Bundestagswahl 2021

„Kinder haben Armut nicht gewählt“

Angelika Horn und Karl-Richard Ponsar vom Kinderschutzbund kennen die Sorgen der Familien genau. Im Jahr betreuen sie rund 300 Personen. Nun sei Zeit, zu handeln, sagen sie. Es sei 5 vor 12. Foto: Michael Schütz
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Angelika Horn und Karl-Richard Ponsar vom Kinderschutzbund kennen die Sorgen der Familien genau. Im Jahr betreuen sie rund 300 Personen. Nun sei Zeit, zu handeln, sagen sie. Es sei 5 vor 12.
  • Melissa Wienzek
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Der Kinderschutzbund formuliert klare Erwartungen an die neue Regierung – Beratungsstelle sieht die Probleme täglich

Remscheid. Die Remscheiderin ist Mutter von fünf Kindern, alleinerziehend, und lebt in einer kleinen Wohnung. Eines ihrer Kinder ist schwer krank und wurde zuletzt notoperiert. „Diese Frau wurde nun angeschwärzt mit dem Vorwurf, der Vater des letzten Kindes sei überverhältnismäßig oft zu Besuch gewesen. Dabei gab es dort eine Quarantänesituation, der Mann durfte gar nicht anders“, erzählt Angelika Horn, Diplom-Sozialpädagogin beim Kinderschutzbund Remscheid. Sie und ihre Kolleginnen haben es tagtäglich mit den Sorgen und Problemen der Familien zu tun. Die Konsequenz der Geschichte: Das Jobcenter stellte alle Zahlungen ein, der Frau bleibt nun nur noch Kindergeld und Zahlungen aus der Unterhaltsvorschusskasse. Und die Tafel. „Meine Frage an der Stelle: Welches Bild bekommen die Kinder davon, wie in unserer Gesellschaft mit solchen Situationen umgegangen wird? Kinder haben sich dieses Schicksal nicht ausgesucht.“ Hier sehe sie ganz klar die nächste Regierung in die Pflicht. Es sei jetzt Zeit, zu handeln. „Wir müssen uns jetzt die Frage stellen: Wie will die Gesellschaft dafür Sorge tragen, dass Kinder gesund groß werden und in 20 Jahren funktionierende Gesellschaftsmitglieder sind?“ Wählen sei daher auch für die heutigen Kinder absolut unverzichtbar. Sie selbst habe bereits gewählt.

Der Kinderschutzbund fordert von den neuen Entscheidern der Republik drei wesentliche Aspekte: die Bekämpfung der Kinderarmut in Deutschland, dass Kinderrechte ins Grundgesetz aufgenommen und Kinder damit zu eigenen Rechtspersönlichkeiten werden und dass der Kinderschutz vor physischer und psychischer Gewalt gestärkt werde. „Wir wünschen uns, dass Politik Kinder und Familien stärker in den Blick nimmt – und es nicht damit getan, 20 Euro auf das Kindergeld oben drauf zu packen, das hilft überhaupt nicht“, sagt Karl-Richard Ponsar, Vorsitzender des Kinderschutzbundes Remscheid. Vor allem Hartz-IV-Empfängern würde dieses Geld sofort gekürzt. Die Anträge seien kompliziert, und von Migranten und Flüchtlingen erst recht nicht zu verstehen.

Wie könnte die Lösung aussehen? „Vielen Familien wäre schon geholfen, wenn sie jemanden hätten, der ihre Kinder betreut. Und wenn sie unbürokratisch finanzielle Hilfe bekämen“, sagt Horn. Das Bildungs- und Teilhabepaket gehöre abgeschafft, die Mittel würden ohnehin nicht abgerufen. „Stattdessen brauchen wir eine Kindergrundsicherung, die jedem Kind als individuelle Person zusteht“, sagt Ponsar. Natürlich sei dies ein Paradigmenwechsel. „Dafür braucht es Mut in der Politik“, sagt Nicole Haas, „Gründermutti“ der Gründerschmiede. „Aber es ist notwendig. Und zwar jetzt.“

Denn vielfach droht Armut – auch in Remscheid. Laut Karl-Richard Ponsar sind aktuell 4000 Kinder in Remscheid von Armut betroffen. „Wie kann das in der heutigen Zeit noch sein?“, fragt er. „Und wie passt das damit zusammen, dass Automobilkonzerne zur gleichen Zeit Milliardengewinne einfahren? Welches Bild vermitteln wir unseren Kindern und unserer Gesellschaft eigentlich?“, fügt Horn hinzu.

Gerade in Coronazeiten sei deutlich geworden, was Eltern alles auffangen mussten. Home Office, Home Schooling, zu wenige Urlaubstage, um Kinder zu betreuen, Quarantäne und die dauernde Angst einer Infektion. Das hinterlasse Spuren. Rund 300 Personen betreut der Kinderschutzbund im Jahr, die Beratungen seien intensiv, die Probleme spürbar. Vor allem psychosomatische Erkrankungen und Angstzustände hätten bei Kindern deutlich zugenommen.

In seinen eigenen Wahlprüfsteinen unter dem Motto „Kinder haben Armut nicht gewählt“ hat der Kinderschutzbund Deutschland die Programme der Parteien zur Bundestagswahl 2021 unter die Lupe genommen. Beispiel Kinderarmut: Die CDU/CSU erreichte hierbei 0 Punkte, die SPD zwei, die Grünen zwei, die FDP einen, die Linke zwei, die AfD null Punkte. Alle Positionen sind im Internet nachzulesen. Ebenfalls die Wahlprogramme der Parteien.

kinderschutzbund.de

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