Interview

Klimaschützer der Stadt Remscheid: „Wasser braucht Platz“

Für die Klima- und Energiepolitik der Stadt Remscheid gab es zuletzt eher mittelmäßige Noten. Sabine Ibach und Frank Frisch sehen die Stadt im Klimawandel dagegen auf einem guten Weg. Foto: Axel Richter
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Für die Klima- und Energiepolitik der Stadt Remscheid gab es zuletzt eher mittelmäßige Noten. Sabine Ibach und Frank Frisch sehen die Stadt im Klimawandel dagegen auf einem guten Weg.
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Remscheid muss sich besser für den Klimawandel wappnen: Die Stadt will mehr Grünflächen und weniger Parkplätze.

Remscheid. Die Wetterextreme nehmen zu. Ein aktueller Bericht des Deutschen Wetterdienstes sagt den Remscheidern eine deutliche Zunahme heißer Tage voraus und warnt die Remscheider vor häufigeren Regenfluten. Das Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung, Kooperationspartner der Uni Potsdam im Projekt ExTrass, bescheinigte der Stadt 2020, darauf nur bedingt vorbereitet zu sein. Der RGA sprach mit Sabine Ibach und Frank Frisch, Klimaschützer in Diensten der Stadt Remscheid.

Das Gespräch führte Axel Richter

Frau Ibach, Herr Frisch, wachsen auf der Alleestraße absehbar Palmen statt Platanen?
Frank Frisch: Ich weiß nicht, ob es Palmen sein werden. Aber natürlich sind wir dabei, neues Stadtgrün auszuwählen. Bäume und Sträucher, die den klimatischen Veränderungen im wahrsten Sinne gewachsen sind, aber auch der Biodiversität dienen.
Und wie gut ist Remscheid dem Klimawandel gewachsen?
Sabine Ibach: Wir wollen nicht den Klimanotstand, sondern die richtige Strategie zur Klimaanpassung ausrufen. Die konzeptionellen Grundlagen dafür liegen vor. Konkret: Wir brauchen mehr Dach- und Fassadenbegrünung, Grünflächen und offene Wasserflächen, um die Stadt im Sommer herunter zu kühlen. Denn das ist klar: Die Zahl der Hitzetage wird sich deutlich erhöhen. Dafür müssen wir insbesondere alte Menschen und Kinder besser schützen.
Der Deutsche Wetterdienst warnt die Remscheider zudem vor häufigeren Regenfluten, wie wir sie 2007, 2013, 2018 und nun auch in diesem Jahr erlebt haben.
Frisch: Ja, das ist die zweite große Herausforderung im Klimawandel. Allerdings: Was wir am 14. Juli erlebt haben, das war kein lokales Starkregenereignis, das war eine flächendeckende Apokalypse. Weshalb die Frage offenbleibt, ob wir uns vor so einem Ereignis überhaupt schützen können.
Die Firmen am Morsbach waren besonders betroffen. Haben sie eine Zukunft an ihrem angestammten Standort?
Ibach: Das Beispiel der Firma Völkel zeigt, dass das möglich ist. Dort ist der Morsbach renaturiert worden, und bei der Firma Völkel ist vergleichsweise geringer Schaden entstanden. Wasser braucht Platz. Wir haben deshalb dort und auch anderswo in der Stadt damit begonnen, die Fehler der Vergangenheit zu beheben. Das ist allerdings teuer, wir sind deshalb auf Fördergelder angewiesen.
Wo sind Beispiele für praktische Klimaanpassung in Remscheid sichtbar?
Ibach: Ein Beispiel ist die Fassadenbegrünung der Daniel-Schürmann-Grundschule. Weitere Beispiele für Gewässerrenaturierungen sind der Schwanenteich unterhalb der Eschbachtalsperre oder die Renaturierungsmaßnahme im Lobachtal. Wir haben dem Lobach Raum gegeben. Das funktioniert. Für Starkregenereignisse nur neue oder größere Kanäle zu bauen, funktioniert dagegen nicht. Ein kluger Kopf hat einmal ausgerechnet, wie viele zusätzliche Gullydeckel wir bräuchten, um die Wassermassen eines Starkregens abzuleiten. Die Straße bestünde danach gewissermaßen nur noch aus einem großen Gitterrost.
