Interview der Woche

Dr. Frank Neveling: „Intensivkapazitäten sind bereits knapp“

Eine Patientin auf der Operativen Intensivstation des Städtischen Klinikums Solingen (SKS). „Wir schaffen es noch, jeden Patienten zu versorgen“, betont Prof. Thomas Standl, Medizinischer Geschäftsführer und Ärztlicher Direktor des SKS. Foto: Tim Oelbermann
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Die Intensivkapazitäten in Remscheid sind laut Dr. Frank Neveling, Leiter des Gesundheitsamtes, bereits knapp.

Der Leiter des Gesundheitsamtes ist eigentlich bereits im Ruhestand – Corona ließ ihn zurückkehren. Wo Remscheid derzeit steht, was die Impfstelle leisten kann und welche Fehler seine Kollegen vor Ort ausbaden müssen, darüber spricht er im RGA-Interview. Auch nach seiner Meinung zur möglichen Impfpflicht hat der RGA gefragt.

Das Interview führte Axel Richter

Herr Dr. Neveling, wo stehen wir in Remscheid aktuell in der Pandemie?

Dr. Frank Neveling: Wir sind mittendrin und voll im bundesweiten Trend. Aufgrund einer guten Remscheider Impfquote und der guten Arbeit des Krisenstabes haben wir Schlimmeres vermeiden können. Im bundesweiten Vergleich schneiden wir zurzeit gut ab und eine mit Covid-19-Erkrankten überlastete Intensivstation haben wir zum Glück nicht. Trotzdem darf man nicht unterschätzen, dass die Intensivkapazitäten in Remscheid bereits aufgrund anderer intensivpflichtiger Erkrankungen knapp sind.

Wagen Sie noch eine Prognose, wann wir alles hinter uns haben?

Neveling: Eine Prognose ist sehr schwierig, aber ich glaube, dass wir nach der vierten Welle aufgrund der zunehmenden Impfbereitschaft, der zunehmenden Immunisierung der Bevölkerung und der Entwicklung neuer Impfstoffe die Pandemie im Frühjahr weitestgehend überstanden haben.

Dr. Frank Neveling warnte früh vor einer neuen weltweiten Gesundheitskrise: „Die nächste Pandemie kommt bestimmt“, erklärte er 2017 in einem Interview des RGA. Dass das Coronavirus die Menschen so lange bedrohen würde, hatte er allerdings nicht für möglich gehalten.

Wir stehen heute in der neuen Impfstelle, die am Mittwoch ihren Betrieb aufnehmen wird. Sind Sie auf den zu erwartenden Ansturm vorbereitet?

Neveling: Die Mitarbeitenden des Gesundheitsamtes der gesamten Stadtverwaltung und der Kassenärztlichen Vereinigung vor Ort haben es in einer extrem kurzen Vorbereitungszeit geschafft, eine funktionierende Impfstelle aus dem Nichts aufzubauen. Der Ansturm wird groß sein, aber durch die Online-Termin-Buchung kann man die Anmeldungen gut steuern.
Dazu: Impfstelle öffnet Mittwoch: Ab Montag gibt es Termine

Immer mehr Haus-, Kinderärzte und Betriebsärzte bieten Booster-, Erst- und Zweitimpfungen an, so dass ich in den nächsten Wochen mit einer Entspannung rechne, wenn ausreichend Impfstoff vom Land beziehungsweise Bund geliefert wird. Hierauf haben wir allerdings leider keinen Einfluss.
Alle Entwicklungen zur Corona-Lage in Remscheid in unserem Live-Blog.

Lange haben Sie den Impfstoff angeboten wie sauer Bier. Jetzt ist die Nachfrage riesig. Und es sind nicht nur Boosterimpfungen, die Sie verabreichen. Haben die Menschen das Impfangebot im Sommer zu leichtfertig ausgeschlagen?

Neveling: Die sinkenden Infektionszahlen im Sommer haben zu einer gewissen Leichtfertigkeit geführt. Viele haben gehofft, „wir haben es geschafft“ und sich nach der lang erhofften Normalität gesehnt. Doch die Lage war trügerisch und es wäre besser gewesen, wenn mehr Menschen die damals freien Impfkapazitäten in Anspruch genommen hätten.

Nun stehen die Menschen Schlange. Haben die Impfaktionen am Gesundheitshaus schon etwas Druck vom Kessel nehmen können?

Neveling: Die Impf-Teams und die Hausärzte mit den überfüllten Praxen haben viel geleistet, aber beim Impfen ist leider noch viel zu tun.

Gesundheitsminister Jens Spahn hat die Liefermengen von Biontech gedeckelt und damit die Hausärzte verärgert. Sie auch?

Neveling: Ja, die Impfärzte und Gesundheitsämter baden den Ärger aus, müssen impfwillige Bürgerinnen und Bürger beruhigen, aufklären und leider auch vertrösten.

Mittlerweile sind mehr niedergelassene Ärzte ins Impfgeschehen eingestiegen. Reicht das?

Neveling: Die Kassenärztliche Vereinigung vor Ort, die Betriebsärzte, der Krisenstab und alle Akteure im Gesundheitswesen – zum Beispiel auch das AOK-Mobil – versuchen, mit den unterschiedlichsten Maßnahmen möglichst viele Impfungen durchzuführen. Wir werden es schaffen, aber leider ist auch etwas Geduld gefordert und gesunde junge Personen sollten älteren, immungeschwächten Menschen auch dieses Mal den Vortritt lassen.

Wie stehen Sie zur Impfpflicht, wie sie gerade diskutiert wird?

Neveling: Ein schwieriges Thema, aus dem ich mich gerne heraushalten möchte. Druck erzeugt häufig Gegendruck.

Sie sind eigentlich bereits im Ruhestand. Die Stadt hat Sie zum Aufbau der neuen Impfstelle zurückgeholt. War Covid-19 eigentlich die größte Herausforderung in Ihrem Berufsleben?

Neveling: Ich habe leider viele Herausforderungen gehabt. Zum Beispiel Vogelgrippe, Schweinegrippe, Ebola-Panik, Flüchtlingskrise, um nur einige zu nennen. Aber Covid-19 hat alles getoppt. Die lange Zeit der Dauerbelastung, insbesondere der Beschäftigten in den Gesundheitsämtern und den Gesundheits-Einrichtungen, hat uns alle an die Leistungsgrenzen gebracht.

Wie denken Sie in ein paar Jahren auf diese Zeit zurück?

Neveling: Ich war dabei.

Dr. Frank Neveling ist gebürtiger Lenneper. Nach dem Abitur am Röntgen-Gymnasium studierte er Medizin in Düsseldorf und machte Station in Krankenhäusern in Wülfrath und Erkelenz sowie im Gesundheitsamt Wuppertal. 2004 übernahm er die Leitung des städtischen Gesundheitsamtes Remscheid. Neveling sah eine weltumspannende Gesundheitsbedrohung früh voraus. „Die nächste Pandemie kommt bestimmt“, erklärte er 2017 in einem RGA-Interview.

Ruhestand: Vor wenigen Wochen ging Neveling offiziell in Ruhestand. Zum Aufbau der neuen Impfstelle im Zentrum Süd holte der Corona-Krisenstab den Pensionär zurück ins Gesundheitsamt. Neveling übernahm die medizinische Leitung der Impfstelle.

Die Impfstelle: Ab Mittwoch, 1. Dezember, geöffnet – an jedem Wochentag von 10 bis 18 Uhr. Termine sind ab dem 29. November buchbar – unter Tel. (0 21 91) 16 20 00 oder https://remscheid.impf-buchung.de

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