Interview

„Jeder kann Rassismus die rote Karte zeigen“

Anne Marie Faßbender (23) ist seit September 2018 die Vorsitzende von Remscheid Tolerant. Sie studiert aktuell in Wuppertal.Foto: Faßbender
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Anne Marie Faßbender (23) ist seit September 2018 die Vorsitzende von Remscheid Tolerant. Sie studiert aktuell in Wuppertal.Foto: Faßbender
  • Melissa Wienzek
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Anne Marie Faßbender (23), Vorsitzende von Remscheid Tolerant, über Corona-Leugner und Verantwortung.

Frau Faßbender, hat Corona dafür gesorgt, dass Rassismus wieder verstärkt zutagekommen ist?

Anne Marie Faßbender: Man hat zumindest durch die ganzen Corona-Demos gemerkt: Die Hemmschwelle ist gesunken, Schulterschlüsse mit den Rechten zu machen. Es mag nicht jeder Teilnehmer die Absicht haben, rechtes Gedankengut zu verbreiten, aber es wurden eindeutig Grenzen überschritten, als Tausende gemeinsam mit Rechtsradikalen und Antisemiten durch die Straßen in Deutschland marschiert sind. Insgesamt hat Corona eine gefährliche Entwicklung zutagegebracht. Die klare Abgrenzung fehlt. Daher finde ich es aktuell umso wichtiger, klar zu unseren demokratischen Werten zu stehen.

Warum lassen sich Ihrer Meinung nach einige von Querdenkern und Verschwörungstheoretikern beeindrucken?

Faßbender: In der Uni befasse ich mich auch viel mit dem Thema. Es ist typisch, einfache Antworten auf schwierige Fragen zu suchen. Corona ist so ein schwieriger Fall. Corona macht Ohnmacht, keiner kann ganz genau hinter alles Blicken, dann gab es – ich drücke es vorsichtig aus – schwierig gelaufene Entscheidungen der Regierung, die die Legitimität infrage gestellt haben. Die Menschen suchen nach den einfachen Antworten. Oft finden sie dabei aber auch polemische Antworten, mit denen vor allem Rechte spielen. Diese Antworten gehen über die Gefühlsbasis. Und hier ist der Mensch leicht zu bekommen. Bei Verschwörungstheorien greifen so viele Mechanismen, das ist ein sehr komplexes Thema. Einige Menschen haben sich falsch einfangen lassen, sind aber trotzdem noch abholbar. Sie sollte man fragen: Auf welcher Basis argumentierst du? Das ist schwierig, und man muss die Geduld behalten, eine Diskussion konstruktiv zu gestalten.

Wie begegnet man dem in Remscheid?

Faßbender: Wir haben zum Beispiel vor, dieses Jahr eine Podcastreihe zu entwickeln – zu verschiedenen Themen, aber auch zu Corona. Hier würden wir gerne mit den Personen aus dem Gesundheitsamt oder dem Krisenstab sprechen, um Verständnis zu schaffen. Um den Leuten einfach mal zu zeigen, wie es ist, wenn man für Tausende Menschen in einer Stadt Entscheidungen treffen muss. Und um zu sagen: Es gibt Regeln und Grenzen.

Wird es dieses Jahr die „Internationalen Wochen gegen Rassismus“ geben?

Faßbender: Ja, vom 15. bis 28. März, aber digital. Wir sind in den letzten Planungszügen. Anfang März soll das Programm unter dem Motto „Solidarität.Grenzenlos.“ stehen. Wir haben gesagt, wir lassen es nicht ausfallen, sondern machen es digital, denn es wäre fatal und nicht richtig, das Thema Rassismus unter den Tisch fallen zu lassen. Daher wollen wir auch über das ganze Jahr verteilt weitere digitale Veranstaltungen anbieten.

Warum sind die Aktionswochen gerade jetzt wichtig?

Faßbender: Weil man nicht vergessen darf, dass sich andere Probleme nicht in Luft auflösen, nur weil unser Alltag derzeit von der eigenen Problembewältigung geprägt ist. Die Verantwortung endet nicht einfach. Was ist zum Beispiel mit den Flüchtlingen, die auf den Inseln festsitzen? Sie werden vergessen. Wir dürfen nicht aufhören, darüber ständig aufzuklären und wachzubleiben.

Stoßen Sie in Remscheid auf offene Ohren beim Thema „Kampf gegen Rassismus“?

Faßbender: Auf jeden Fall. Letztes Jahr mussten wir einen Tag vor Beginn die „Internationalen Wochen gegen Rassismus“ wegen Corona absagen. Wir hätten diese eingeleitet mit einer Ideenmesse. Es gab allein 23 verschiedene Organisationen, Schulen und Vereine, die sich beteiligt hätten. Das ist so ein schönes Beispiel: Remscheid hat unheimlich viele Projekte und Initiativen, die zu diesem schönen, gesellschaftlichen Miteinander beitragen.

Wie kann jeder von uns Rassismus die rote Karte zeigen?

Faßbender: Es fängt damit an, sich in konkreten Situationen im Alltag zu positionieren. Dabei geht es nicht nur um die Situation im Zug, sondern auch um die zu Hause. Wenn man mit Familienmitgliedern spricht und merkt: Da sind komische Tendenzen drin, das kann man nicht so stehenlassen. Dann sollte man diese Meinung hinterfragen – aber man darf auch nicht zu konfrontativ sein, sondern sollte gucken: Warum ist das so? Man sollte den Menschen da abholen, wo er steht. Und im Gespräch bleiben.

Warum engagieren Sie sich bei Remscheid Tolerant?

Faßbender: Weil mir generell gesellschaftspolitische Beteiligung unheimlich wichtig ist. Demokratie lebt von der eigenen Beteiligung. Es wird sich immer beschwert über die Bundespolitik, aber wir haben doch die Chance, lokal zu gestalten. Ich möchte diese Verantwortung gerne übernehmen. Daher habe ich vorher auch im Jugendrat mitgemacht. Gerade in Remscheid hat man einen Zugang, man kann mitgestalten, wenn man nur möchte.

Zur Person

Anne Marie Faßbender (23) wurde in Wermelskirchen geboren, wuchs in Remscheid auf und lebt seit drei Jahren in Wuppertal. Dort studiert sie Soziologie mit dem Schwerpunkt Politikwissenschaften. Seit September 2018 ist sie Vorsitzende von Remscheid Tolerant. Dieses teilt sich auf in einen Verein und ein Aktionsbündnis. Remscheid Tolerant hat aktuell 28 Mitglieder. Unterstützer sind willkommen.

remscheid-tolerant.de

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