Verschärfung durch Corona-Krise

Jedes fünfte Kind in Remscheid ist arm

Es sind nicht nur die materiellen Dinge wie Spielzeug oder Geburtstagsfeiern, die Kinder aus armen Elternhäusern fehlen. Oft werden sie ausgegrenzt – oder ziehen sich auch von sich aus zurück. Armut belastet den Alltag und die Psyche – auch von Kindern. Symbolfoto: Axel Richter
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Es sind nicht nur die materiellen Dinge wie Spielzeug oder Geburtstagsfeiern, die Kinder aus armen Elternhäusern fehlen. Oft werden sie ausgegrenzt – oder ziehen sich auch von sich aus zurück. Armut belastet den Alltag und die Psyche – auch von Kindern.

Klassenfahrt, Gesundheit, Ausgrenzung: Kinderarmut hat viele Facetten.

Von Melissa Wienzek

Remscheid. Alle Grundschüler freuen sich auf die Klassenfahrt, nur einer nicht. Er kann nicht mitfahren, weil seine Eltern es nicht bezahlen können. Freunde nach Hause einladen geht auch nicht – dafür ist die Wohnung, die sich die ganze Familie teilt, einfach viel zu klein. Außerdem hat der Junge ja auch gar kein eigenes Zimmer.

So geht es einigen Kindern in Remscheid. Denn jedes fünfte Kind in der Seestadt auf dem Berge ist arm. 19,1 Prozent der Unter-18-Jährigen beziehen Leistungen vom Jobcenter. Damit rangiert Remscheid im Vergleich mit den anderen beiden bergischen Städten im Mittelfeld: In Solingen liegt die Quote laut Jobcenter-Geschäftsführer Dirk Faust bei 17,9, in Wuppertal bei 28,1. Durch die Corona-Krise wird sich die Situation auch in Remscheid weiter verschärfen – das sagt nicht nur die Bertelsmann-Stiftung in ihrer neuen Studie zur Kinderarmut 2020 voraus. Auch die lokalen Experten fürchten das. „Kinderarmut beeinflusst entscheidend den Verlauf des Aufwachsens“, sagt Sabine Poppe vom Fachdienst Jugend, gleichzeitig Koordinatorin des Netzwerks „Jedem Kind alle Chancen – Gutes Aufwachsen für alle Kinder in Remscheid“.

Die Folge: soziale Ausgrenzung

Aber was bedeutet Kinderarmut, wie wird sie spürbar? „Kinderarmut kann man nicht isoliert sehen, sie betrifft alle Bereiche“, sagt Poppe. Eine Facette sei die materielle Grundversorgung: Nicht jedes Kind kann mit seinen Freunden ins Kino gehen. Oder den Geburtstag so ausgiebig feiern wie andere.

Sabine Poppe: „Kinderarmut beeinflusst den Verlauf des Aufwachsens.“

Das zeigt sich schon in der Kita. Denn dafür fehlt schlicht das Geld. Die Folge: soziale Ausgrenzung. Oft zögen sich diese Kinder aber auch von sich aus zurück, hat Diplom-Pädagogin Beate Nierhoff von der Psychologischen Beratungsstelle der Stadt beobachtet. „Wenn sich Kinder Sorgen machen müssen um Finanzen, können sie auch nicht so frei und selbstbewusst in die Welt gehen wie andere“, erklärt Nierhoff die psychologischen Auswirkungen.

Armut hat auch Einfluss auf Bildung: „Die Chancen auf eine ihren Fähigkeiten entsprechende Bildung ist geringer als bei Kindern aus wohlhabenden Familien“, erklärt Poppe. Um dem entgegenzutreten, gibt es Projekte wie die Talentförderung der Uni Wuppertal: Hier werden talentierte Schüler aus Remscheid, Solingen und Wuppertal gefördert, die aus weniger privilegierten Elternhäusern stammen.

„Je stärker Kinder teilhaben können, desto eher können sie Selbstbewusstsein aufbauen.“
Sabine Poppe, Fachdienst Jugend

Denn manchmal stehen betroffene Eltern plötzlich vor dem Problem: Wie soll ich morgen die 30 Euro für die Klassenkasse bezahlen? „Das führt oft zu Unverständnis in den Schulen. Aber genau diesen Problemen sind diese Familien ausgesetzt“, hat Andrea Stachelhaus, Fachbereichsleiterin Kinder, Jugend und Familie bei der Caritas, festgestellt. Armut belaste den Alltag.

