Die Woche in Remscheid

Bundestagswahl: Das geringste Übel ist auf Dauer zu wenig

bjoern.boch@solinger-tageblatt.de
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Trockene Wahlprogramme reichen nicht: Björn Boch, stellvertretender RGA-Chefredakteur, vermisst einen Wahlkampf, der die Menschen begeistert. Dabei wäre das so einfach. Schließlich liegt es auf der Hand, auf welche Fragen die Menschen Antworten erwarten, schreibt er in seinem Wochenkommentar.

Stellen Sie sich vor, es ist Wahl – und niemand ist begeistert. So könnte man die Stimmung im Bergischen zwei Wochen vor der Bundestagswahl beschreiben. Das liegt keineswegs daran, dass die Menschen schwer zu begeistern wären – oder gar politikverdrossen.

Sie wollen wählen gehen, unbedingt. Und wollen mehr erfahren von den Parteien und Kandidaten. Wie geht es weiter in einer Welt, die lernen muss, mit dem Coronavirus zu leben? Welche Lehren ziehen die Politikerinnen und Politiker aus der Hochwasser-Katastrophe? Wer macht endlich ernst bei der Digitalisierung – und vor allem beim Klimaschutz? Die Menschen wissen, dass diese Veränderungen auch Zumutungen bedeuten werden. Sie vermissen dazu aber ehrliche Aussagen. Das ist ein Problem.

Gewiss, die Politiker werden sagen: Das ist doch alles da. Aufgeschrieben in den Wahlprogrammen, erklärt an Wahlkampfständen, bei Podiumsdiskussionen und in sozialen Netzwerken. Mag sein. Aber wenn nahezu jede Wählerin und jeder Wähler, mit denen sich unsere Zeitung für eine spannende Doppelseite zum Thema Wahlentscheidungen in dieser Woche unterhalten hat, dasselbe sagt, dann macht Politik etwas falsch. Wie entscheiden die Remscheider, wen sie wählen? Hier geht es zu den Interviews mit Schülern, Handballerinnen und Handballern, Sängern, Kinderschützern.

Das beginnt bei den Themen: Plagiatsvorwürfe oder Fehler im Lebenslauf interessieren die Wählenden offenbar deutlich weniger als angenommen. Es ist daher kein Zufall, dass Olaf Scholz zwei Wochen vor der Wahl die anderen Kandidaten überholt hat: Daran, mit dem Finger auf andere zu zeigen, hat er sich am wenigsten beteiligt. Dass die Union unter diesen Umständen ihr Heil darin finden wird, Koalitions-Absagen von der SPD zu fordern, darf daher getrost bezweifelt werden.

Die Wähler im Bergischen, das haben sie uns berichtet, sehnen sich vielmehr nach authentischen Politikern und nach Visionen zu wichtigen Zukunftsfragen. Stattdessen haben viele das Gefühl, nur das geringste Übel zu wählen. Das reicht auf Dauer nicht aus.

Auffällig ist auch: Kaum jemand der Befragten hat sich Gedanken gemacht über die lokalen Spitzenkandidaten. Auch an der Bekanntheit hapert es. Das aber werden wir ändern: In der kommenden Woche lesen und hören Sie, was die Direktkandidaten der im Bundestag vertretenen Parteien für den Wahlkreis Solingen-Remscheid-Wuppertal II zu sagen haben. Dafür haben wir sie zu Streitgesprächen gebeten, die wir auch als Podcast veröffentlichen werden.

Zwar haben einige Wähler ihr Kreuz per Briefwahl schon gemacht, viele aber sind noch unentschieden – weil sie weiter nach Politikern suchen, die konkrete Antworten auf konkrete Fragen geben. Bei unseren Gesprächen zur Wahlentscheidung ist auch klar geworden: Extreme Parteien stehen nicht hoch im Kurs.

Damit das so bleibt, müssen Antworten auf dringende Fragen her. Wie etwa verhindern wir, dass immer weniger Menschen von ihrem Job leben können? Wie stellen wir sicher, dass Wohnen ein Grundrecht ist, das sich auch junge Familien leisten können? Der Traum vom Eigenheim wird auch in Remscheid immer teurer. Wer stellt die Zukunft der Gesundheitsversorgung sicher – in Remscheid ist das ein Riesenthema, zahlreiche Ärzte finden oder fanden keinen Nachfolger. Und wer löst die Rentenprobleme? Wer diese Fragen gut beantwortet, muss sich um seine politische Zukunft keine Gedanken machen. In einer Zeit, in der Stammwähler immer weiter an Bedeutung verlieren, sollte das doch eine verlockende Aussicht sein.

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