Corona-Krise

Kultur braucht dringend Unterstützung

Seit 1994 ist Oliver Hanf Berufsmusiker. Wirtschaftlich erlebt er aktuell wohl die schwierigste Phase seiner Karriere.
+
Seit 1994 ist Oliver Hanf Berufsmusiker. Wirtschaftlich erlebt er aktuell wohl die schwierigste Phase seiner Karriere.

Politiker kritisiert, dass Veranstaltungsbranche und Schausteller nicht von Notfallfonds profitieren

Von Manuel Böhnke

Remscheid. 200 000 Euro für Einrichtungen, Kulturschaffende und künstlerische Projekte – das klingt nach einer tollen Nachricht. In Volker Leitzbachs Augen greift der jüngst auf den Weg gebrachte Remscheider „Notfallfonds Kultur“ aber zu kurz. Dem SPD-Kommunalpolitiker, der seinen Rückzug aus der Politik nach der Kommunalwahl bekanntgegeben hat, fehlt es an Unterstützung für Schausteller, Artisten und die Veranstaltungsbranche. Karl-Heinz Humpert (CDU) weist die Kritik zurück. „Verteilen wir das Geld wie mit der Gießkanne, hilft das keinem wirklich“, erklärt der Vorsitzende des Kulturausschusses.

Die Mittel des Notfallfonds stehen zur Verfügung, da die Stadt wegen ausgefallener Veranstaltungen im Teo Otto Theater Honorare gespart hat. Außerdem musste weniger an die Bergische Symphoniker GmbH abgeführt werden, weil die Musiker in Kurzarbeit sind. Der Antrag ist bis zum 30. September einzureichen. Der Ausschuss für Kultur und Weiterbildung entscheidet, wer Geld erhält. Grundlage ist ein Vorschlag der Verwaltung. Ein Rechtsanspruch auf Bewilligung besteht nicht (| Kasten).

„Verteilen wir das Geld wie mit der Gießkanne, hilft das keinem wirklich.“

Karl-Heinz Humpert, Kulturausschussvorsitzender

„Wir haben das Förderprogramm bewusst sehr offen gestaltet, um möglichst vielen Kulturschaffenden helfen zu können“, betont Kulturdezernent Sven Wiertz. Ziel sei es, die „Remscheider Kulturstruktur“ zu erhalten. Der Vorstoß sei allerdings nur sinnvoll, wenn er Unterstützung in einem „relevanten Umfang“ ermögliche. Für Betriebe, die aus dem Raster fallen – etwa die genannten Schausteller oder Veranstaltungstechniker – gebe es die Überbrückungshilfe von Bund und Land. Außerdem könnten auch sie vom Notfallfonds profitieren, wenn die Förderung Veranstaltungen oder Projekte ermöglicht.

Wie hoch die Nachfrage für den Kulturfonds ist, kann der Dezernent erst in einigen Wochen genauer sagen. „Das Interesse ist allerdings hoch“, betont Sven Wiertz. Trotz seiner Kritik ermutigt auch Leitzbach die Remscheider Kulturschaffenden, einen Antrag zu stellen – selbst wenn sie einzelne Kriterien nicht erfüllen: „Was habt ihr zu verlieren?“

Gleichzeitig betont er, dass die Szene nur überleben könne, wenn wieder Veranstaltungen stattfinden. In diesem Zusammenhang wirft Leitzbach die Frage in den Raum, woran es liegt, dass in Remscheid derzeit keine „dringend erforderlichen Events“ stattfinden. Bereits in der Juni-Sitzung des Stadtrates hatte der SPD-Politiker von der Verwaltung wissen wollen, welche Freiluftveranstaltungen unter Beachtung der Infektionsschutzmaßnahmen im Sommer noch stattfinden können.

„In dieser Sache sind wir auf engagierte Veranstalter angewiesen, die wir mit dem Stadtmarketing gerne bei ihren Plänen unterstützen“, betont der zuständige Dezernent Peter Heinze. Aktuell befinde man sich in Gesprächen mit Unternehmern, die Events unter freiem Himmel im Sinn haben. Dabei gelte es, die Balance zum Gefährdungsrisiko, das Infektionsgeschehen im Blick zu halten. „Grundsätzlich sind wir aber für jeden offen, der mit einer Idee an uns herantritt“, fügt Wiertz an.

Volker Leitzbach möchte den Finger in die Wunde legen

Volker Leitzbach räumt ein, dass es ihm bei seinem Vorstoß auch darum geht, „den Finger in die Wunde zu legen“. „Wenn wir nicht gut aufpassen, gibt es einen großen Teil unserer Kulturszene bald nicht mehr“, warnt er. Wie angespannt die Lage ist, weiß Oliver Hanf aus erster Hand. Seit 1994 ist der gelernte Raumausstatter als Berufsmusiker unterwegs, unter anderem mit der Jim Rockford Band. Mindestens rund 20 Auftritte hätte er in der ersten Hälfte des Jahres gehabt – im Grunde eine gute Basis. „Doch ab Mitte März kamen nur noch Absagen. Das war eine ganz schlimme Zeit.“

Musik-Livestreams, Auftritte im Miro-Biergarten und ein bereits ausverkauftes Konzert am 2. Oktober in der Klosterkirche – allmählich kehrt etwas Normalität in Oliver Hanfs Alltag zurück. „Jede Veranstaltung ist gut fürs Gemüt“, sagt der 56-Jährige. Finanziell bleibt die Lage aber angespannt, das Ersparte ist allmählich aufgezehrt. Hartz IV und Gitarrenunterricht halten ihn über Wasser. „Das ist momentan nun mal so, da muss jeder durch.“

Problematisch ist die fehlende Perspektive. Denn Events wie Messen oder Firmenveranstaltungen – für die Musiker wichtige Einnahmequellen – scheinen in der näheren Zukunft unrealistisch. Trotzdem steckt Oliver Hanf nicht auf. „Mindestens bis zum nächsten Sommer möchte ich noch durchhalten.“

Notfallfonds

Antragsberechtigt für den Remscheider Notfallfonds Kultur sind Kultur- und Brauchtumsvereine, freiberufliche Künstler sowie die Anbieter von künstlerischen und heimatkulturbezogenen Projekten. Zu den genauen Richtlinien informiert die Stadt im Netz. Auch das Antragsformular kann auf der Internetseite der Stadt runtergeladen werden: unter „Freizeit und Kultur“, Kulturförderung.

www.remscheid.de

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare