Interview der Woche

Klinik-Chefin: „Kein Remscheider muss Angst haben“

Svenja Ehlers steht seit drei Jahren als Geschäftsführerin an der Spitze der Sana Klinikum Remscheid GmbH. Auf der Intensivstation des Krankenhauses liegen mittlerweile auch viele Doppeltgeimpfte. „Wir müssen boostern“, sagt sie. „Unabhängig vom Alter.“ Foto: Anke Dörschlen
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Svenja Ehlers steht seit drei Jahren als Geschäftsführerin an der Spitze der Sana Klinikum Remscheid GmbH. Auf der Intensivstation des Krankenhauses liegen mittlerweile auch viele Doppeltgeimpfte. „Wir müssen boostern“, sagt sie. „Unabhängig vom Alter.“

Die Lage auf der Intensivstation ist angespannt, die Klinik-Chefin Svenja Ehlers dämpft dennoch die Sorge vor der Triage.

Das Gespräch führte Axel Richter

Frau Ehlers, wieder droht eine Überlastung der Intensivstationen in der Corona-Pandemie. Wie ist aktuell die Lage auf der Intensivstation des Sana-Klinikums?

Svenja Ehlers: Wir haben Stand heute sieben Covid-19-Patienten auf der Intensivstation. Davon müssen vier invasiv beatmet werden. Die übrigen Patienten brauchen Atmungsunterstützung. Die Menschen sind krank, sehr krank. Insgesamt sind aktuell 22 Intensivbetten belegt. Das heißt, wir kommen mit unseren Kapazitäten aktuell aus, aber die Lage ist insgesamt dynamisch, und unsere Ärzte und Pflegekräfte stehen an jedem Tag vor großen Herausforderungen.

Wie viele Intensivplätze können Sie maximal vorhalten?

Ehlers: Wir haben in der aktuellen Situation bis zu 28 Plätze, können im Katastrophenfall bis 36 Plätze vorhalten. Damit sind wir infrastrukturell gut aufgestellt. Allerdings brauchen wir natürlich immer auch das Personal dazu. Intensivpflegekräfte sind Spezialisten.

Wie begründet ist die Sorge vor der Triage?

Ehlers: Zunächst einmal muss man wissen, dass zum Beispiel die Notfallmediziner von jeher Formen von Triage anwenden. Jeder Notarzt, der zu einem Unfallort kommt, entscheidet über die Behandlung nach der Schwere der Verletzungen. Wenn die Menschen heute vor dem Hintergrund von Corona an Triage denken, dann fallen ihnen vermutlich als erstes die Bilder aus Italien ein, wo schwerkranke Patienten nicht behandelt werden konnten. So etwas sehe ich in Deutschland nicht.

Warum nicht?

Ehlers: Weil unser Gesundheitssystem sehr gut aufgestellt und sehr gut organisiert ist. Ich kann deshalb ganz klar sagen: Kein Remscheider muss Angst haben, dass er mit Luftnot zu uns kommt und nicht behandelt wird. Diese Sorge kann man den Menschen wirklich nehmen.

Bereitet Ihnen die neue Omikron-Variante Sorge?

Ehlers: Da sind wir schon in Sorge. Die Warnungen zeigen, dass die Inzidenzen ab Januar noch einmal stark ansteigen können. Dagegen setzen wir unter anderem voll auf das Impfen. Wir beteiligen uns ja inzwischen mit einer Impfstelle, die am Donnerstag nach nur wenigen Tagen der Vorbereitung gestartet ist. Ich bin sehr stolz auf das Team, dass wir das so schnell hinbekommen haben und sende ein großes Danke an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für die herausragende Arbeit im Jahr 2021.

Trifft es zu, dass die meisten Ihrer Covid-Patienten ungeimpft sind?

Ehlers: Ja. Allerdings ändert sich da gerade etwas. Bis dato hatten wir im Trend ein Verhältnis von einem Drittel zu zwei Dritteln. Also ein Drittel war geimpft, die anderen zwei Drittel ungeimpft. Mittlerweile beobachten wir ein Verhältnis von 50 Prozent ungeipften zu 50 Prozent geimpften Personen. Wobei die geimpften Patienten noch nicht geboostert sind. Das zeigt: Die Vorstellung, die wir alle zu Beginn der Pandemie hatten, wonach man nach zwei Impfungen durch ist, stimmt nicht. Wir müssen boostern, unabhängig vom Alter.

Sind eigentlich alle Ihre Ärzte und Pflegekräfte geimpft?

Ehlers: Eine hundertprozentige Abdeckung haben auch wir bisher leider nicht erreicht. Aber wir sind nah dran. Und sie wird kommen. Die Impfpflicht ist beschlossen. Insofern sind auch alle unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufgefordert, sich impfen zu lassen.

Müssen Sie Operationen wegen Covid-Patienten verschieben?

Ehlers: Es hat Einzelfallentscheidungen gegeben. Allerdings waren dabei keine Krebs- oder Tumorpatienten. Es sind ja nicht alle elektiven Operationen ohne weiteres verschiebbar.

Corona beschert den Kliniken einen unverhofften Geldsegen. Das Land stellt Coronahilfen zur Verfügung. Das Sana-Klinikum kann mit einer Million Euro rechnen. Wo investieren Sie das Geld?

Ehlers: Ja, wir waren selbst überrascht und freuen uns natürlich. Wir haben verschiedene Zukunftsprojekte, mit denen wir unser Haus für die kommenden Jahre aufstellen wollen. Allerdings waren die auch schon vor dem überraschenden Geldsegen geplant. Dazu zählen zwei große Bauprojekte. Zum einen wollen wir die Station BS I auf den neuesten Stand bringen und mit unserer Stroke-Unit vernetzen. Zum anderen wollen wir unsere Zentrale Notaufnahme umbauen und erneuern. Die Notaufnahme ist als Eintrittspforte für das Klinikum von großer Bedeutung. Zudem wollen wir die Abläufe dort weiter verbessern. Intern sprechen wir von der ZNA 2.O.

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Aus der Nachbarschaft kamen jüngst weniger gute Nachrichten. Die St. Lukas Klinik in Solingen-Ohligs schließt. Der Träger führt seine Leistungen in Hilden zusammen. Ist das symptomatisch für die Entwicklung im Krankenhausbereich?

Ehlers: Ja, das ist symptomatisch. Es ist aber auch politisch gewollt, dass es weniger Kliniken gibt. In einem Zeitraum von zehn Jahren werden wir deshalb eine ganz andere Krankenhauslandschaft haben.

Auch in Remscheid?

Ehlers: Nein. Das Sana-Klinikum wird sicher anders aussehen als heute. Aber ein Akutkrankenhaus wie unseres wird es in Remscheid immer geben. Wir sind ein wichtiger Versorger für die Stadt und auch für die Region.

Blicken wir noch einmal zurück: Wie war 2021 fürs Klinikum und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?

Ehlers: Die Pandemie hat uns schon sehr viel Zeit, Energie und Substanz gekostet. Denken Sie an die vielen Regeln, die häufig wechselten. Denken Sie an die Bedrohung, der unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen trotz aller Schutzmaßnahmen ausgesetzt bleiben. Es gab auch bei uns Menschen, die Angst hatten. Wir haben uns auf der anderen Seite aber auch weiterentwickelt und zum Beispiel unsere Dialyse, Nephrologie und Wirbelsäulenchirurgie neu aufgestellt und unsere medizinischen Kliniken neu strukturiert.

Was ist die Herausforderung 2022?

Ehlers: Gerade während der Pandemie haben viele Pflegekräfte in Deutschland ihren Beruf aufgegeben, oft aufgrund der hohen Arbeitsbelastung und der besonderen Situation auf der Intensivstation. Deswegen arbeiten wir intensiv an einer Arbeitsentlastung unserer Pflege. Dazu bieten wir unseren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen sehr gute Weiterbildungsmöglichkeiten und individuelle Karrierechancen.

Zur Person

Svenja Ehlers: Die 49-Jährige steht seit drei Jahren als Geschäftsführerin an der Spitze der Sana-Klinikum Remscheid GmbH. Zuvor war die studierte Gesundheitsökonomin und Sozialwissenschaftlerin als kaufmännische Direktorin und Prokuristin am Klinikum Kassel tätig.

Das Sana-Klinikum Remscheid: Das Krankenhaus zählt rund 1100 Mitarbeiter. Knapp 200 davon sind Mediziner. Das Krankenhaus an der Burger Straße versorgt in jedem Jahr rund 24 000 Patienten stationär und 45 000 ambulant.

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