Interview der Woche

So profitiert die VHS von neuem Gesetz

Nicole Grüdl-Jakobs ist seit 2012 Leiterin des kommunalen Bildungszentrums, zu dem die VHS gehört. Foto: Roland Keusch
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Nicole Grüdl-Jakobs ist seit 2012 Leiterin des kommunalen Bildungszentrums, zu dem die VHS gehört.
  • Melissa Wienzek
    VonMelissa Wienzek
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Leiterin Nicole Grüdl-Jakobs über höhere Landeszuschüsse und die neue Pflichtaufgabe nachhaltige Bildung.

Frau Grüdl-Jakobs, am 1. Januar ist das novellierte Weiterbildungsgesetz NRW in Kraft getreten. Was bedeutet das für die Volkshochschule Remscheid?
Nicole Grüdl-Jakobs: Für uns ist die Novellierung des Weiterbildungsgesetzes sehr positiv. Die Förderparameter wurden vereinfacht und die VHS auch inhaltlich gestärkt.
Gibt es also mehr Geld für die VHS Remscheid?
Grüdl-Jakobs: Ja. Die Erstattung der im Rahmen des VHS-Pflichtangebots entstehenden Kosten für Unterrichtsstunden wird zwar nunmehr entfallen, aber dafür bekommen wir ab 2022 eine deutlich höhere Landesförderung für unsere hauptamtlichen pädagogischen Mitarbeitenden. Hintergrund ist, dass man die Hauptamtlichkeit in den Volkshochschulen stärken und die professionelle Arbeit der Volkshochschulen weiter festigen möchte. Außerdem wurden mit der sogenannten Entwicklungspauschale und den Innovationsfonds Förderinstrumente geschaffen, mittels derer zusätzliche Gelder eingeworben werden können. Insgesamt rechnen wir 2022 mit gut 500 000 Euro an Landesfördergeldern – die Förderung der Schulabschlusslehrgänge eingerechnet. Darüber hinaus können wir, und auch das ist neu, zusätzlich bis zu 35 000 Euro jährlich an Landesfördermitteln für die Entwicklung regionaler Netzwerke beantragen. Hier sind wir gerade in der Planung.
Können Sie schon sagen, wofür Sie dieses Geld anlegen möchten?
Grüdl-Jakobs: Wir würden gerne tiefer in die Quartiersarbeit einsteigen. Im Bereich der Grundbildung möchten wir zum Beispiel kostenfreie und offene Angebote vor Ort in den Stadtteilen schaffen, um Lese-, Schreib- und/oder Rechenschwächen abzubauen, gerne auch mit Kooperationspartnern. Wir überlegen, offene Kurse auch in der kulturellen Bildung anzubieten.

„Wenn wir wirklich sorgsam mit den Ressourcen unserer Welt umgehen wollen, ist das ein wesentlicher Punkt.“

