Interview mit Katastrophenforscher

Was bringt der Warntag im Bergischen?

Seit 2009 lehrt Prof. Dr. Frank Fiedrich an der Bergischen Uni. Zuvor arbeitete er für die amerikanische Katastrophenschutzbehörde zur Notversorgung der Bevölkerung nach Großschadensereignissen. Für das Bergische sieht er Gefahren infolge des Klimawandels.
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Seit 2009 lehrt Prof. Dr. Frank Fiedrich an der Bergischen Uni. Zuvor arbeitete er für die amerikanische Katastrophenschutzbehörde zur Notversorgung der Bevölkerung nach Großschadensereignissen. Für das Bergische sieht er Gefahren infolge des Klimawandels.
  • Axel Richter
    VonAxel Richter
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Katastrophenforscher Prof. Dr. Frank Fiedrich: Darauf müssen sich die Menschen im Städtedreieck vorbereiten.

Herr Prof. Dr. Fiedrich, lange Jahre mussten die Deutschen weder Krieg noch Krisen fürchten. Naturkatastrophen ereigneten sich anderswo. Waren wir blauäugig?

Prof. Dr. Frank Fiedrich: Wir waren es in Deutschland gewohnt, in vergleichsweise großer Sicherheit zu leben. In den USA ist das zum Beispiel ganz anders. Dort leben die Menschen in weiten Landstrichen mit der Gefahr, die von Hurrikanen oder Tornados ausgeht. Sie sind darauf eingestellt und haben zum Beispiel den Wetterdienst immer fest im Blick. Das lernen wir jetzt erst.

Auf welche Bedrohungen müssen wir uns einstellen?

Fiedrich: Vor allem auf die, die Klimawandel hervorruft. Dürren, Hitzewellen oder Starkregen werden bei uns zunehmen. Die Flutkatastrophe im Sommer 2021 hat das deutlich gemacht. Wir müssen mit weiteren Katastrophen ähnlichen Ausmaßes rechnen.

Wie sind die Städte im Bergischen Land darauf vorbereitet?

Fiedrich: Ich denke, dass die Städte insgesamt auf einem guten Weg sind. Sie erneuern gerade ihre Katastrophenschutzpläne, die wiederum Grundlage für konkretes Handeln sind. Am Ende kostet Katastrophenschutz natürlich viel Geld.

Deshalb ist er mit Ende des Kalten Krieges so gut wie eingestellt worden. Ein Fehler?

Fiedrich: Man muss die Entscheidungen vor dem Hintergrund der jeweiligen Zeit sehen. Damals war das durchaus nachvollziehbar. Der Kalte Krieg war beendet, 1989/90 waren wir nur noch von Freunden umgeben. Die Millionenausgaben für Bunker, Notkrankenhäuser und Materialien wurden woanders gebraucht. Heute muss allen klar sein, dass der Schutz der Bevölkerung wieder Priorität haben muss.

Am Donnerstag dieser Woche ist Warntag. Er soll die Menschen für den Katastrophenfall sensibilisieren. Gelingt das?

Fiedrich: Ich hoffe ja. Ich halte solche Tage deshalb für extrem wichtig. Der Warntag soll die Warnmittel, also Sirenen, Apps oder jetzt erstmals die neue Handy-Warnung Cell Broadcast ins Bewusstsein der Menschen rücken. Und er soll ihnen deutlich machen, dass Katastrophen passieren können. Außerdem erproben die staatlichen Stellen an solchen Tagen ihr Handeln im Katastrophenfall. Auch das ist wichtig.

Cell Broadcast funktioniert ohne Handy-App. Was versprechen Sie sich davon?

Fiedrich: In anderen Ländern ist diese Technik schon lange in Betrieb. Mit Erfolg. In Deutschland kam Cell Broadcast lange Zeit mit Verweis auf den Datenschutz nicht in Betracht. Heute schon. Ich bin sehr froh darüber. Cell Broadcast ist eine gute Ergänzung im Mix der verschiedenen Warnmittel.

Die Städte bauen auch wieder Sirenen auf. Eine richtige Entscheidung?

Fiedrich: Ja. Sirenen haben eine Weckfunktion und sind für die meisten Menschen gut hörbar.

Worauf sollten die Menschen noch achten?

Fiedrich: Sie sollten die App Nina auf dem Handy installiert haben. Dazu daheim ein Radio mit Batterien oder Kurbelbetrieb. Damit sind die Menschen im Katastrophenfall gut informiert.

Beim Hochwasser an der Ahr war oft vom Versagen der Behörden die Rede. Auf der anderen Seite sind auch im Bergischen die Warnungen vielerorts nicht ernst genommen. Nehmen wir Gefahren zu sehr auf die leichte Schulter?

Fiedrich: Sie sprechen etwas an, das wir das Verletzlichkeitsparadox nennen. Je besser etwas funktioniert, desto gravierender können die Folgen für die Bevölkerung sein. Wir sind es gewohnt, dass in unserer hochtechnisierten Welt immer alles funktioniert und bereiten uns weniger vor. Es erscheint uns unwahrscheinlich, dass gut funktionierende Systeme ausfallen können.

Im Fall eines Stromausfalls wäre das ganz schnell so. Sind Sie darauf vorbereitet?

Fiedrich: Ja. Wir haben daheim Vorräte angelegt und orientieren uns daran, was vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe empfohlen wird. Wasser ist in ausreichender Menge vorhanden. Dazu haltbare Lebensmittel. Der Vorrat wird nach und nach aufgezehrt und wieder aufgefüllt. Deshalb sollte es sich natürlich um Lebensmittel handeln, die man mag. Wer kein Brot in Dosen mag und es deshalb nicht isst, sollte es deshalb auch nicht bevorraten.

Hintergrund

Warn-App: Die Warn-App NINA ist kostenlos für Android und iOS verfügbar und kann über Google Play beziehungsweise den Appstore bezogen werden.

Ratgeber: Ratgeber für Notfallvorsorge und richtiges Handeln in Notsituation gibt es beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe.

www.bbk.bund.de

Zur Person

Prof. Dr. Frank Fiedrich leitet das Fachgebiet Bevölkerungsschutz, Katastrophenhilfe und Objektsicherheit an der Bergischen Universität Wuppertal und ist an zahlreichen nationalen und internationalen Forschungsprojekten zum Bevölkerungsschutz beteiligt. Unter anderem beschäftigt er sich mit dem Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien für das Katastrophen- und Krisenmanagement. Von 2005 bis 2009 war er Assistenzprofessor am Institute for Crisis Disaster and Risk Management ICDRM der George Washington University in Washington DC. Dort führte er unter anderem Forschungsprojekte für die amerikanische Katastrophenschutzbehörde zur Notversorgung der Bevölkerung nach Großschadensereignissen durch.

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