Interview

Burkhard Stork: Ohne Radwege haben Luftpumpenstationen schon etwas Zynisches

Eine Pseudolösung nennt Burkhard Stork den Schutzstreifen, den die Stadt Remscheid auf der Lindenallee in Lüttringhausen hat anlegen lassen. Seine Forderung: Die Parkplätze müssen weg. Erst dann könnten Radfahrer dort sicher sein.
+
Eine Pseudolösung nennt Burkhard Stork den Schutzstreifen, den die Stadt Remscheid auf der Lindenallee in Lüttringhausen hat anlegen lassen. Seine Forderung: Die Parkplätze müssen weg. Erst dann könnten Radfahrer dort sicher sein.
  • Axel Richter
    VonAxel Richter
    schließen
  • Andreas Tews
    Andreas Tews
    schließen

Stadt lässt Schutzstreifen für Radfahrer anlegen: Chef des Zweirad-Industrie-Verbandes übt harsche Kritik.

Das RGA-Interview der Woche diesmal zum Thema Fahrradverkehr in Remscheid.

Herr Stork, was gefällt Ihnen nicht an den Radwegen in Remscheid?
Burkhard Stork: Sie sagen Radwege und da fängt es schon an, kompliziert zu werden. Die Straßenverkehrsordnung unterscheidet Radwege, Radfahrstreifen und Schutzstreifen. Was wir auf der Lindenallee in Lüttringhausen sehen, sind Schutzstreifen. Sie sind mit einer gestrichelten Line markiert, gehören aber weiterhin zur Fahrbahn. Autofahrerende, die Radfahrende überholen wollen, müssen einen Mindestabstand von 1,50 Meter einhalten, was auf der Lindenallee physikalisch gar nicht möglich ist. Mit anderen Worten: Als Stadt Remscheid tue ich so, als würde ich für Radfahrende Platz schaffen, tatsächlich gefährde ich die Verkehrsteilnehmer eher als sie zu schützen.
Was wäre denn besser?
Stork: Ein Radfahrstreifen. Er ist mit einer durchgezogenen Line abgetrennt, das heißt dort endet die Fahrbahn für den Autoverkehr. Vermutlich geht das an Ort und Stelle aus Platzgründen nicht. Wenn ich aber den Radverkehr fördern und Radfahrende schützen möchte, dann muss ich bereit sein, zum Beispiel die dort vorhandenen Parkplätze wegzunehmen.
Damit machen Sie sich jetzt aber keine Freunde.
Stork: Ich weiß. Parkplätze wegzunehmen ist das Schwierigste, was man machen kann. In Deutschland übrigens genauso wie in China oder Amerika. Man muss leider sagen: Erst wenn das Blut auf der Straße klebt, ist so etwas in Deutschland möglich. Aber eine Pseudolösung wie in Lüttringhausen ist gar keine Lösung. Das ist das Ergebnis von Feigheit der Politik, denn die Stadtverwaltungen tun nur das, was ihnen die Politiker erlauben.
Ist es in Solingen und Wuppertal besser?
Stork: Nein. Von einem Radwegenetz, auf dem zum Beispiel Kinder morgens gefahrlos in die Schule fahren können, sind wir in allen großen Städten des Bergischen Landes noch weit entfernt.
Wie sollte ein solches Radwegenetz aussehen?
Stork: So wie in den Niederlanden zum Beispiel. Dort existiert ein nahezu lückenloses Netz. Allerdings sind uns die Niederländer auch 40, 50 Jahre voraus. So viel Zeit haben wir nicht. Wir müssen deshalb improvisieren. Die Kanadier schützen ihre Radwege zum Beispiel mit Blumenkübeln, die Berliner haben sich für ziemlich hässliche Stahlpoller entschieden. In jedem Fall gilt: Farbe ist keine Infrastruktur.
Hier und dort gibt es abgesicherte Radwege im Bergischen. Oft aber nutzen Radfahrer die gar nicht, sondern sind trotzdem auf der Fahrbahn unterwegs. Warum?
Stork: Weil viele dieser Wege in die Jahre gekommen und schlecht sind. Da gibt es Wurzelaufbrüche, die Wege sind zu schmal, sie enden im Nirgendwo oder es gibt Gegenverkehr. Wer gern flüssig fährt, für den ist das nervig.
Autofahrer können auch nicht überall flüssig fahren. Trotzdem müssen sie sich an Regeln halten.
Stork: Ich will eine gewisse Bequemlichkeit unter Radfahrenden gar nicht in Schutz nehmen. Fakt ist aber auch, dass abbremsen, anhalten und wieder anfahren für sie schwieriger ist als für Autofahrer.
Auf der Veloroute in Solingen erhalten Fahrradfahrer jetzt an einigen Stellen Vorfahrt. Ist das sinnvoll?
Stork: Ja. In den Niederlanden ist das übrigens grundsätzlich so. Dort haben Radfahrende immer Vorrang.
Remscheid investiert zurzeit viel Geld in seinen Radwegeausbau. Dort soll es bald sogar öffentliche Selbstbedienungs-Luftpumpenstationen geben. Auch Solingen und Wuppertal wollen den Radverkehr aufwerten und zusätzliche Fahrradabstellplätze bauen. Ist das Geld richtig angelegt?
Stork: Grundsätzlich ist es sinnvoll, Radwege um solche Serviceeinrichtungen zu ergänzen. Zunächst einmal sollten aber die Radwege stehen. Anderenfalls haben Luftpumpenstationen und Leihsysteme schon etwas Zynisches.
Das Bergische Land ist eine steigungsreiche Gegend. Hat Radverkehr hierzulande überhaupt Zukunft?
Stork: Ja. Schauen Sie nach Holland. Der Gegenwind in den Niederlanden ist sozusagen der Hügel im Bergischen. Wir verkaufen in Deutschland mittlerweile Millionen E-Bikes pro Jahr, die sich auch eine topografisch anspruchsvolle Region erschließen. Und auch das Wetter spricht nicht dagegen. In Kopenhagen zum Beispiel fahren 80 Prozent der Radfahrenden auch bei Schnee. Entscheidend sind die Wege, die wir den Menschen anbieten.

