Publikum wird Teil der Szenerie

Junges Profi-Ensemble nähert sich der „Heimat“

Sie kommen an den Ort ihrer Wurzeln zurück: In Honsberg entstand 2016 Filidonia. Jetzt probt das Ensemble dort wieder. Foto: Roland Keusch
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Sie kommen an den Ort ihrer Wurzeln zurück: In Honsberg entstand 2016 Filidonia. Jetzt probt das Ensemble dort wieder.

Musik- und Tanztheater Filidonia startet seine Tournee am Samstag in Remscheid.

Von Melissa Wienzek

Remscheid. Reebok-Sneaker kuscheln sich an Kaffeetassen, über offenen Instrumentenkästen liegen Jacken, und in der Ecke prangt majestätisch der riesige Klangkosmos von Jaime Moraga Vasquez. Sung Mi Marina Kim stimmt nun auf nackten Füßen mit ihrer Violine gleichmäßige Klänge an, Miriam Bathe steigt mit ihrem Instrument mit ein. In diesen Rausch der Töne lassen sich die Tänzer Luca Völkel, Marlene Aigner, Miriam Beike und Kai P. Mücke nur zu gerne hineinziehen. Rob Wheatley stimmt aus der anderen Ecke mit seinem Cello ein, während die Tänzer in der Mitte mal über den Boden rollen, mal mit ihren Körpern hoch in die Luft wachsen und wieder in sich zusammenfallen. Kai P. Mücke bewegt sich jetzt zwischen den beiden Celli, läuft im nächsten Moment um die anderen Tänzer und ruft: „Ha!“

Beim experimentellen Musik- und Tanztheater Filidonia gibt es keinen Ablaufplan. Alles ist möglich, die Improvisationen verleihen dem jungen Ensemble Flügel. Denn die Kunst ist frei. „Es ist mehr ein Gerüst von Überlegungen, die sich ständig verändern“, erklärt Miriam Beike. „Es ist ein ständiges Nehmen und Geben“, ergänzt Kai P. Mücke. Noch bis Samstag proben die elf jungen Ensemblemitglieder in der Halskestraße 26 und leben auch dort bei Ins Blaue – hier haben sie sich 2016 kennengelernt, als Filidonia geboren wurde. Nun kehren sie zu ihren Wurzeln zurück.

„Wo wachsen Wurzeln?“ heißt denn auch ihr performativer Annäherungsversuch an das Thema „Heimat“. Premiere ist am kommenden Samstag, 16. April, 20.30 Uhr, im Kultshock. Von Remscheid aus geht es nach Wuppertal, Bonn und Delmenhorst. Die Zuschauer werden dabei wieder aktiv einbezogen – und werden so Teil der Installation. Denn eine Bühne gibt es nicht. „Das ist der Reiz – was kann hier passieren? Mit dem Publikum verändert sich das alles“, erklärt Leiterin Miriam Bathe.

Doch wo ist Heimat? Was bedeutet dieser Begriff für die internationalen jungen Künstler? „Denn Heimat ist ein sehr ambivalenter Begriff“, sagt Miriam Bathe. Mit diesen Fragen will sich das Ensemble künstlerisch auseinandersetzen. Dabei gehe es nicht um eine Definition, sondern darum, Denkanstöße zu liefern, sagt Miriam Beike. Auditiv, visuell, mit dem Körper. Das Besondere bei Filidonia: Die Künstlerinnen und Künstler stammen aus Korea, China, England, Österreich, Chile, Spanien, der Ukraine und Deutschland. Vor dem Hintergrund von Globalisierung und Migration können sie dem Thema noch authentischer begegnen.

Filidonia wurde 2016 von der Solingerin Miriam Bathe im Rahmen ihres Bachelorstudiums mit Studenten aus ganz NRW aus den Sparten Tanz, Musik, Theater, Kunst gegründet. Der erste Auftritt war beim Street Art Festival 2016 in Honsberg. Damals war es noch ein großes Projekt-Ensemble, nun ist es ein festes mit zwölf internationalen Künstlern. „Wir rücken die Vielseitigkeit, das Andersartige, das Kontroverse in den Mittelpunkt“, erklärt Miriam Bathe, die in Wuppertal lebt und als Dozentin an der städtischen Musikschule Solingen arbeitet. Neben der klassischen Konzerttätigkeit ist sie zudem als Musikerin, Performerin und Regisseurin unterwegs. Ihre Anfänge machte sie bei der Musik- und Kunstschule Remscheid.

Mindestens einmal im Jahr tritt Filidonia mit einem neuen Projekt auf. „Wo wachsen Wurzeln?“ wird gefördert vom Kulturbüro Remscheid, vom Bergischen Kulturfonds, von der Stadt Wuppertal und dem Musikfonds. Filidonia gehört zu den Newcomern der freien experimentellen Szene in Nordrhein-Westfalen. Jenseits des Mainstreams erarbeitet das Ensemble Performances zu Themen, die die sich wandelnder Gesellschaft untersuchen. Die „Filidonias“ haben ihre künstlerische Ausbildung an den Hochschulen in NRW absolviert. Unter ihnen finden sich Folkwang-Preisträger und Stipendiaten der Kunststiftung: Marlene Aigner (Tanz), Miriam Bathe (Violine), Miriam Beike (Tanz), Sung Mi Marina Kim (Violine), Jaime Moraga Vasquez (Schlagwerk/Perkussion), Kai P. Mücke (Theater), Julia Priss (Installation), Tobias Löhde (Installation), Luca Völkel (Tanz), Robert Wheatley (Cello), Chanhguan Xia (Querflöte), Yue Wu (Licht).

Termine und Karten

Premiere: Das Musik- und Tanztheater Filidonia feiert die Eröffnung von „Wo wachsen Wurzeln?“ am kommenden Samstag, 16. April, um 20.30 Uhr im Kultshock, Stockder Straße 142-148. Wenn es dunkel wird, kommen die Lichteffekte gut zur Geltung. Karten gibt es für 12 Euro, ermäßigt für 8 Euro, im Vorverkauf: remscheid-live.de

Weitere Termine: Am 23. April, 20.30 Uhr, tritt Filidonia in der Immanuelskirche in Wuppertal auf. Am 30. April ist man ab 20.30 Uhr im Kulturraum St. Helena in Bonn, ehe das Ensemble am 1. Mai, 19 Uhr, im Nordwestdeutschen Museum für Industrie-Kultur Delmenhorst auftritt. https://theater-filidonia-de.webnode.com

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