In einem Bericht vom Januar 2020 erteilt das Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung der Stadt Remscheid eher mittelmäßige Noten für ihre Klima- und Energiepolitik. Auf gesamtstädtischer Ebene bestehe „erheblicher Verbesserungsbedarf“. Was sagen Sie dazu?
Ibach: Das Institut stellt lediglich den Sachstand bis 2019 dar und zeigt Handlungsfelder auf. Es sagt aber auch, dass die Klima- und Energiepolitik im Hinblick auf die kommunalen Liegenschaften als vorbildlich bezeichnet werden kann. Dass wir in Remscheid auf einem guten Weg und auf diesem Weg noch nicht am Ende sind. Und es sagt auch, dass wir im Vergleich zu anderen Städten vergleichsweise sehr aktiv sind.
Es vermisst aber auch die Unterstützung der Politik. Zitat: „Weder von Seiten der bisherigen Oberbürgermeister noch von Seiten des Rates der Stadt Remscheid wurden die Themenfelder Klimaschutz und Klimaanpassung durch aktives Tun vorangebracht.“ Das ist zumindest rückblickend ein vernichtendes Urteil.
Ibach: Es ist eine Feststellung, die aber auch veraltet ist.
Der Bericht ist von Januar 2020.
Ibach: Er beruht aber auf Befragungen und auf Daten aus den Jahren vor 2020. Wir sind heute im Klimaschutz und bei der Klimaanpassung deutlich weiter. Seit 2013 verfolgen wir eine entsprechende Strategie. Statt des Klimanotstandes hat der Rat die Erarbeitung einer Nachhaltigkeitsstrategie für den Konzern Stadt beschlossen, in der viele Maßnahmen zum Klimaschutz und zur Klimaanpassung verankert werden sollen. Hier benötigen wir sicherlich die politische Unterstützung aller. Mit der aktuellen Vorlage 16/1367 werden im Hauptausschuss die Projekte und Aktivitäten zur Klimaanpassung zusammenfassend dargestellt.
Das klingt vor allem nach viel beschriebenem Papier.
Ibach: Es ist nicht alles nur Theorie, die wir aber brauchen, um zielgerichtet handeln und insbesondere finanzieren zu können. Wir sitzen heute bei allen Planungen der Stadt mit am Tisch. Ergänzend bieten wir unsere Beratung an, zum Beispiel auch, wenn es um private Neubauten in hochwassergefährdeten Bereichen geht. Doch gerade nach dem extremen Starkregenereignis vom 14. Juli ist die Bilanz ernüchternd. Bis heute hat es im Fachdienst Umwelt gerade zehn Anfragen gegeben.
Wie kann Remscheid klimafreundlicher werden?
Frisch: Remscheid ist eine Autostadt. Wir haben viel zu viele Parkplätze, insbesondere kostenlose Parkplätze. Autofahren mit Verbrennungsmotoren muss insgesamt unattraktiver und teurer werden, und die Elektromobilität und Ladeinfrastruktur müssen kontinuierlich weiter ausgebaut werden.
Damit machen Sie sich jetzt aber keine Freunde in Remscheid.
Frisch: Ich weiß, aber ich stehe dazu. Wir müssen den Öffentlichen Personennahverkehr, den Rad- und auch den Fußgängerverkehr stärken. Dazu brauchen wir zum Beispiel entsprechende Abstellmöglichkeiten für Fahrräder. Denn in Zukunft werden in Remscheid viele Menschen auch mit hochwertigen Elektrofahrrädern und nicht mehr mit dem Auto unterwegs sein.

Gesprächspartner

Sabine Ibach ist stellvertretende Leiterin des Fachdienstes Umwelt bei der Stadt Remscheid. Die 56-jährige Ronsdorferin ist als Referentin zur Klimaanpassung in anderen Städten und Gemeinden gefragt.

Frank Frisch leitet die Abteilung Klimaschutz, Nachhaltigkeit und Mobilität bei der Stadt Remscheid. Der 53-Jährige arbeitete zuvor als Klimaschutzmanager bei der Stadt Bochum. Frisch ist Nachfolger von Monika Meves. Sie hat Remscheid im Februar in Richtung Leichlingen verlassen.

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