Zur Person

Die Stadt Remscheid hat neue Schutzstreifen für Radfahrerinnen und Radfahrer angelegt. Unter anderem in Lüttringhausen. Burkhard Stork, Geschäftsführer des Zweirad-Industrie-Verbandes, übte daran jüngst heftige Kritik. Der RGA traf ihn zum Gespräch.

Burkhard Stork (49) ist Bundesgeschäftsführer des Zweirad-Industrie-Verbandes in Berlin. Zuvor stand er über neun Jahre an der Spitze des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC). Der Zweirad-Industrie-Verband ist die Interessenvertretung der Fahrrad-, E-Bike-, Komponenten- und Zubehörindustrie. In der Branche sind in Deutschland heute annähernd 110 Unternehmen tätig, 100 sind Mitglied des ZIV. Die Unternehmen stellen pro Jahr annähernd vier Millionen neue Räder her.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

180 Jahre alte Blutbuche in Lennep soll fallen
180 Jahre alte Blutbuche in Lennep soll fallen
180 Jahre alte Blutbuche in Lennep soll fallen
Zimmerbrand: Drei Personen bei Löschversuch verletzt
Zimmerbrand: Drei Personen bei Löschversuch verletzt
Zimmerbrand: Drei Personen bei Löschversuch verletzt
Abgebrannte Härterei Lohe: „Wir bauen die erste Öko-Härterei“
Abgebrannte Härterei Lohe: „Wir bauen die erste Öko-Härterei“
Abgebrannte Härterei Lohe: „Wir bauen die erste Öko-Härterei“
Polizisten bitten: Lassen Sie Ihr Kind zur Schule laufen!
Polizisten bitten: Lassen Sie Ihr Kind zur Schule laufen!
Polizisten bitten: Lassen Sie Ihr Kind zur Schule laufen!

Kommentare