Geschichte

Kommunisten wurden von Gestapo enttarnt

Karl Siebertz, im März 1936 Hauptangeklagter in einem politischen Prozess gegen Angeklagte aus Remscheid, Solingen und Wuppertal musste seine Strafe unter anderem in den Zuchthäusern Münster und Herford verbüßen. Foto: Historisches Zentrum Remscheid
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Karl Siebertz, im März 1936 Hauptangeklagter in einem politischen Prozess gegen Angeklagte aus Remscheid, Solingen und Wuppertal musste seine Strafe unter anderem in den Zuchthäusern Münster und Herford verbüßen.

Zersetzung von Nazi-Organisationen misslang – Karl Siebertz war der Kopf der Gruppe – Urteil vor 85 Jahren.

Von Armin Breidenbach

Remscheid. Allein im Zeitraum von 1933 bis 1941 wurden von den Strafsenaten des Oberlandesgerichts in Hamm 13 702 Männer und Frauen aus politischen Gründen verurteilt. Zu diesen Verurteilten gehörten auch die Angeklagten aus Remscheid, Solingen und Wuppertal, die sich im März 1936 vor dem II. Strafsenat des Oberlandesgerichts Hamm wegen Vorbereitung zum Hochverrat verantworten mussten. Hauptangeklagter war der Remscheider Schlosser Karl Siebertz, Jahrgang 1915, der Anfang 1934 von dem ebenfalls aus Remscheid stammenden Funktionär der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), Hans Hofmann, den Auftrag zum Wiederaufbau des Kommunistischen Jugendverbands Deutschlands (KJVD) im Gebiet Niederrhein erhalten hatte.

Nach Recherchen des verstorbenen Remscheider Historikers Dr. David Thompson fiel es Siebertz „schwer, Kontakt zu geeigneten Personen in Remscheid zu finden, er machte jedoch dann die Bekanntschaft einer Wandergruppe ehemaliger Anhänger des Kommunistischen Jugendverbandes Ortsgruppe Remscheid“. Diese Jugendlichen erklärten sich bereit, am Wiederaufbau teilzunehmen. Anlässlich eines Ausflugs ins Dhünntal knüpfte diese Gruppe Kontakte zu Jugendlichen in Solingen, die zu einer Mitarbeit ebenfalls bereit waren. Ferner wurde eine Gruppe in Ronsdorf für den Widerstand gewonnen, die wiederum Verbindungen zu einer Gruppe nach Barmen herstellte, bis ein weitverzweigtes Netz entstand.

In Frankreich vor die Wahl gestellt: Fremdenlegion oder Heimkehr

Diese Gruppe hatte sich die Unterwanderung der SA, der Hitlerjugend und des Bundes deutscher Mädel zur Hauptaufgabe gemacht. Es war geplant, diesen Organisationen beizutreten und Zersetzungsarbeit zu leisten.

Nachdem im November 1935 der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) Mitglieder der Solinger Gruppe in die Hände gefallen waren, gelang es der Polizei, die Spuren bis nach Remscheid zu verfolgen. Karl Siebertz und Kurt Hufschmidt, ein weiteres Mitglied der Gruppe, konnten zwar nach Frankreich flüchten, „wurden dort aber von der französischen Polizei festgenommen und vor die Wahl gestellt, entweder freiwillig der Fremdenlegion beizutreten oder Frankreich sofort zu verlassen. Sie entschieden sich für das Letztere und kehrten nach Remscheid zurück, wo sie prompt von der Gestapo verhaftet wurden“, recherchierte Thompson.

Die Remscheider Gestapo in einem internen Papier vom 11. Dezember 1935: „Nach umfangreichen und mühevollen Beobachtungen und Ermittlungen der Dienststelle gelang es, eine illegale Organisation der KJVD aufzuspüren. Im Verlaufe der weiteren Ermittlungen und Feststellungen konnten zahlreiche Festnahmen vorgenommen werden. Sowohl die führenden Funktionäre als die Mitglieder der verschiedenen Ortsgruppen der illegalen KJVD. wurden erfasst und festgenommen.“

Karl Siebertz erhielt die höchste Strafe von allen Angeklagten

Dem Gestapo-Bericht zufolge waren neben Karl Siebertz 25 weitere Remscheider und drei Ronsdorfer festgenommen worden. Zumindest einige von ihnen (wie Karl Siebertz, Wilhelm Helpensteller und August Weider) wurden anschließend in das Remscheider Polizeigefängnis an der Uhlandstraße eingeliefert und während der Verhöre im dortigen Polizeiamt misshandelt. Ende Februar 1936 befanden sich alle 15 Beschuldigten in den Gerichtsgefängnissen Remscheid bzw. Elberfeld, bevor sie wenig später in das Gerichtsgefängnis Hamm überstellt wurden.

Am 25. März 1936, vor 85 Jahren, wurden vom II. Strafsenat des Oberlandesgerichts Hamm die Urteile gefällt: Karl Siebertz wurde als Hauptangeklagter wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu einer Zuchthausstrafe von drei Jahren und drei Monaten verurteilt und erhielt damit die höchste Strafe in diesem Prozess.

Nach dem 2. Weltkrieg engagierten sich Karl Siebertz und August Weider für die SPD und Wilhelm Helpensteller für die Demokratische Wähler-Union in der Remscheider Kommunalpolitik.

Hintergrund

Sechs Mitangeklagte aus Remscheid erhielten folgende Strafen: Wilhelm Helpensteller zwei Jahre Gefängnis, Kurt Hufschmidt ein Jahr und sieben Monate; Karl Weber ein Jahr und vier Monate; August Weider ein Jahr und drei Monate; Ernst Picard ein Jahr; Karl Bergerhoff drei Monate. Während Siebertz, Helpensteller, Picard, Weider das „Dritte Reich“ überlebten, starb Bergerhoff 1940 bei einem Verkehrsunfall; Weber, der zur Wehrmacht musste, fiel 1943 im ukrainischen Charkow. Hufschmidts Schicksal ist unbekannt.

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