Bislang 120 Geflüchtete registriert

Flüchtlingsstrom aus der Ukraine verstärkt Personalnot in Remscheid

2015 war die Pestalozzi-Schule, Erstunterkunft für Flüchtlinge. Nun ist es die Turnhalle Hölterfeld. Archivfoto: Michael Sieber
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2015 war die Pestalozzi-Schule Erstunterkunft für Flüchtlinge. Nun ist es die Turnhalle Hölterfeld.
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    VonFrank Michalczak
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Der öffentliche Dienst steht in Remscheid angesichts der vielen Menschen, die aus der Ukraine erwartet werden, vor besonderen Herausforderungen.

Remscheid. Die Turnhalle Hölterfeld soll neben der Wülfingstraße 1 Menschen, die aus der Ukraine nach Remscheid kommen, ein vorläufiges Obdach geben. Mehr als 100 könnten hier Platz finden: „In den ersten Tagen nach ihrer Ankunft“, erklärt die zuständige Rechtsdezernentin Barbara Reul-Nocke, die anstrebt, ihnen möglichst schnell Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Sie rechnet für die nächsten Monate mit einem Kraftakt für den öffentlichen Dienst in Remscheid. „Es wird zu personellen Umschichtungen kommen müssen“, kündigt die Leiterin des Krisenstabs Ukraine an. Denn klar sei, dass die vorhandenen Mitarbeiter die zusätzlichen Aufgaben nicht schultern können, ohne dass ihre eigentliche Arbeit liegenbleibt. „Wir müssen Prioritäten setzen.“

Die Entwicklung fällt in eine Phase, in der die Pandemie nach wie vor Auswirkungen auf den öffentlichen Dienst hat – wenngleich sich diese abgeschwächt haben. „Wir haben aktuell 50 Mitarbeiter in Quarantäne, die zum Teil aber zu Hause arbeiten“, erklärt Personalchef Jörg Biermann, der einen positiven Trend sieht. „Anfang Februar hatten wir zwischenzeitlich über 200 Quarantäne-Fälle.“ Der aktuelle Krankenstand von derzeit fünf Prozent entspreche in etwa dem Normalwert für die Jahreszeit.

Das Bergische zeigt sich solidarisch mit der Ukraine - So können Sie jetzt helfen

Stand Montagabend haben sich 130 Flüchtlinge aus der Ukraine, die insbesondere bei Familienmitgliedern oder Freunden in Remscheid untergekommen sind, bei der Stadtverwaltung registrieren lassen. Dies sei die Voraussetzung dazu, finanzielle Hilfe zu bekommen. 40 Zuweisungen von der Bezirksregierung Arnsberg erwartet Rechtsdezernentin Barbara Reul-Nocke bis Ende der Woche. „Darunter können aber auch Flüchtlinge aus anderen Staaten sein, zum Beispiel aus Syrien oder Afghanistan.“ Bereits vor dem Krieg in der Ukraine verzeichnete die Stadtverwaltung eine wachsende Nachfrage für Unterbringungen. Die Flüchtlingsbewegung aus dem Osten verstärkt diese Tendenz nun aber massiv. „Und je länger der Krieg dauert, umso mehr Menschen werden zu uns kommen“, erklärt die Dezernentin, die im Dunkeln tappt, wie viele Menschen aus der Ukraine Remscheid aufnehmen wird. Eine nicht-belastbare Planungsgrundlage hat sie aber ermittelt. „Auf der Grundlage von vier Millionen Geflüchteten und den Verteilerschlüsseln wäre es etwa 600, wobei wir aber davon ausgehen, dass die meisten in den Anrainer-Staaten bleiben.“

