Betreuung

Kita-Streik: Viele Eltern müssen sich selbst um Alternativen kümmern

Durch die Warnstreiks bei städtischen Kindertagesstätten müssen viele Kinder anderweitig betreut werden. Foto: Roland Keusch
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Durch die Warnstreiks bei städtischen Kindertagesstätten müssen viele Kinder anderweitig betreut werden.

In städtischen Kindertagesstätten und offenen Ganztagsschulen wird kommenden Mittwoch ganztägig gestreikt.

Von Michelle Jünger

Remscheid. Diese Woche werden die städtischen Kindertagesstätten in Remscheid, aber auch in Wuppertal und Solingen mehrfach, so auch kommenden Mittwoch bestreikt. Die Gewerkschaft Verdi rief in der vergangenen Woche zum Warnstreik auf.

Insgesamt gibt es in Remscheid 20 städtische Betreuungseinrichtungen und etwa 400 Beschäftigte. Peter Nowack ist für Kindergartenangelegenheiten bei der Stadt Remscheid zuständig. Auch wenn es durchaus schlechter aussehen könnte, hört er aus Kreisen der Kindertagesstätten von Überlastung in der Betreuung.

„Erzieherin. Das ist ein knallharter Job.“

Thomas Neuhaus, Sozialdezernent

Genau dort könnte ein Grund für die derzeitigen Streiks liegen. „Wenn der Verteilungsschlüssel veraltet ist, kommen einfach zu viele Kinder auf eine Person“, sagt Peter Nowack. Auf den Schlüssel habe die Stadt keinen direkten Einfluss, das müsse rechtlich vom Land NRW geregelt werden. Vergleiche man diesen mit anderen Bundesländern, könnte der besser sein, sagt Nowack.

Im Zuge des Streiks sind nun neun Tagesstätten geschlossen, sieben bieten nur Notbetreuung an und vier haben regulär geöffnet. Wie die Notbetreuung aussehe, sei von Kindergarten zu Kindergarten unterschiedlich. Das hänge vor allem davon ab, was die Personaldichte der notbetreuenden Kindertagesstätten hergibt. Manche könnten zwei Gruppen anbieten, manche nur die Betreuung für die Kinder mit berufstätigen Eltern.

„Wir brauchen mindestens zwei Erzieher oder Erzieherinnen in der Gruppe. Auch Arbeitszeiten und Pausen müssen beachtet werden“, erklärt Peter Nowack. Deswegen würden bei Minimalbesetzung nicht so viele Betreuungsplätze verfügbar sein. Laut Nowack hätten aber die meisten Kindertagesstätten bereits am Freitag die Eltern informiert, damit sie sich um Alternativen kümmern konnten. „Allerdings kann ich auch verstehen, dass die Eltern sich wünschen, dass die Verhandlungen sich nicht zu lange hinziehen“, so Nowack.

Um Betreuungsalternativen müssen sich die Eltern nämlich zumeist selbst kümmern. Manche müssen entsprechend auf Verwandte oder Urlaubstage zurückgreifen, aufgrund der Belastungen in der Pandemie stößt das nicht immer auf Zustimmung.

Über den Zeitpunkt der Streiks könne man streiten, sagt Sozialdezernent Thomas Neuhaus (Grüne). Allerdings könne er auch die Betreuenden in den Kindertagesstätten verstehen. Denn durch die vorangegangene Flüchtlingskrise 2015 sei die Überbelegung in den Kindertagesstätten immer noch bei zehn Prozent. Knapp 1000 Betreuungsplätze wurden seitdem geschaffen, etwa 500 sind derzeit noch in Planung, es könne auch sein, dass noch aufgestockt werden müsse.

Derzeit befinden sich etwa 500 Betreuungsplätze im Ausbau

Vor der Arbeit der Erzieherinnen und Erzieher hat Neuhaus den größten Respekt. „Das ist ein knallharter Job“, sagt er im Hinblick auf Bildungsanforderungen, körperliche Anstrengungen oder auch etwaige Auseinandersetzungen mit Eltern und dem Jugendamt. Es solle nicht vergessen werden, was auch gerade die Erzieherinnen und Erzieher in den letzten zwei Pandemie-Jahren leisten mussten. Dementsprechend könne er auch vollkommen nachvollziehen, dass sich mit Arbeitsbedingungen und Entlohnung auseinandergesetzt werde.

Lesen sie auch: Hoher Personalbedarf in sozialen Berufen

Auch zeigt sich der Remscheider Sozialdezernent sehr dankbar angesichts der motivierten Schaffung von Betreuungsplätzen für ukrainische Flüchtlingskinder, die aber jetzt natürlich auch nicht betreut werden könnten. Die „Über-Überbelegung“ habe außer Frage gestanden.

Hintergrund

Vergangenen Donnerstag rief die Gewerkschaft Verdi nach der zweiten Verhandlungsrunde erneut zu Warnstreiks auf. Am Mittwoch, 4. Mai, streiken neben den städtischen Kindertagesstätten auch die offenen Ganztagsschulen. Als Grund für die Streiks nennt die Gewerkschaft tarifliche Forderungen, der Fachkräftemangel und die somit schlechten Betreuungsverhältnisse. Mittwoch soll es in Remscheid eine Kundgebung geben.

Standpunkt von Michelle Jünger: Wertschätzen

michelle.juenger@rga.de

Die hohe Arbeitsbelastung von Erzieherinnen und Erziehern fällt immer wieder gerne unter den Tisch. Ihr Beruf erfordert Herzblut, Kreativität und auch oft viel Kraft. Die Pandemie hat allen viel abverlangt – auch gerade den Kindertagesstätten, die oft nur als Corona-Hotspots angesehen wurden. Die Wertschätzung für die Leistungen, die dort erbracht wurden, um Eltern das Arbeiten zu ermöglichen, die nicht ins Homeoffice konnten oder Schichtdienste hatten, fehlt.

Großes Thema neben der Frage nach dem Geld ist der Fachkräftemangel in Kindergärten. Das ist kein neues Problem, eher ein Dauerbrenner, der aber unter dem Druck von Krisen immer wieder neu aufflammt.

Im Hinblick auf eine neue, ungewisse Zeit mit einer erneuten Welle von Flüchtlingen ist es da nur verständlich, dass sich die Erzieherinnen und Erzieher Gedanken über Arbeitsbedingungen und Tarife machen, um gute Betreuung der Kinder und ihre Familien gewährleisten zu können. Vor allem ist es auch im Sinne der Demokratie, vom Streikrecht Gebrauch zu machen.

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