Chefarzt warnt vor Impfmüdigkeit

In Remscheid wollen nur 1800 eine vierte Impfung

Die Bereitschaft, sich gegen Corona weiter impfen zu lassen, hat in den vergangenen Wochen extrem nachgelassen. Foto: Roland Keusch
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Die Bereitschaft, sich gegen Corona weiter impfen zu lassen, hat in den vergangenen Wochen extrem nachgelassen.

Ärzte warnen vor zu geringer Impfquote. Auch ukrainische Flüchtlinge bereiten Sorge.

Von Axel Richter und Björn Boch

Remscheid. Bis heute sind in den Remscheider Impfstellen lediglich 1800 Viertimpfungen gegen das Coronavirus verabreicht worden. „Das stellt uns nicht zufrieden“, sagt Dr. Jens Pfitzner, Leiter des Remscheider Gesundheitsamtes. Zumal die Impfteams die Alten- und Pflegeheime bereits aufgesucht haben und die Bewohnerinnen und Bewohner in der Zahl enthalten sind, bleibt die Nachfrage innerhalb der vulnerablen Gruppe weit hinter den Erwartungen zurück.

Eine vierte Impfung (zweite Boosterimpfung) als erneute Auffrischung wird von der Ständigen Impfkommission (Stiko) unter anderem allen Menschen über 70 Jahre sowie Personen mit Immunschwäche empfohlen. Weitere Zahlen der Stadt Remscheid zeigen allerdings, dass bereits bei der dritten Impfung der Zuspruch stark nachgelassen hat.

Bei den Erst- und Zweitimpfungen lag die Impfquote in Remscheid noch bei 72,7 Prozent. Zum dritten Mal ließen sich nur noch 58 Prozent der Bevölkerung impfen. Die Viertimpfung läuft unter ferner liefen.

„Die Pocken wurden nur durch die Impfpflicht ausgerottet.“

Prof. Winfried Randerath, Lungenfachklinik Bethanien

Viel zu gering, nennt die Impfquote Prof. Dr. Winfried Randerath, Chefarzt der Lungenfachklinik Bethanien. Laut Robert-Koch-Institut müsse sie mindestens bei 85 Prozent der Bevölkerung liegen – und bei älteren Menschen, die besonders gefährdet sind, bei mehr als 90 Prozent.

Der Mediziner hat die Sorge, dass die vergleichsweise milden Omikron-Verläufe nur ein Zwischenspiel bleiben und Corona im Herbst mit Wucht zurückkehrt. Zwar sei jede Voraussage über die Gefährlichkeit möglicher Mutanten unwissenschaftlich, „weil wir einfach nicht wissen können, wie sich das Virus entwickelt“. Dennoch bestehe das konkrete Risiko, es wieder mit einer gefährlicheren Variante zu tun zu bekommen.

Wie viele Experten hatte Randerath deshalb auf eine Impfpflicht gehofft. Die Überzeugungsarbeit sei offenbar an ihre Grenzen gestoßen. Doch einer Gesellschaft stehe es zu, von allen Mitgliedern einen Beitrag für die Gemeinschaft zu fordern, sagt Randerath: „Die Pocken wurden nur durch die Impfpflicht ausgerottet, bei Polio stehen wir kurz davor und auch bei Masern könnte das gelingen.“ Das zeige: Die Impfpflicht wirke.

Alle weiteren Nachrichten zur Corona-Lage in Remscheid finden Sie in unserem Live-Blog.

Thomas Neuhaus (Grüne), Leiter des Remscheider Gesundheitsamtes, sieht das anders. „Es muss darum gehen, Einsicht zu erzeugen“, sagt er. Jede Impfpflicht werde sich dagegen als zahnloser Tiger erweisen. Neuhaus will das Impfangebot der Stadt deshalb unbedingt aufrecht erhalten. Die Impfstelle im Zentrum Süd soll bleiben.

Zu tun haben die Teams dort allerdings meist wenig. In der 14. Kalenderwoche holten sich dort gerade einmal 413 Remscheider die Spritze ab. Nur bei den wenigsten war es die erste. „Das haben wir früher an einem Tag geschafft“, sagt Neuhaus. Doch auch er blickt auf den kommenden Herbst: „Wer weiß schon, in welche Phase wir in der Pandemie noch kommen?“

Die Alten sind unterdessen nicht die einzige Bevölkerungsgruppe, die den Medizinern Sorge bereitet. Sondern auch die 729 Flüchtlinge, die bis heute aus der Ukraine nach Remscheid gekommen sind. „Die Impfbereitschaft der Menschen ist gering“, sagt Dr. Jens Pfitzner. Lediglich rund 35 Prozent der ukrainischen Bevölkerung verfügt über eine Grundimmunisierung. „Dort geht zum Arzt, wer über ein volles Portemonnaie verfügt“, sagt der Mediziner. Das erkläre eine gewisse Skepsis gegenüber ärztlichen Angeboten, seien sie auch kostenlos. | Standpunkt

Covid-19: Ein neuer Todesfall

Remscheid zählt den 266. Todesfall in Zusammenhang mit Corona. Wie die Stadt mitteilt, ist eine 94-jährige Remscheiderin mit Covid-19 verstorben. Die Krankenhäuser vermelden aktuell 29 erkrankte Personen. Vier von ihnen liegen auf der Intensivstation, einer muss beatmet werden.

Die Impfstelle der Stadt im Zentrum Süd, Rosenhügeler Straße 2-8, ist montags, mittwochs und freitags von 8 bis 14 Uhr sowie dienstags und donnerstags von 11.30 bis 17.30 Uhr geöffnet. Ein Termin ist nicht erforderlich. Darüber hinaus gibt es weitere Impfstellen, zudem impfen Haus- und Fachärzte.

Standpunkt: Wahrnehmung als Problem

Von Björn Boch

bjoern.boch@rga.de

Die Sonne scheint, die Inzidenz sinkt und rund um Corona scheint derzeit die einzige Frage: „War da was?“ Nein. Da ist etwas. Noch immer sterben täglich Menschen an oder mit Covid-19 – laut Robert-Koch-Institut am Dienstag in Deutschland 304, davon 49 in NRW. Ja, die aktuelle Variante führt in der Regel zu milderen Verläufen. Wobei viele betroffene Geimpfte sagen: Wenn das der milde Verlauf sein soll, wollen sie den heftigen nicht erleben. Klar ist, dass Corona jeden und jede anders trifft. Ein Rätsel bleibt, warum diese Lotterie nicht für eine hohe Impfquote sorgt. Das Gerede von einer „Killer-Variante“ mag wenig seriös gewesen sein – auch die Corona-Experten im Bergischen betonen, dass niemand die Entwicklung von Mutationen absehen kann. Aber es bleibt eben möglich, dass uns zeitnah eine Variante heimsucht, die schlimmer oder viel schlimmer ist als Omikron. Tritt dieser Fall ein, trifft diese Variante auf eine Bevölkerung, die so weit weg ist vom Schutz durch eine hohe Impfquote wie der Bundestag vom Beschluss einer Impfpflicht. Die Folgen haben wir dann den Politikern in Berlin zuzuschreiben – aber auch uns selbst.

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