am Platz musste mehrfach schließen, ständig neue Vorschriften des Landes umsetzen, immer wieder das Programm umplanen.

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