Interview der Woche

Monsignore Thomas Kaster: „Kirche darf keine Paralleljustiz betreiben“

Monsignore Thomas Kaster mag nicht den Stab über den Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki brechen. Er versteht aber auch jene, die von der Katholischen Kirche enttäuscht sind. Foto: Roland Keusch
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Monsignore Thomas Kaster mag nicht den Stab über den Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki brechen. Er versteht aber auch jene, die von der Katholischen Kirche enttäuscht sind.
  • Axel Richter
    VonAxel Richter
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Nach dem Streit um Bischof Woelki: Stadtdechant Thomas Kaster wartet gespannt auf das neue Missbrauchsgutachten.

Herr Kaster, in dieser Woche will der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki das neue Gutachten zum Missbrauch in der Katholischen Kirche veröffentlichen. Wie gespannt sind Sie darauf?

Thomas Kaster: Sehr gespannt. Ich hoffe auf Transparenz, auf Aufklärung. Darauf, dass alles, restlos alles, auf den Tisch kommt. Nur dann ist ein Neuanfang möglich.

Ein erstes Missbrauchsgutachten hält der Bischof seit einem Jahr unter Verschluss. Die Gläubigen laufen den Gemeinden deshalb in Scharen davon. Auch in Remscheid?

Kaster: Ja, die Situation im Bistum ist insgesamt heftig. Wir kennen die Diskussion um die Kirchenaustritte ja seit vielen Jahren. Ich kann mich aber nicht an eine so dramatische Lage erinnern, wie wir sie heute erleben. Für Remscheid zeichnet sich eine ähnliche Austrittswelle gegenwärtig nicht ab. Das heißt, wir haben Stand heute nicht deutlich mehr Austritte als im Vorjahr. Aber das kann natürlich täuschen.

Wie fühlt es sich für Sie an, dem nur zusehen zu können?

Kaster: Das ist schwer, denn ich kann die Argumente derer, die der Kirche den Rücken kehren, ja durchaus verstehen.

Sie verstehen aber auch den Bischof?

Kaster: Ich bin kein Jurist. Ich mag mir deshalb kein Urteil darüber erlauben, ob die juristischen Bedenken, die er gegen das erste Gutachten anführt, berechtigt sind. Ich gehe aber davon aus, dass niemand den Aufwand betreibt, ein Gutachten zu beauftragen, um es dann nicht zu veröffentlichen - und das noch wissend um die Folgen in der öffentlichen Wahrnehmung. Nun soll am Donnerstag zunächst das zweite und ein paar Tage später auch das erste Gutachten veröffentlicht werden. Vielleicht erschließt sich ja dann, warum das erste Gutachten so lange unter Verschluss geblieben ist.

Kritiker sagen, Woelki wolle lediglich die Täter schützen.

Kaster: Das mag ich ihm nicht unterstellen. Kardinal Woelki war einer der ersten Bischöfe, die sich in dem Missbrauchsskandal für Aufklärung und Transparenz eingesetzt haben. Richtig ist aber, dass dieses Ansinnen in einem Desaster geendet ist.

Daran ist der Bischof allerdings nicht unschuldig.

Kaster: Nein. Besonders unglücklich war sicher der Versuch einer Entschuldigung an Weihnachten. Damit entstand lediglich der Eindruck, dass er sich selbst als Opfer sieht. Er wird zuvor sicher beraten worden sein. Allerdings frage ich mich in der Tat, wer ihn da beraten hat.

Spiegeln Sie ihm zurück, was in den Gemeinden los ist?

Kaster: Ja. Und ich glaube, dass er daran schwer zu tragen hat.

Vielleicht ist es einfach an der Zeit, dass die Katholische Kirche sich nicht länger zu ihrem eigenen Richter macht. Dann gewänne sie auch an Glaubwürdigkeit.

