Interview der Woche

Karl-Richard Ponsar: „Kindeswohl hat Vorrang vor allem“

Karl-Richard Ponsar (73), selbst Vater und Opa, ist ehrenamtlicher Vorsitzender des Ortsverbandes Remscheid.
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Karl-Richard Ponsar (73), selbst Vater und Opa, ist ehrenamtlicher Vorsitzender des Ortsverbandes Remscheid.

Vorsitzender des Ortsverbandes des Kinderschutzbundes fordert auch in Hinblick auf neue Missbrauchsfälle mehr Geld für Prävention.

Von Melissa Wienzek

Herr Ponsar, der Remscheider Ortsverband des Kinderschutzbundes feiert am Freitag 50-Jähriges. Wie sehr schützen wir denn unsere Kinder im Jahr 2022, auch in Hinblick auf den Missbrauchsfall in Wermelskirchen?
Karl-Richard Ponsar: Wir schützen sie nicht ausreichend. Wenn es 49 Kinder pro Woche sind, die missbraucht werden − und das ist nur das Hellfeld − dann wissen wir, dass im Dunkelfeld noch einiges hinzukommt. Es handelt sich schließlich um einen Missbrauchskomplex, und es werden sicher immer weitere Details ans Licht kommen. Und wenn wir von den Kindern wissen, dass sie sieben bis acht Mal versucht haben, sich Erwachsenen gegenüber zu äußern, anzudeuten, in welch problematischer Situation sie sind und nicht wahrgenommen wurden oder man ihnen nicht geglaubt hat, muss man sagen: Es gibt noch eine Menge zu tun, um Kinder besser zu schützen.
Was kann der Gesetzgeber da tun?
Ponsar: Der Gesetzgeber hat bereits etwas getan. Er hat vor einigen Jahren ein Bundeskinderschutzgesetz mit dem Paragrafen 8a erlassen, laut dem wir immer zu prüfen haben: Gibt es eine Kindeswohlgefährdung oder nicht? Und hat der Staat in Form des Jugendamtes zu handeln? Wir haben zudem in Folge von Lügde seit diesem Jahr ein neues Kinderschutzgesetz in NRW, das uns alle zu interdisziplinärem Kinderschutz verpflichtet. Das ist die Aufgabe, die uns die nächsten Jahre bevorsteht. Denn der Missbrauchskomplex in Lügde hat gezeigt, dass Informationen offenbar nicht zügig an wichtigen Stellen ankommen. Beim Fall Lügde war es so, dass der Kinderschutzbund Hameln-Pyrmont seine Informationen an die zuständigen Behörden weitergeleitet hat - aber da sind sie liegen geblieben. Man hat nicht reagiert. Interdisziplinär heißt, wir müssen viel stärker innerhalb der jeweiligen Disziplinen zusammenarbeiten. In der Jugendhilfe funktioniert das bereits seit Jahren. Aber hinzukommen müssen der Gesundheitsbereich, die Polizei, der rechtliche Bereich, wo so etwas ankommt. Sie alle müssen stärker miteinander vernetzt sein und Menschen haben, die sich mit der Thematik auskennen. Wir sind gerade dabei, einen Fachtag dazu zu planen.
Sie sagen, es muss noch viel getan werden, um Kinder besser zu schützen. Wie lauten Ihre Forderungen im Jubiläumsjahr?
Ponsar: Zum einen sollte der Kinderschutz bereits Teil der Ausbildung all dieser eben genannten Stellen sein. Zudem haben wir das Thema Kinderarmut anzugehen. Damit beschäftigen wir uns bereits seit Jahren. Aber jetzt haben wir eine Ampelkoalition, die zumindest zugesichert hat, sich mit der Kindergrundsicherung endlich um die finanzielle Seite dieses Problems zu kümmern. Das können wir als Kommune nicht. Das muss in Berlin entschieden werden. Eine weitere wichtige Forderung ist nach wie vor: Kinderrechte ins Grundgesetz! Das hat in der letzten Legislaturperiode nicht geklappt, weil die CDU gewisse Formulierungen nicht haben wollte. Kindeswohl ist jedoch unserer Meinung nach vorrangig und nicht angemessen berücksichtigt. Kindeswohl hat Vorrang vor allem. Das heißt, es müssen alle viel stärker darauf gucken: Welche Entscheidungen treffen wir? Und wie sind Kinder davon betroffen? Das nächste große Thema ist der Klimaschutz. Denn Klimaschutz ist auch Kinderschutz. Welche Welt wollen wir unseren Kindern hinterlassen? Wir stehen in der Verantwortung für unsere Kinder.
