Interview der Woche

Sana-Chef: „Kliniken stehen vor einer Revolution“

An der Versorgung im Bergischen Land werde sich nicht viel ändern, sagt Christian Engler. Doch für die Patienten würden ambulante und teilstationäre Behandlungsformen immer wichtiger.
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An der Versorgung im Bergischen Land werde sich nicht viel ändern, sagt Christian Engler. Doch für die Patienten würden ambulante und teilstationäre Behandlungsformen immer wichtiger.
  • Axel Richter
    VonAxel Richter
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Krankenhäuser in der Krise: Der RGA sprach mit Christian Engler, Sana-Chef in Nordrhein-Westfalen.

Remscheid. Erst Corona, dann Krieg und Inflation, und nun stehen die Kliniken in Nordrhein-Westfalen mit der Krankenhausreform von Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann noch vor einer richtig großen Operation. Welche Zukunft haben die Sana-Krankenhäuser in Remscheid und Radevormwald? Der RGA sprach mit Christian Engler, Regionalgeschäftsführer der Sana-Kliniken NRW und Vorstandsvorsitzender des Verbands der Privatkliniken NRW e.V.

Herr Engler, wie geht es uns denn heute?
Christian Engler: In der Pandemie, die ja noch nicht vorbei ist, treffen uns die Inflation in Kombination mit absehbaren Tarifsteigerungen hart. Energie und Arzneimittel werden deutlich teurer. Hinzu kommt der Fachkräftemangel, der sich durch Corona noch verschärft. Das heißt, wir müssen erneut Operationen verschieben, weshalb Einnahmen ausbleiben. Anders als andere Unternehmen können die Krankenhäuser die Mehrkosten, die ihnen entstehen, nicht weitergeben. Das geht nur zeitversetzt in zwei Jahren.
Die Krankenhäuser können die Mehrkosten nicht weitergeben. Das heißt, sie sind wie Uniper? Müssen die Kliniken gerettet werden?
Engler: Ich will nicht jammern. Aber ich will auch deutlich darauf hinweisen, dass wir damit rechnen müssen, dass zahlreiche Krankenhäuser schließen müssen, wenn ihnen jetzt nicht geholfen wird. Wir brauchen einen Inflationsausgleich, der uns hilft, ihre Kosten in den Griff zu bekommen. Denn nochmal: Corona ist nicht vorbei. Personal fällt aus, Operationen fallen aus. Der Umsatz fehlt, zugleich steigen die Kosten.
Forciert diese Entwicklung nicht nur einen Prozess, der ohnehin im Gange ist?
Engler: Es besteht im Krankenhaussektor zum Teil ein ruinöser Wettbewerb, den keiner gewinnen kann. Es ist deshalb richtig, diese Hyperkonkurrenz zu beenden.
Das ist das erklärte Ziel von NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Naumann. Mit seiner Krankenhausreform stehen die 337 Krankenhäuser in NRW vor einer größeren Operation. Sie sollen nicht mehr alles anbieten, sondern sich auf bestimmte Leistungen konzentrieren. Was bedeutet das für die Sana-Kliniken bei uns?
Engler: Es wird sich im Bergischen nicht viel ändern. Alle unsere Standorte verfügen über ein hervorragendes Angebotsspektrum. Die Krankenhäuser werden gebraucht. Das Klinikum Remscheid zum Beispiel ist der große Versorger in der Region. Anders ist das in Städten wie Duisburg, wo elf Kliniken gleichzeitig um die Patienten werben. Nirgends in Deutschland ist die Konkurrenz so groß, und die Masse dieser Häuser macht negative Ergebnisse.
Das heißt, die Reform ist gut und überfällig?
Engler: Die Reform ist der Versuch den enormen Wettbewerb zu beenden, aber leider auf Kosten weiterer Regulierungen. Das hat bekanntlich noch nie – auch in keinem anderen Bereich - funktioniert. Wir müssen aufpassen, dass wir durch einen gut gemeinten Ansatz den Zustand für die Krankenhäuser nicht verschlimmbessern, indem die Kosten durch Reform weiter steigen.
Kritiker der Laumann-Reform zeichnen das Bild von großen Zentralkliniken, die weit weg sind und das Krankenhaus vor Ort verdrängen.
Engler: Ich halte diese Kritik für abwegig. Denken Sie allein an die Angehörigen. Ein Haus, das 150 Kilometer entfernt ist, wie sollen die denn jemanden besuchen können?

Nur die schweren Fälle kommen noch ins Krankenhaus.

Christian Engler
Wie sieht die Krankenhauslandschaft im Bergischen Land in zehn Jahren aus?
Engler: Wir werden die Versorgung, die wir heute haben, auch dann noch haben.
Auch in Radevormwald?
Engler: Ja. Das ist ja auch ein wichtiger Standortfaktor. Denken Sie nur einmal an ein Unternehmen wie Gira. Das braucht Fachkräfte und für eine junge Familie, die nach Rade kommt, gehört es doch dazu, dass sie vor Ort ein Krankenhaus vorfindet.
Also bleibt doch alles, wie es ist.
Engler: Nein. Die Krankenhäuser stehen insgesamt vor einer Revolution. Heute reagieren wir hauptsächlich noch auf Krankheiten. Künftig wird es viel stärker darum gehen, Gesundheit durch flächendeckende Früherkennung zu erhalten. Das wird innerhalb der nächsten zehn bis fünfzehn Jahren Alltag. Die Digitalisierung wird dabei eine große Rolle spielen.
Bitte nennen Sie ein Beispiel.
Engler: Denken Sie an die I-Watches, die übrigens schon das Leben von so manchem Herzinfarktpatienten gerettet haben.
Das ist so eine Uhr, die meine Schritte zählt?
Engler: Ja. Aber die kann noch mehr, nämlich ihre Gesundheit über 24 Stunden an 7 Tagen überwachen. In Kombination mit solchen digitalen Werkzeugen werden ambulante und teilstationäre Behandlungsformen zunehmen, so dass am Ende tatsächlich nur noch die schweren Fälle ins Krankenhaus kommen.
Was bedeutet das für Sie als Krankenhausträger?
Engler: Wir müssen unsere Geschäftsmodelle überdenken. Es wird darum gehen, neue Strukturen zu schaffen und zu vernetzen. Die Klinik wird nicht mehr Monopolplayer, sondern Teamplayer sein. Und die Bettenzahl wird nicht mehr darüber entscheiden, wer wie viel Geld bekommt.
In der Corona-Pandemie ist die Lage in den Krankenhäusern gegenwärtig entspannt. Wie wird sich die Lage im Herbst entwickeln?
Engler: Klar ist, dass alles unklar ist. Wir rechnen natürlich mit einer weiterhin hohen Inzidenz. Wer vollständig geimpft ist, ist vor einem schweren Krankheitsverlauf gut geschützt. Sollte es zu weiteren Mutationen kommen, können die Intensivbetten natürlich wieder knapp werden. Wobei es eigentlich nicht um die Betten geht, sondern um die Mitarbeiter, die daran arbeiten. Denn die sind es, die uns fehlen.

Zur Person

Christian Engler (51) ist Regionalgeschäftsführer NRW der Sana Kliniken Düsseldorf GmbH. Er ist damit gesamtverantwortlich für acht Krankenhäuser mit annähernd 6000 Beschäftigen im Sana-Verbund. Gemeinsam erwirtschaften sie einen Jahresumsatz von 500 Millionen Euro.

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