Buchchronik

In Remscheid begrub er seinen Hass

Erzählte im EMMA-Gymnasium in der 9b aus seinem Leben: Der Jude Klaus „Gad“ Frank mit Hans Heinz Schumacher.
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Erzählte im EMMA-Gymnasium in der 9b aus seinem Leben: Der Jude Klaus „Gad“ Frank mit Hans Heinz Schumacher.
  • Andreas Weber
    VonAndreas Weber
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Im Buch über die sauerländische Unternehmerfamilie Stern spielt auch der Jude Gad Frank eine Rolle.

Remscheid. In sein Geburtsland wollte Gad Frank nie zurück. Als er 2018 dennoch bei einer „Erkundungsreise“ in seiner alten Heimat Remscheid das Haus von Hans Heinz Schumacher in Lüttringhausen betrat, schaltete er sofort auf Abwehr: „Damit das klar ist, ich will mit Deutschland nichts zu tun haben.“ Dem RGA gegenüber erklärte er damals, weiter „in Kopf und Körper eine Anti-Deutschland- und Anti-Nazi-Haltung“ zu haben. Diese habe ihn nie losgelassen und in Israel davon abgehalten, für sich die Vergangenheit aufzuarbeiten.

Dass alles anders kam, Gad Frank seinen Hass begrub und Frieden mit den grausamen Ereignissen im Zweiten Weltkrieg schloss, der seine Familie entwurzelte, ist dem Pferdestall-Verein um seinen Vorsitzenden Hans Heinz Schumacher zu verdanken, aber auch einer Gesellschaft in Remscheid, die seiner jüdischen Vorfahren in Ehren gedenkt und den heute 91-Jährigen bei seinen Besuchen überraschte.

Die Geschichte der hiesigen Sterns beginnt in der Alleestraße 16b, spätere Hausnummer 20, mit dem Seidenhaus Frank und Co. Siegmund und Emilie Stern hatten die Immobilie 1903 erworben. Mit Gads Großeltern beginnt das Remscheider Kapitel einer aufwendig recherchierten Buchchronik über die jüdische Unternehmerfamilie Salomon Stern. Deren Ursprünge liegen im sauerländischen Schmallenberg. Die Strickwarenfirma, 1810 gegründet, ging 1939 in das Unternehmen Falke (Socken) über.

Von Schmallenberg, heute mit 303 Quadratkilometern die flächenmäßig größte kreisangehörige Stadt in NRW, zog es die Sterns in alle Welt, was sowohl für Familienmitglieder, das Firmengeflecht wie die Absatzmärkte von Strick- und Wirkwaren, die die Sterns produzierten und im Großhandel weltweit vertrieben, gilt.

Aus dem Buch über Familie Stern: Ein Zweig, die Franks eröffneten 1905 in der Alleestraße 16b ein Seidenhaus.

Norbert Otto hat in viereinhalbjähriger Recherche mit dem Heimat- und Geschichtsverein Schmallenberger Sauerland alle Verästelungen akribisch dokumentiert und den Bogen ins Jetzt geschlagen, auf 368 Seiten optisch toll aufbereitet und populär lesbar bis ins Detail zusammengetragen. 23 Seiten nimmt Remscheid in dem Werk ein. Sie beginnen mit der Geschäftseröffnung von Emilie Stern (1879-1943) und ihrem Ehemann Siegmund Frank (1870-1944) auf der Haupteinkaufsmeile in Remscheid. Andrea Blesius, Klaus Blumberg, Johann Max Franzen, Viola Meike und Hans Heinz Schumacher unterstützten Otto in Wort und Bild beim Zusammentragen der vielen Fakten.

Gad Franks Eltern Kurt und Erna, die zwischenzeitlich beruflich in Schmallenberg gelebt hatten, zogen von 1931 bis 1934 mit ihren beiden Söhnen in eine Mietwohnung in der Hindenburgstraße 81, bevor sie sich zur Ausreise nach Palästina entschieden. Oma und Opa blieben, wurden enteignet, wurden in einem „Jugendhaus“ in Köln ghettoisiert, 1942 deportiert.

„Ich hätte nie gedacht, dass wir mit den Nachkommen ins Gespräch kommen.“

Hans Heinz Schumacher

Sie starben in Theresienstadt, ebenso wie Gads Großtante Sara. Drei Stolpersteine erinnern auf der Alleestraße an ihr Schicksal. Sie beeindruckten Gad, der als Klaus geboren wurde, ebenso wie die Gedenktafel für die jüdischen Mitschüler am Haupteingang des EMMA-Gymnasiums, auf der auch sein Vater Kurt verewigt ist.

75 Jahre, nachdem er aus Deutschland geflohen war, erwuchs aus strikter Verweigerung Vertrauen zu den Remscheidern, die sich so intensiv um den Pensionär und die Geschichte seiner Familie kümmern. Gad Frank polierte sein eingerostetes Deutsch auf und kam wieder. Auf das erste zaghafte Herantasten mit Enkel Aaron an die dunkle Vergangenheit folgte ein weiterer Flug aus Israel, diesmal mit allen seinen fünf Kindern.

Die Franks wurden im Rathaus empfangen, vor dem die israelische Flagge gehisst war. Gad besuchte auch eine Klasse am ehemaligen Gymnasium seines Vaters und war perplex, dass die Pennäler nicht dem Klischee des blonden, deutschen Hünen entsprachen. „Ich habe nie gedacht“, sagt der ehemalige EMA-Schulleiter Hans Heinz Schumacher, „dass wir, als die Tafel angebracht wurde, mit Nachkommen ins Gespräch kommen“. Aus dem Dialog wurde Freundschaft.

Heute telefoniert Schumacher einmal wöchentlich mit Frank im Kibbuz Yiftah. Und es gibt einen weiteren Plan für eine persönliche Zusammenkunft in Remscheid, so es die Gesundheit des Seniors zulässt. „Unsere Idee ist es, dass der vertriebene Gad mit seiner Kunst und einer Ausstellung zurückkehrt“, überlegt Schumacher. Eigentlich für 2020 geplant, soll dies nachgeholt werden. Gad Frank, der im Alter von einem Lebenskünstler zum Zeichner und Bildhauer geworden war, will Remscheid etwas schenken.

In Norbert Ottos Stern-Chronik steht: „Obwohl er erst vergleichsweise spät zur Kunst kam, schuf er doch in 40 Jahren eine beachtliche Anzahl beeindruckender Werke.“ Eine Auswahl soll in Remscheid gezeigt werden. Und eine Skulptur, für die es ein von Frank gefertigtes Stahlmodell gibt, soll einmal einen festen Platz in seiner alten Heimat finden.

Das Stern-Buch

Norbert Otto, ehemaliger Schulleiter aus Schmallenberg, hat die Firmen- und Familiengeschichte der jüdischen Unternehmerfamilie Salomon Stern zusammengetragen. „Die Sterns. Aus dem Sauerland. In alle Welt“, 2021 erschienen, 368 Seiten, 30 Euro; ISBN-Nr. 978-3-00-069598-8, erhältlich u. a. über den Verein Pferdestall:

info@gub-pferdestall.de

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