Impfen: Auch das Gesundheitsamt in Remscheid ist erneut gefordert

Für die Stadt Remscheid und auch für die Wohlfahrtsverbände gilt es, jedem individuellen Schicksal gerecht zu werden. Und das fängt mit den Schwächsten an – den Kindern. Für sie müssen Plätze in Schulen und Kitas vorgehalten werden. „Und es geht um ihre Gesundheit. Viele sind nicht geimpft, und damit meine ich nicht nur den Schutz vor Corona, sondern auch vor Krankheiten wie Kinderlähmung oder Tuberkulose.“ Parallel dazu muss Wohnraum her, wobei Mitarbeiter der Verwaltung die Räume besichtigen und Mietverträge abschließen. Danach gilt es, möglichst passgenau die jeweiligen Bedürfnisse abzudecken – für die Mutter mit ihren zwei Kindern, für das ältere Ehepaar, für die Familie, die mit ihrem Nachwuchs und einem Haustier vor dem Krieg geflohen ist.

Sie alle benötigen Zuwendung und Hilfe, um sich in der fremden Umgebung zurechtzufinden. Dafür sollen unter anderem jene ehemaligen Mitarbeitende des Vereins Begegnen, Annehmen, Fördern (BAF) sorgen, die 2019 von der Stadtverwaltung übernommen wurden. Der Verein hatte sich zuvor im Auftrag des Rathauses um die Geflüchteten und um ihre Unterkünfte gekümmert. Von den 104 Kollegen sind aber längst nicht mehr alle in diesem Bereich im Einsatz. „Manche haben andere Aufgaben bei uns gefunden“, erklärt Personalchef Jörg Biermann. „Andere haben mittlerweile ihren Ruhestand erreicht“, ergänzt Dezernentin Barbara Reul-Nocke. Dabei sei der Betreuungsaufwand für Flüchtlinge, die kreuz und quer in Remscheid in Wohnungen leben, deutlich höher als in den Sammelunterkünften, wo sie feste Ansprechpartner vorfinden. Barbara Reul-Nocke hofft daher, dass die Wohlfahrtsverbände möglichst niederschwellige Beratungs- und Betreuungsangebote dezentral einrichten, um die Stadtverwaltung zu unterstützen.

Zahlen

Sieben Jahre ist es nun her, dass Remscheid auf dem Höhepunkt des Flüchtlingsstroms 1030 Menschen aufnahm. Danach sanken die Zahlen – auf 725 im Jahr 2016 und auf 254 im Jahr 2017. 2020 gab es mit 105 die seit langem geringste Zahl an Menschen, die Remscheid unterzubringen hatte. Seit letztem Jahr verzeichnet die Stadtverwaltung aber wieder mehr Zuweisungen. Derzeit leben rund 2700 Geflüchtete in Remscheid – in Sammelunterkünften und Wohnungen.

Standpunkt: Stadtgesellschaft gefordert

Kommentar von Frank Michalczak

frank.michalczak@rga.de

Viele Remscheider, die nach dem Zweiten Weltkrieg ins Bergische Land kamen, weil sie ihre Heimat verlassen mussten, erinnert das aktuelle Zeitgeschehen ganz sicher an ihr eigenes Schicksal: Millionen von Menschen werden in der Ukraine regelrecht vertrieben und müssen sich quasi über Nacht damit auseinandersetzen, dass nichts mehr von ihrem vertrauten Leben übrig ist. Die Dimension des Leids ist unermesslich. Umso wichtiger ist unbürokratische Hilfe, bei der die gesamte Stadtgesellschaft gefragt ist. Sinnvoll wären zum Beispiel Patenschaften für Menschen, die dringend Beistand benötigen, um sich in der neuen Umgebung zurechtfinden zu können. Also: Alltagshelfer sind gefragt. Aber natürlich ist auch die öffentliche Verwaltung gefordert. Sie muss bei der Betreuung der Geflüchteten eine neue Priorität setzen. Das wird nicht ohne Einschnitte in anderen Bereichen funktionieren. Denn dass die Personaldecke bei der Stadt endlich ist, lässt sich längst an den Einschränkungen beim Bürgerservice ablesen, die weit vor der Pandemie begonnen haben.

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