Kaster: Natürlich darf die Kirche nicht als Parallelgesellschaft mit einer Paralleljustiz existieren. Sie muss Recht und Gesetz unterworfen sein wie alle anderen Institutionen auch.

Das ist ein frommer Wunsch, wenn ich das sagen darf, Herr Kaster. Das Gegenteil ist doch der Fall: Bei einem Verdacht übernimmt die Untersuchung nicht die Staatsanwaltschaft, sondern die Kirche selbst. Und nach Möglichkeit bleibt alles hinter ihren Mauern.

Kaster: Nein, das wäre ja wie im Mittelalter.

Sie sagen es.

Kaster: Aber darüber sind wir doch lange hinweg. Richtig ist, dass das Kirchenrecht eigene kircheninterne Möglichkeiten bietet, um bei Regelverstößen gegen die Verursacher vorzugehen. Kommt es zu Straftaten, werden selbstverständlich die staatlichen Behörden eingeschaltet. So etwas kann Kirche nicht allein regeln. Hier müssen staatliche Instanzen tätig werden.

Wie wirkt sich die Diskussion um den Missbrauchsskandal eigentlich in Ihrer Gemeinde aus?

Kaster: Ich nehme wahr, dass es ein großes Entsetzen und eine große Enttäuschung gibt. Ich nehme Menschen wahr, die engagiert sind, sich aber entfremdet fühlen. Die sagen, das ist nicht mehr mein Laden.

Wie versuchen Sie, die Menschen dennoch zu halten?

Kaster: Ja, das ist schwer. Dabei sehe ich in der gegenwärtigen Situation durchaus eine Chance. Dafür ist es allerdings nötig, dass alles offengelegt wird. Ohne Vorbehalte. Nichts darf zurückgehalten werden. Denn das wäre verheerend.

Nach allem, was in den zurückliegenden Jahren an Missbrauch in der Katholischen Kirche bekannt geworden ist: Wie stehen Sie eigentlich zum Zölibat?

Kaster: Wenn ich keinen theologischen Sinn darin erkennen könnte, hätte ich den Beruf nicht ergriffen. Der Zölibat ist aus meiner Sicht auch nicht ursächlich für die Missbrauchsfälle. Vielleicht hat er sie aber begünstigt. Insofern müssen wir uns natürlich fragen, was das für den Zölibat bedeutet. Wir müssen aber auch über Macht und die Kontrolle von Macht in der Kirche sprechen.

Das forderte im RGA-Interview jüngst auch Elisabeth Schnocks, die Vorsitzende des Katholikenrats in Remscheid. Die Kirche müsse ein Stück ihrer Macht abgeben, um wieder zur Heimat der Gläubigen zu werden. Hat sie recht?

Kaster: Ich glaube in der Tat, dass wir Entscheidungsmacht stärker teilen müssen. Bischöfe und Priester werden auch weiterhin eine unersetzliche Aufgabe haben. Aber die Zeit ist vorbei, in der eine Person sagt, wir machen das jetzt so und dann ist gut. Das kann man den Menschen nicht mehr abverlangen. Zudem müssen wir vor allem die Opfer des Missbrauchsskandals in den Fokus nehmen. Wenn die Kirche dagegen vor allem als Institution wahrgenommen wird, die nicht die Opfer, sondern sich selbst schützt, dann hat die Kirche keine Zukunft mehr.

Zur Person

Thomas Kaster (58) ist Pfarrer und Stadtdechant der Katholischen Kirche in Remscheid. Der gebürtige Düsseldorfer baute sein Abitur in Heiligenhaus, studierte katholische Theologie in Bonn und München und kam nach einigen Jahren als Kaplan im Mai 2000 nach Remscheid. Sechs Jahre später wurde der Pfarrer Nachfolger von Stadtdechant Peter Schmedding. Papst Benedikt verlieh ihm den Ehrentitel „Kaplan Seiner Heiligkeit“ mit der Anrede „Monsignore“.

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