Schau am Sonntag

Künstler deckt die Geschichte des Ortes mit Graphit auf

Der Essener Künstler Christian Paulsen bildet Untergründe mittels der Frottage-Technik ab. So auch diesen Holzboden der Galerie. Titel des großformatigen Graphitwerks auf Papier: „Diwan“.
+
Der Essener Künstler Christian Paulsen bildet Untergründe mittels der Frottage-Technik ab. So auch diesen Holzboden der Galerie. Titel des großformatigen Graphitwerks auf Papier: „Diwan“.
  • Melissa Wienzek
    VonMelissa Wienzek
    schließen

Christian Paulsen hat eine Woche in Honsberg gelebt und gearbeitet.

Von Melissa Wienzek

Das Ausgeliefertsein beschlich ihn am Montagabend, gesteht Christian Paulsen. Der Essener Künstler war an diesem Tag zum einwöchigen Arbeiten und Leben in eine der Künstlerwohnungen von der Kulturwerkstatt Ins Blaue eingezogen. „Ich hatte die Räume der Galerie ganz anders in Erinnerung. Damals schaute ich mir hier selbst eine Ausstellung an. Jetzt waren die Räume nackt und leer.“ Denn der Plan der einwöchigen Residenz in Honsberg sollte sein, in eben jenen Räumen Werke zu erschaffen, die am Sonntag gezeigt werden. Kurze Auflösung vorab: Der Plan ging auf.

„Für mich ist diese Solo-Residenz etwas völlig anderes. Sonst bin ich Symposien mit anderen gewohnt“, gesteht der Essener. Die Konfrontation mit sich selbst und der fremden Umgebung ohne Ablenkung müsse man als Künstler erst mal aushalten. „Es ist wie ein Mönchsdasein.“ Dennoch habe ihm dieses „Paradies auf Erden“ am Honsberg dazu verholfen, hohe Konzentration freizusetzen. Das Ergebnis können die Kunstinteressierten am Sonntag sehen.

Beide Etagen der Siemensstraße 21 bespielt Christian Paulsen mit seinen Arbeiten auf Papier unter dem Titel „In situ“. „Ich treffe hierbei mit dem Ort zusammen, ich reagiere auf ihn. Aus mir und dem Ort entsteht das Werk auf eine zufällige Art und Weise“, erklärt er. Dabei ist der Essener Künstler abhängig von den Strukturen, die er vor Ort vorfindet. Im Fall der Ins Blaue Art Gallery vor allem der Boden.

Dabei legte Paulsen das Papier auf den nackten Boden der Galerie und rieb mittels der Frottage-Technik, die auf Max Ernst zurückgeht, die Struktur mit Graphit ab. So wurden nicht nur sonst kaum wahrnehmbare Spuren wie Rillen und Kerben sichtbar, sondern auch die Besonderheit des Ortes selbst − er erzählt plötzlich eine Geschichte, freigelegt durch den Duktus des Künstlers − hierbei ist auch die Stimmung des Künstlers entscheidend. Christian Paulsen reduziert den Ort auf das, was er ist: Partikel. Der Entstehungsprozess sei immer offen für spontane Inspiration und „kontrollierte Zufälle“, wie er es nennt. Strukturen wie Raufaser oder Strukturputz, die immer gleich sind, findet er langweilig.

In der oberen Etage hat der Residenz-Künstler dem Holzboden Ausdruck verliehen − mit dem großformatigen Werk „Diwan“. Denn wie ein Teppich drückt sich hier die Struktur des Untergrundes durch das Papier. Sichtbar wird die Geschichte des Raumes, die Spuren, die hier zahlreiche Menschen über Jahre hinterlassen haben. Und noch viel mehr. „Es ist jedoch nichts Definitives mehr da, sondern die Spuren überlagern sich. So entsteht ein Rauschen“, erklärt der Künstler, der auch gerne draußen arbeitet, zu „Diwan“. In der Ausstellung ordnet er seine Werke teils zu Blöcken an − und setzt sie somit in Beziehung. Das eine mutet floral, das andere pseudobiologisch an. Gewiss ist jedoch eines: Je länger der Gast das Werk betrachtet, umso mehr wächst es.

Ausstellung: Sonntag, 22. Mai, 15 bis 18 Uhr, Ins Blaue Art Gallery, Siemensstraße 21. Eintritt frei. Der Verein plant weitere Residenzen. Im Juni sollen drei weitere Künstler in Honsberg leben und arbeiten.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Schutz des Morsbachtals: Betonbecken an der Hägener Mühle sollen vor Flut schützen
Schutz des Morsbachtals: Betonbecken an der Hägener Mühle sollen vor Flut schützen
Schutz des Morsbachtals: Betonbecken an der Hägener Mühle sollen vor Flut schützen
Wie sieht die Zukunft in Remscheid aus?
Wie sieht die Zukunft in Remscheid aus?
Wie sieht die Zukunft in Remscheid aus?
Arbeitskreis plant Remscheider CSD
Arbeitskreis plant Remscheider CSD
Arbeitskreis plant Remscheider CSD
Unfall: Auffahrt zur A1 ist wieder frei
Unfall: Auffahrt zur A1 ist wieder frei
Unfall: Auffahrt zur A1 ist wieder frei

Kommentare