Wie sehr hat man Kinderrechte in Remscheid im Blick?
Ponsar: Das kommt auf den Bereich an. Wir haben zwei Kinderrechteschulen in Remscheid, die das jeweilige Siegel tragen: die Schule Hackenberg und die Schule Steinberg. Sie leben die Kinderrechte in ihrem Schulalltag. Auch die Schule Dörpfeld ist sehr nah am Thema dran. In anderen Bereichen müssen wir allerdings noch ein größeres Bewusstsein schaffen. Das haben wir zuletzt leider wieder im Gesundheitsbereich gesehen: Ein Jahr lang mussten wir kämpfen für eine andere Formulierung in den Quarantäneschreiben. Und wenn wir uns die Bauverwaltung und die maroden Schulen anschauen, gibt es noch Bretter zu bohren. Grundsätzlich werden oft Entscheidungen über die Köpfe der Kinder hinweg getroffen. Nach dem Motto: Sie sind klein und können sich nicht wehren. Ausnahme ist hier die Jugendhilfe. Bestes Beispiel ist die Planung eines Spielplatzes gemeinsam mit Kindern.
Welche Rechte haben Kinder laut dem neuen Kinderstärkungsgesetz?
Ponsar: Das Bundesgesetz besagt: Kinder haben ein Recht, sich Beratung und Hilfe zu holen − und zwar unabhängig von ihren Eltern. Aber: Woher sollen die Kinder davon wissen? Wenn wir es den Eltern sagen, kann es sein, dass diese nicht unbedingt ein Interesse daran haben. Das heißt, wir müssen an die Kitas und Schulen gehen. Wir müssen genauso wie die Psychologische Beratungsstelle der Stadt Materialien entwickeln, um den Kindern zu sagen: Wenn du Hilfe brauchst, kannst du mit uns sprechen, ohne, dass deine Eltern davon wissen.
Da fängt die Präventionsarbeit auch vor dem Hintergrund der letzten Fälle ja schon an.
Ponsar: Richtig. Wenn Kinder da schon verstehen, dass sie zu Menschen gehen können, die sie ernst nehmen und ihnen helfen, schützen wir sie bereits. Hier hat Kindeswohl Vorrang vor Elternwohl und Elternwille. Das ist wichtige Präventionsarbeit, die in Zukunft ebenfalls verstärkt auf uns zukommt. Dazu muss es aber auch finanzielle Unterstützung geben. Wir arbeiten hier völlig an der Grenze. Um zu verdeutlichen, wie wichtig Präventionsarbeit ist, wird eine Fachfrau im Jugendhilfeausschuss und bei der Netzwerkkonferenz der Frühen Hilfen einen Vortrag zu dem Thema halten. Es muss unbedingt mehr Geld in den Präventionsbereich fließen, um eben all den vielen Fällen vorbeugen zu können. Oder es zumindest zu versuchen.
Sollte Präventionsarbeit also so früh wie nur möglich beginnen?
Ponsar: Ja. Dazu planen wir auch ein Lotsenprojekt mit dem Sana-Klinikum. Wir möchten als Sonderprojekt der Frühen Hilfen im Krankenhaus täglich präsent sein. Denn wir wissen: In dieser Phase sind die Eltern ganz offen für Beratung und Hilfe. Wir müssen in dem Bereich null bis drei mehr tun - und so einen Fuß in die Tür kriegen.
Was ist der Kinderschutzbund Remscheid in der Stadtgesellschaft?
Ponsar: Wir sind in erster Linie ein Berater. Wir sind aber auch Kritiker und Einmischer. Wir müssten das eigentlich auch mehr sein - es muss aber auch geleistet werden. Wir sind eine Organisation, die im Schwerpunkt ehrenamtlich arbeitet und einen ehrenamtlichen Vorstand hat.

Zur Person

Karl-Richard Ponsar (73) ist gebürtiger Kölner, lebt aber seit 1976 in Remscheid. 37 Jahre lang war er Lehrer am Berufskolleg Wirtschaft und Verwaltung. Seit über 30 Jahren ist er zudem schon ehrenamtlich im Vorstand des Kinderschutzbundes Remscheid aktiv. Ponsar hat zwei Kinder und zwei Enkelkinder. In seiner Freizeit pflegt er gern den heimischen Garten. Am Freitag feiert der Ortsverband mit geladenen Gästen Jubiläum. Im September gibt es ein Familienfest.

Kontakt Kinderschutzbund: Elberfelder Straße 41, Tel. 29 21 41; kinderschutzbund-remscheid.de

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