Nicole Grüdl-Jakobs über Bildung für eine nachhaltige Entwicklung
Werden durch die erhöhten Geldmittel vom Land auch neue Stellen geschaffen?
Grüdl-Jakobs: Hier eruieren wir derzeit die Möglichkeiten. Bedarf haben wir sicherlich im Bereich der Digitalisierung. Allerdings möchten wir auch die Bildungsberatung ausbauen und insgesamt breiter aufstellen. Wir planen zudem, die Schulabschlusslehrgänge künftig sozialpädagogisch mitbetreuen zu lassen. Hierfür könnten wir Geld auf Grundlage des Weiterbildungsgesetzes beantragen.
Warum ist die Gesetzesnovellierung ein wichtiger Schritt nach vorn?
Grüdl-Jakobs: Das Weiterbildungsgesetz NRW stammt in seiner Erstfassung aus dem Jahr 1974. Die letzte größere Überarbeitung erfolgte 1999/2000. Seitdem hat sich unheimlich viel getan; die Herausforderungen in der Weiterbildung sind aufgrund der gesellschaftlichen Veränderungen enorm gewachsen. Zum Beispiel, was die nachhaltige Bildung oder die Digitalisierung betrifft. Alles ist schnelllebiger geworden. Darauf hat man bei der Novellierung des Gesetzes reagiert, indem man die VHS in ihrer Flexibilität und Innovationskraft durch zusätzliche Förderinstrumente gestärkt hat. So ist sichergestellt, dass die VHS den veränderten Bedarfen auch künftig gerecht werden kann, wenn es darum geht, die Teilnehmenden für persönliche und/oder berufliche Herausforderungen fitzumachen. Hierbei hat man auch, was sehr begrüßenswert ist, die kulturelle Bildung, die Gesundheitsbildung sowie die Bildung für nachhaltige Entwicklung als Pflichtaufgaben von Volkshochschulen im Gesetz festgeschrieben. Das gab es vorher nicht.
Warum ist gerade dieser Aspekt das so wichtig?
Grüdl-Jakobs: Weil wir feststellen, dass die Bildung für nachhaltige Entwicklung, kurz: BNE, immer wichtiger wird. Sie ist eine Querschnittsaufgabe, die sich durch alle Bereiche der VHS zieht – von der Gesundheitsbildung bis zur Grundbildung. BNE nimmt eine ganzheitliche Perspektive ein und macht die verschiedenen Dimensionen von Nachhaltigkeit bewusst – die ökologische, ökonomische und auch die soziale Dimension. Das ist gerade in den letzten drei bis vier Jahren noch einmal deutlich geworden. Wenn wir wirklich sorgsam mit den Ressourcen unserer Welt umgehen wollen, ist BNE ein wesentlicher Punkt.
Und der Gesundheitsbereich der VHS Remscheid boomt ja seit Jahren.
Grüdl-Jakobs: Ja, das ist richtig. Wir merken, dass der Gesundheitsbereich immer bedeutsamer wird; viele Menschen suchen den Ausgleich zum immer stressigeren beruflichen Leben und zu den gesellschaftlichen Herausforderungen. Immer mehr Menschen haben den Wunsch, zu sich selbst zu finden in diesen schnelllebigen Zeiten.
Finden sich die neuen verpflichtenden Bereiche kulturelle Bildung, Bildung für nachhaltige Entwicklung und Gesundheitsbildung bereits im neuen Kursprogramm wieder?
Grüdl-Jakobs: Ja. Gerade den Bereich der Gesundheitsbildung, bei uns Programmbereich 3, konnten wir stärken, weil wir ja jetzt mit den neuen Räumen in den Allee-Arkaden einen wunderschönen zusätzlichen Saal für Entspannungsangebote bekommen haben. So können wir Kurse nunmehr parallel im Dienstleistungszentrum und in den Allee-Arkaden an den Start bringen. Im Gesundheitsbereich ist zum Beispiel das Angebot „Body Talk – unser Körper spricht“ neu. Hier geht es um die Aktivierung von Selbstheilungskräften bei körperlichen Stresssymptomen. Zudem haben wir die Anzahl an Yogaseminaren dem Bedarf entsprechend aufgestockt. Im Bereich der kulturellen Bildung gibt es erstmals wieder eine Studienfahrt. Ende März geht es ins Folkwang Museum nach Essen. Im Bereich Nachhaltigkeit bieten wir zum Beispiel den Kurs „Altholz! – Vom Wertstoff zum Werkstoff“ an, bei dem Upcycling das große Thema ist. Und dann haben wir die Reihe „Klimafit“ (| Kasten) mit vielen Informationen rund um den Klimawandel im Programm. Bildung für nachhaltige Entwicklung ist in Form von Themen wie vegetarische/vegane Ernährung und Energieberatung darüber hinaus stets auch in unseren Integrations- und Grundbildungskursen integriert.
Die VHS Remscheid will mit gutem Beispiel vorangehen und selbst nachhaltiger sein. Wie denn?
Grüdl-Jakobs: Wir haben der Retestierungsstelle die Bildung nachhaltiger Entwicklung als eines unserer neuen strategischen Entwicklungsziele vorgeschlagen. Das impliziert zum einen, dass wir über alle Programmbereiche hinweg Angebote zur Nachhaltigkeit schaffen, aber auch, dass wir versuchen wollen, möglichst papierlos zu werden innerhalb der VHS. Das betrifft die internen Abläufe, aber auch die externen. Das heißt, dass wir zum Beispiel planen, Kurs-Teilnahmebestätigungen und Rechnungen künftig per E-Mail zu verschicken. Außerdem setzen wir vermehrt auf Social Media. Insgesamt sind wir so nachhaltiger und umweltfreundlicher unterwegs.

Zur Person – Der „Klimafit“-Kurs

Nicole Grüdl-Jakobs: Nach einem Lehramtsstudium an der Bergischen Universität Wuppertal arbeitete Nicole Grüdl-Jakobs zunächst als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Wuppertal im Bereich der Linguistik. Sie forschte zudem an der Universität Toronto in Kanada. 2009 wurde sie zunächst kommissarische Leiterin, 2010 Leiterin der VHS Remscheid. Seit Januar 2012 ist Grüdl-Jakobs Leiterin des kommunalen Bildungszentrums, zu dem die VHS, die Musik- und Kunstschule sowie die Bibliothek gehören. Die 49-jährige gebürtige Remscheiderin ist verheiratet und Mutter einer Tochter.

„Klimafit“: Die Extremwetterereignisse der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass der Klimawandel den Alltag bestimmt. Worin bestehen die Ursachen? Und was kann jeder Einzelne tun? Um konkretes Wissen und Handlungsmöglichkeiten geht es im „Klimafit“-Kurs der VHS, ein Projekt des Helmholtz-Verbunds, des WWF, der Universität Hamburg, dem Bundesumweltministerium. Vier Präsenz- und zwei Online-Termine sind geplant: vom 24. März bis 9. Juni. Hier können Fragen mit bekannten Wissenschaftlern auf Augenhöhe diskutiert werden. Kosten: 20 Euro. Info und Anmeldung:

vhs.remscheid.de

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