Montagsinterview

Frau Dr. Schrage, was hat Corona mit den Kindern und Jugendlichen in Remscheid gemacht?

Kinder und Jugendliche waren zu lange auf die Kernfamilie beschränkt. Das hemmt die Entwicklung, sagt Dr. Jana Schrage.
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Kinder und Jugendliche waren zu lange auf die Kernfamilie beschränkt. Das hemmt die Entwicklung, sagt Dr. Jana Schrage.

Dr. Jana Schrage ist Leiterin der Psychologischen Beratungsstelle der Stadt Remscheid. Sie registriert verzögerte Entwicklungen, soziale Schwächen - und sagt, worauf Eltern achten sollten .

Von Timo Lemmer

Frau Dr. Schrage, unter anderem die Schuleingangsuntersuchungen verweisen auf zunehmende, psychische Probleme beim Nachwuchs. Pädagogen schlagen Alarm. Wie geht es Kindern und Jugendlichen in Remscheid?
Dr. Jana Schrage: Was wir im Arbeitsalltag ganz deutlich merken, ist, dass Kinder und Jugendliche für zwei Jahre nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten hatten Erfahrungen in Gruppen von Gleichaltrigen zu machen und dass dies die emotional-soziale Entwicklung verzögert. Dadurch sind unter anderem in Kitas und Schulen Gruppendynamiken schwieriger geworden. Vielen Kindern und Jugendlichen fällt es zum Beispiel schwer, Konflikte angemessen auszutragen.
Warum?
Schrage: Für die emotional-soziale Entwicklung brauchen Menschen Gleichaltrige. So erfahren sie, wie das Zusammenspiel in Gruppen funktioniert, wie man sich einfügt, seine Rolle findet. In der Pandemie waren viele Kinder und Jugendliche aber auf ihre Kernfamilie zurückgeworfen. Gleichaltrige kannten sie nur noch vom Bildschirm.
Wie äußern sich die Probleme noch?
Schrage: Bei Konflikten müssen in Schulen viel häufiger Erwachsene eingreifen als früher. Sich nach der Zeit in der Kernfamilie in ein Gefüge wie eine Klasse einzufügen, stellt hohe Anforderungen an die sozialen Fähigkeiten. Darüber hinaus werden bei uns viele Jugendliche vorstellig, die ängstliche oder depressive Symptomatiken aufweisen. Das gab es zwar früher auch schon, hat aber enorm zugenommen. Die Jugendlichen sind mir ein Herzensthema.
Inwiefern?
Schrage: Wir haben erstaunlich viele Jugendliche, die sehr ängstlich in die Zukunft gucken und gar nicht mehr so sehr wie früher sagen: Ich will hier mal raus, ich will durchstarten, mein Leben anpacken. Dinge wie Pandemie, Klimakrise, Krieg in der Ukraine sind Unsicherheiten, die die Entwicklung total hemmen. Die Unbekümmertheit ist weg. Wir müssen gerade Jugendlichen mit auf den Weg geben: Ihr seid gut so, wie ihr seid. Traut euch.
Die Familienarbeit ist ihr zweiter Schwerpunkt. Wie sieht es hier nach Corona – Lockdown, Homeschooling, Homeoffice – aus?
Schrage: Seit Ende 2021 gehen die Anmeldezahlen zur Familienberatung durch die Decke. Während Corona waren die Familien im Überlebensmodus. Jetzt merken viele: Wir sind total erschöpft, wir können nicht mehr.
Ist das System für diese Probleme gerüstet?
Schrage: Die Versorgungslage ist unglaublich schwierig. Wir sind eine der ersten Anlaufstellen und viele Familien können sich durch die Beratung neu sortieren und besser aufstellen. Wenn aber Kinder oder Jugendliche ernsthaft psychisch erkrankt sind und eine Beratung nicht ausreicht, haben wir große Mühe, diese in eine Psychotherapie zu vermitteln. Das bindet auch bei uns viele Ressourcen, weil wir länger begleiten müssen, bis sich ein guter Übergang bietet. Das Gesundheitssystem ist überlastet und voll. Diese Warteschleife verlangt auch den Eltern unglaublich viel ab.
Apropos Eltern: Wie können die erkennen, dass ihr Kind Hilfe braucht?
Schrage: Das lässt sich pauschal nicht sagen, weil jedes Kind anders ist. Ein Beispiel: Bei manchen fällt auf, dass sie sich sonst gerne mit anderen treffen, dann aber plötzlich zurückziehen – andere Kinder hingegen sind ohnehin introvertierter. Eltern kennen ihre Kinder in der Regel sehr gut. Das Wichtigste ist, nah am Kind zu sein und nachzufragen, wenn es sich plötzlich anders verhält.
Sie registrieren Probleme, die die breite Masse erst in der Zukunft wahrnimmt: Wie kann die Gesellschaft jetzt gegensteuern?
Schrage: Aus unserer Perspektive braucht die emotional-soziale Entwicklung von Kindern mehr Aufmerksamkeit. Wir müssen stärker darauf achten, dass wir das Lebens- und Lernumfeld von Kindern so gestalten, dass es ihren psychischen Bedürfnissen entspricht und sie sozial lernen und an ihren Erfahrungen wachsen dürfen.

Hintergrund

Beratungsstelle: Dr. Jana Schrage, 42 Jahre, leitet die Psychologische Beratungsstelle seit 2019. Schwerpunkte dort sind Erziehungs- und Familienberatung sowie Schulberatung. Familien und Jugendliche werden freiwillig vorstellig. Für Jugendliche besonders wertvoll: Sie können auch ohne Wissen der Eltern Beratung suchen, gerade wenn die Familie das Problem ist.

Laufbahn: Zuvor war Schrage unter anderem ab 2014 Schulpsychologin für Remscheid, dann den Oberbergischen Kreis. Vor ihrer Promotion in Pädagogischer Psychologie war Schrage Polizeikommissarin in Hamburg. Sie stammt aus Halver.

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