Armut belastet den Alltag

Aber auch gesundheitlich haben arme Kinder oft das Nachsehen. „Das zeigt sich oft bei unseren Schuleingangsuntersuchungen: Kinder, die keinen Zugang zu einem Sportverein haben, sind häufig übergewichtig“, sagt Poppe. Auch die Zahngesundheit sei so ein Problem. „Zum Glück gibt es aber jetzt das tolle Projekt der Sportgutscheine.“ Dabei erhalten Vier- bis Sechsjährige für ein Jahr eine kostenlose Mitgliedschaft im Sportverein, finanziert durch die Stadt und unterstützt vom Sportbund.

Gerade um diese Teilhabe geht es: Kinder sollten mitmachen und mitbestimmen können, niemand sollte ausgegrenzt werden. Diese Teilhabe in allen Bereichen sei die Grundlage für eine gute kindliche Entwicklung. „Je stärker Kinder spüren, dass sie teilhaben und mitbestimmen können, desto eher können sie Selbstbewusstsein aufbauen, um sich gegen Ausgrenzung zu stemmen“, erklärt Poppe.

Das ist auch der Ansatz von „Möhrchen“. Der Verein sorgt dafür, dass Remscheider Schulkinder Frühstück und Mittagessen bekommen. „Die Kinder sitzen gemeinsam an einem Tisch und essen, arme Kinder werden nicht ausgeschlossen“, erklärt die zweite Vorsitzende Constanze Epe. Derzeit bezuschusst „Möhrchen“ 485 Mahlzeiten im aktuellen Schuljahr, Tendenz steigend: Wurden 2012 beispielsweise noch 273 Frühstücke finanziert, sind es nun 461. „Diese Bedürftigkeit treibt uns an, weiterzumachen“, sagt Epe, die betont: „Armut heißt nicht gleich Verwahrlosung.“ Denn es gebe viele Eltern, die selbst zurücksteckten und alles gäben, um ihre Kinder trotzdem gesund und glücklich groß werden zu lassen. Das betont auch Pädagogin Beate Nierhoff. „Wir erleben vor allem viele Alleinerziehende, die fast auf alles verzichten, damit es ihren Kindern gut geht.“ 

Förderung

Bildungs- und Teilhabepaket: Kinder und Jugendliche aus Familien mit geringem Einkommen erhalten Förderung für Klassenfahrten, Lernmaterial, Essen oder Mitgliedsbeiträge für Sport und Kultur. Kontakt: Tel. 16 37 53.

Caritas: Die Caritas berät zum Beispiel zu Förderungsmöglichkeiten bei einer Baby-Erstausstattung. Oder zu einem neuen Projekt, Eltern in Arbeit zu bringen: Tel. 4 91 10.

Standpunkt: Gemeinsam statt einsam

Von Melissa Wienzek

Die Gründe von Armut sind genauso vielfältig wie ihre Auswirkungen. Armut ist nach wie vor ein schambehaftetes Tabu-Thema. Auch betroffene Kinder schämen sich dafür. Doch das sollte nicht so sein. Auch wenn der finanzielle Rahmen, aus welchem Grund auch immer, nicht passt, sollten Kinder nicht darunter leiden.

melissa.wienzek@rga-online.de

Jedes ist ein Teil der Gemeinschaft, jedes hat ein Recht auf Teilhabe. Statt mit Unverständnis zu reagieren, wenn Eltern das Geld für die Klassenkasse nicht bezahlen können, sollte lieber gefragt werden: Was können wir tun? Dafür gibt es bereits gute Beispiele in Remscheid. Da gibt es die Sportgutscheine, die es Kindern aus bedürftigen Familien ermöglichen, im Sportverein Fußball zu spielen. 

Da gibt es den Verein „Möhrchen“, der dafür sorgt, dass alle Kinder gemeinsam an einem Tisch ein gesundes Essen zu sich nehmen – und dabei auch noch lernen, wie sie es selbst herstellen. Und da ist die Kita, die kurzerhand eine nicht einsehbare Tauschecke installiert hat. Wer etwas nicht mehr braucht, kann es ablegen. Wer etwas benötigt, nimmt es mit. Ohne Begründung, ohne Bezahlung. Und ohne den Zeigefinger. 

Das Thema Armut und Kinderarmut beschäftigte die Mitglieder des Sozialausschusses bereits im letzten Jahr. Und zwar so sehr, dass es etwas emotional wurde.

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