Schulen

Inklusionshelfer: Viel Bedarf, keine Bewerber

Die Inklusionshelferinnen Sharin Rüter (r.) und Afef Elgharbia beim Sportunterricht in der Hilda-Heinemnann-Schule.
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Die Inklusionshelferinnen Sharin Rüter (r.) und Afef Elgharbia beim Sportunterricht in der Hilda-Heinemnann-Schule.

Immer mehr Schulen beantragen Begleiter für einige ihrer Schüler.

Von Sven Schlickowey

Remscheid. Sharin Rüters Arbeitstag beginnt ziemlich genau um 8 Uhr. An der Haltestelle vor der Lenneper Hilda-Heinemann-Schule nimmt sie „ihr“ Kind in Empfang und begleitet es anschließend durch den Schultag. Ohne ihre Hilfe wäre dem Kind eine Teilnahme am Unterricht nicht möglich, sagt die 23-Jährige. „Es ist schön, dass es Sinn hat, was wir machen, man geht mit einem guten Gefühl nach Hause.“

Sharin Rüter ist Inklusionsbegleiterin, ein Job, der oft auch noch unter der Bezeichnung I-Helfer läuft. Schülerinnen und Schüler, aber teils auch Kindergartenkinder, mit einem besonderen Förderbedarf bekommen individuelle Begleiter zur Seite gestellt. Sie geben Sicherheit, helfen bei der Strukturierung des Alltags, unterstützen mit technischen Hilfsmitteln.

Und sie werden gesucht, händeringend teilweise. „Die Nachfrage ist so dermaßen riesig, dass wir das kaum noch bedienen können“, sagt zum Beispiel Peter Horn, der den Bereich beim Hückeswagener Verein Gotteshütte leitet, für den auch Sharin Rüter tätig ist. Seit etwa sieben, acht Jahren nehme der Bedarf merklich zu.

Ohne Hilfe können mache Kinder gar nicht in die Schule

Ein Phänomen, das auch Sarah Hoyer vom Remscheider Verein Die Verlässliche bestätigt: Seit drei Jahren arbeite sie in dem Bereich, sagt sie, seither habe sich die Zahl der Inklusionsbegleiter mehr als verdoppelt. Wirklich erklären kann Hoyer das aber genauso wenig wie ihr Kollege Horn. Vermutlich sei das Thema in den vergangenen Jahren, insbesondere im Zuge der Einführung des gemeinsamen Lernens, immer präsenter geworden, sagt die Rehabilitationspädgogin: „Eltern und Lehrkräfte kennen das inzwischen und wissen, unter welchen Bedingungen man I-Helfer beantragen kann.“

Das Problem: Die Zahl der Bewerber auf diese Stelle ist nicht in gleichem Maße mitgewachsen. Nicht für jede Anfrage habe man sofort die passende Kraft, berichten Horn und Hoyer übereinstimmend, manche Kinder müssten länger auf ihre Begleitung warten. Und könnten in dieser Zeit teilweise kaum oder gar nicht zur Schule gehen.

Das dürfte auch an den Arbeitsbedingungen liegen. In aller Regel bekommen I-Helfer Zeitverträge mit einem Schuljahr Laufzeit. Ihre Bezahlung ist, wie in Sozialberufen fast schon üblich, eher überschaubar. Die Gotteshütte zum Beispiel halte sich zwar an die kirchliche Fassung des Tarifvertrags im Öffentlichen Dienst, sagt Peter Horn, da es aber kaum fachliche Voraussetzungen für den Job gibt, ist die Tätigkeit als ungelernt eingestuft: „Das Einstiegsgehalt für eine Vollzeitstelle liegt bei uns bei 2450 Euro, aber Vollzeitstellen gibt es in diesem Bereich so gut wie nicht.“

So bleibt den Arbeitgebern nur, mit anderen Pfunden zu wuchern. Sarah Hoyer betont, dass viele ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Tätigkeit als besonders sinnvoll empfinden. Und dass sich trotz der Zeitverträge niemand Sorge um seinen Arbeitsplatz machen muss – weil der Bedarf so groß ist. Peter Horn verweist auf die gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf: I-Helfer arbeiten während der Schulzeit, also meist vormittags, und haben in den Ferien frei, was über ein Arbeitszeitkonto geregelt wird.

Auch für Sharin Rüter und ihre Kollegin Afef Elgharbia passen die Bedingungen gut, wie beide versichern. Elgharbia kann so ihre beiden Kinder, die den Kindergarten besuchen, ihre Doktorarbeit an der Universität Tunis und erste berufliche Erfahrungen in Deutschland unter einen Hut bringen. Rüter studiert nach ihrer Ausbildung zur Kinderkrankenschwester Soziale Arbeit – und lobt die Arbeitszeiten ihres Jobs. Schicht- und Wochenendarbeit in der Pflege ließen sich kaum so gut mit dem Studium verbinden.

Menschen wie Afef Elgharbia und Sharin Rüter würden sich die Träger noch viel mehr wünschen. Denn obwohl die Voraussetzungen formal gering seien, müssten geeignete Bewerber schon einiges mitbringen. „Wir probieren, Inklusionstandems zu bilden, die sich gegenseitig gut tun“, beschreibt das Peter Horn, Kind und I-Helfer sollen also zueinander passen. Entsprechende Vorerfahrungen, zum Beispiel eine pädagogische oder medizinische Ausbildung, seien hilfreich, sagt Sarah Hoyer.

Sharin Rüter nennt Empathie als wichtigste Voraussetzung für den Job. Und den Mut zu haben, sich etwas Neues zuzutrauen: „Man muss sich einfach mal darauf einlassen“, rät sie Interessierten. Das werde meist belohnt.

Hintergrund

Beantragt werden I-Helfer in der Regel von Schulen oder Kindergärten, die sich dafür an die Kostenträger wenden, für Schulkinder je nach Indikation Jugend- oder Sozialamt, für Kindergartenkinder der LVR.

Bewerber können sich direkt an die Träger wenden, in Remscheid sind unter anderem der Verein Die Verlässliche
(dieverlaessliche.de) und der Verein Gotteshütte (gotteshuette.de) in der Schulbegleitung aktiv.

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