Gleichstellungsbeauftragte bemerkt Stillscham

In Remscheid fehlen geschützte Räume für das Stillen und Wickeln

Stillen in der Öffentlichkeit ist offenbar nicht immer erwünscht.
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Stillen in der Öffentlichkeit ist offenbar nicht immer erwünscht.
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Die CDU fordert ein Konzept für öffentliche Gebäude.

Von Melissa Wienzek

Remscheid. Die Kleine in ihrem Arm verlangt nach dem Schläfchen lautstark nach ihrer Milch, was den anderen Café-Gästen schon leicht übel aufstößt. Als sie ihr Baby an die Brust legt, wird sie schließlich vom Betreiber an die Tür gesetzt - die anderen Besucher finden das Stillen anstößig.

Eine wahre Szene, die keine Seltenheit in Remscheid ist, berichtet die Gleichstellungsbeauftragte Christel Steylaers. Sie habe zudem eine Art „Stillscham“ festgestellt. „Manche Frauen empfinden es nicht als natürlich, ihren Säugling einfach da zu stillen, wo sie gerade sind. Sie verstecken die Brust und das Kind unter einem Stilltuch oder ziehen sich in hinterste Ecken zurück. Das war in den 80er und 90er Jahren anders“, sagt sie. „Ich finde, jede Frau soll ihr Kind so stillen können, wie es sich für beide richtig anfühlt: Wenn sie Ruhe brauchen, benötigen sie Rückzugsmöglichkeiten, wenn sie bei allem dabei bleiben wollen, Unterstützung und Akzeptanz.“ Und genau hier liege der Knackpunkt, sagt auch Annette Stevens von der Fachstelle Frühe Hilfen. „Durch die fehlende Akzeptanz wird es für Mütter schwieriger.“

„Stillen ist das Natürlichste der Welt.“

Bartholomäus Jannasch-Velte

Auch Bartholomäus Jannasch-Velte vom Café Sahnetörtchen berichtet von Müttern, die ihm genau das erzählt haben. Bei ihm reservieren die Mamas gern den oberen Bereich oder setzen sich draußen in den Pavillon - Stillen ist hier selbstverständlich. „Ich weiß nicht, was daran anstößig sein soll“, sagt er. „Stillen ist das Natürlichste der Welt“, sagt Jannasch-Velte, der selbst Papa ist. Das Café Sahnetörtchen in der Innenstadt sei familienfreundlich und offen für alle. „Auch Zwillingswagen und Kinderwagen haben hier Platz.“ Zudem gibt es eine Wickelmöglichkeit.

Auch das ist eher selten in Remscheid, wie auch die CDU herausgefunden hat. „Extrem aufgefallen ist uns das während Corona: Geschäfte wie dm haben die Wickelauflage abgeschafft“, sagt Tanja Kreimendahl, Sprecherin der CDU-Fraktion im Ausschuss für Gleichstellung, Vielfalt und Antidiskriminierung (GVA). Möglichkeiten zum Wickeln und Stillen fehlten. Dabei sei der Wunsch von Müttern und Vätern nach sozialer Teilhabe mit ihren Babys und Kleinkindern heute stärker ausgeprägt als noch vor Jahren. Doch insbesondere öffentliche Einrichtungen hinkten diesen gesellschaftlichen Entwicklungen hinterher. „Sprich da, wo Eltern mit ihren Kindern hingehen wie in ein Bürgerbüro Lüttringhausen, gibt es keine Möglichkeit.“ Und schließlich lasse sich das Stillen und Wickeln des Nachwuchses nicht planen. Zumal nicht jede Frau in der Öffentlichkeit stillen wolle.

Stillen: „Wir stärken Mütter, an sich selbst zu glauben“

Daher sollte es nach Ansicht der CDU-Fraktion in den öffentlichen Gebäuden geschützte, ruhige Räume geben, in denen Mütter stillen können. So auch Wickelmöglichkeiten - für Männer und Frauen zugänglich. Die Verwaltung solle beauftragt werden, ein Konzept zu erstellen, wie, wann und zu welchen Kosten öffentliche Gebäude mit beidem ausgestattet werden könnten. Der entsprechende Antrag im GVA kam jedoch nicht zur Abstimmung, sondern wurde erst stark diskutiert und dann geschoben. Der Vorschlag des Stadtkämmerers Sven Wiertz (SPD), eine Direktive aufzulegen, wonach bei künftigen Neubauten, Anmietungen oder Sanierungen Still- und Wickelmöglichkeiten einzubeziehen seien, ging Tanja Kreimendahl nicht weit genug. „Wann sanieren wir denn die öffentlichen Gebäude? Es muss jetzt etwas passieren.“

Hier kann gewickelt werden

Öffentliche Gebäude:Laut Stadtsprecherin Viola Juric gibt es im Ämterhaus bei der VHS innerhalb der Behinderten-WC-Anlage eine Wickelmöglichkeit. Zudem bei der VHS in den Allee-Arkaden. Auch kann hier gestillt werden. Künftig soll bei Neubauten darauf geachtet werden, beides einzubeziehen. „Das ist uns ein großes Anliegen.“

Familiencafé: Im „Kamelinchen“, Beethoven-straße 1, ist Wickeln und Stillen möglich.

Mama Mia: Der Müttertreff des Kinderschutzbundes, Elberfelder Straße 41, bietet Still- und Wickelmöglichkeiten. Immer geöffnet, wenn das Team der Fachstelle da ist: montags bis donnerstags 10 bis 15 Uhr.

Allee-Center: Im WC-Bereich im Allee-Center ist eine Wickelauflage vorhanden.

Café Sahnetörtchen: Wickeltisch vorhanden.

CDU: In der CDU-Geschäftsstelle, Konrad-Adenauer-Straße 7, soll ein Wickeltisch angebracht werden.

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