Gesundheit

Doc Esser: „Kinder müssen viel im Dreck spielen“

Er war Leistungsschwimmer und spielte in Punkbands. Heute ist Dr. Heinz-Wilhelm Esser Facharzt für Kardiologie, Angiologie, Pneumologie und Intensivmedizin am Remscheider Sana-Klinikum. Als Doc Esser mit eigener Fernseh-sendung wurde er einem breiten Publikum bekannt. Foto: Roland Keusch
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Er war Leistungsschwimmer und spielte in Punkbands. Heute ist Dr. Heinz-Wilhelm Esser Facharzt für Kardiologie, Angiologie, Pneumologie und Intensivmedizin am Remscheider Sana-Klinikum. Als Doc Esser mit eigener Fernseh-sendung wurde er einem breiten Publikum bekannt.

Dr. Heinz-Wilhelm (Doc) Esser über Heuschnupfen und was dagegen hilft.

Das Gespräch führte Axel Richter 

Herr Dr. Esser, für viele Pollenallergiker fühlte sich der Februar bereits wie April oder Mai an. Woran liegt´s?

Dr. Heinz-Wilhelm Esser: Ja, wir hatten im Februar bereits zweistellige Temperaturen, teils kräftige Sonne und wenig Regen. Das hat die Frühblüher geweckt, das heißt, Hasel- und Erlenpollen haben sich auf den Weg gemacht. Die Konzentration erreichte vielerorts bereits hohe Werte und machte den Allergikern früh zu schaffen.

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Haben Sie eigentlich selbst damit zu kämpfen?

Esser: Nein. Ich bin kerngesund. Bis auf mein Knie, da plagen mich die Folgen früheren Leistungstrainings.

Bitten bei Ihnen im Sana-Klinikum derzeit besonders viele Allergiker um Hilfe?

Esser: Ja. Wir befinden uns in einer Übergangsphase. Noch haben wir mit vielen grippalen Infekten zu tun. Hinzu kommen die Asthmatiker, denen der klassische Heuschnupfen nicht nur auf die Augen und auf die Nase, sondern auch auf die Lunge schlägt. Wir sprechen dann vom Etagenwechsel.

Ist das gefährlich?

Esser: Ja. Die Patienten sagen dann, es komme ihnen so vor, als ob ihnen ein Stück Lunge fehlt. Sie können nicht mehr richtig durchatmen. Erfahrene Asthmatiker tragen ein Spray mit sich. Dennoch kann eine stationäre Abklärung nötig werden. Das geht bis zur intensivmedizinischen Behandlung mit künstlicher Beatmung und Verabreichung von Cortison.

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Stichwort Cortison: Früher gab es beim Hausarzt eine so genannte Depotspritze und für den Rest des Sommers hatte der Patient seine Ruhe.

Esser: Ja, einige Kollegen verabreichen sie noch, allerdings gilt diese Methode nicht mehr als Methode erster Wahl. Die Nebenwirkungen sind zu hoch. Es gibt Cortisonhaltige Tabletten, auch Sprays. Spritzen werden aber nur noch im Extremfall verabreicht.

Welches Kraut ist denn gewachsen gegen Heuschnupfen?

Esser: Leider können Sie nicht allzu viel dagegen tun. Natürlich gibt es die üblichen Medikamente, zum Beispiel die H1- und H2-Antihistaminika, die rezeptfrei in der Apotheke zu haben sind. Aber auch die helfen nur bedingt. Am wirksamsten ist sicher eine Desensibilisierung beim Hautarzt oder beim Allergologen. Die braucht aber sicherlich zwei bis vier Jahren.

Die Behandlung ist also langwierig. Zeigt sie Erfolge?

Esser: Das kommt darauf an. Am erfolgreichsten ist die Desensibilisierung sicherlich dann, wenn es sich nur um eine Substanz handelt, auf die der Patient allergisch reagiert. Handelt es sich um eine Kombination aus verschiedenen Substanzen, wird es schon wieder deutlich schwieriger. Es gibt zum Beispiel Menschen, die reagieren auf Gräser, auf die Erle und auf Katzenhaare allergisch. Das ist gar nicht so selten, aber schwierig zu therapieren.

Sie machen einem Allergiker nicht gerade Mut.

Esser: Es gibt immerhin ein paar Tricks und Kniffe. Es macht zum Beispiel einen Unterschied, ob Sie auf dem Land leben oder in der Stadt.

ZUR PERSON

DR. HEINZ-WILHELM ESSER Der Wermelskirchener ist seit 2015 Facharzt für Kardiologie, Angiologie, Pneumologie und Intensivmedizin im Sana-Klinikum Remscheid. Als Jugendlicher war er Leistungsschwimmer, mit Punk- und Heavy-Metal-Bands brachte er mehrere Alben heraus. Esser ist zudem Autor. In seinem Buch „Kittel, Keime, Katastrophen. Wie Sie einen Krankenhausaufenthalt überleben“ beschreibt er anschaulich, was der Untertitel verheißt. Als „Doc Esser“ mit eigener Sendung wurde der Sana-Arzt einem breiten Fernsehpublikum bekannt.

Auf dem Land sollten sie abends lüften, denn dort ist die Pollenkonzentration in den Morgenstunden besonders hoch. In der Stadt ist es umgekehrt, dort ist die Pollenkonzentration in den Abendstunden höher, in der Stadt lüften Sie also besser morgens. Es ist zudem sinnvoll, seine Kleidungsstücke, die man tagsüber getragen hat, nicht mit ins Schlafzimmer zu nehmen, denn die Pollen haften daran. Dann tragen nicht alle Allergiker so eine vorteilhafte Glatze wie ich eine habe, sondern sie haben viele Haare. Auch dort setzen sich die Pollen hinein. Das heißt, regelmäßiges Haarewaschen ist sehr wichtig. Wer im Auto unterwegs ist, sollte die Fenster geschlossen halten und die Lüftung ausschalten. Besser noch sind Pollenfilter fürs Auto.

Allergien gelten als Zivilisationskrankheiten. Gibt es eine Möglichkeit, Kinder so aufwachsen zu lassen, dass sie erste gar keine Allergie entwickeln?

Esser: Ja, lassen Sie sie einfach möglichst viel im Dreck spielen. Kinder, die auf dem Bauernhof aufwachsen, entwickeln deutlich seltener eine Allergie als Stadtkinder. Ganz einfach, weil sich der kindliche Körper mit den Substanzen auseinandersetzen muss. Je häufiger und intensiver das geschieht, umso geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Körper die Pollen als Feind erkennt und entsprechend reagiert. Deshalb: Kinder dürfen und müssen sogar im Dreck spielen.

Und zu viel Reinlichkeit ist schädlich?

Esser: Klinische Reinlichkeit gewiss. Dass man die Kinder dazu anhält, sich abends vor dem Abendbrot und Zubettgehen die Hände zu waschen, ist selbstverständlich. Aber wenn das Kind auf dem Spielplatz ist und möchte sich mit sandbefleckten Händen eine Süßigkeit in den Mund stecken, dann muss man auf keinen Fall sogleich das Desinfektionsmittel aus der Tasche hervorkramen.

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