Bühne

In der Klosterkirche hagelt es von Jürgen Becker neben Kritik auch Kamelle

Hebt nicht nur den Finger, sondern legt ihn auch gern in die Wunde: Der Kölner Kabarettist Jürgen Becker gastierte in Lennep. Foto: Roland Keusch
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Hebt nicht nur den Finger, sondern legt ihn auch gern in die Wunde: Der Kölner Kabarettist Jürgen Becker gastierte in Lennep.

Der Kölner Kabarettist Jürgen Becker holte seine verschobene Vorstellung nach.

Von Sabine Naber

Mit einem Klatschmarsch ist Jürgen Becker am Freitag im gut besuchten Saal der Klosterkirche euphorisch empfangen worden. Das gefiel dem Kölner Kabarettisten. „Musik und Gesang müssen wieder in unser Leben kommen. Und heute wollen wir uns einfach mal ‘nen schönen Abend machen“, betonte der Kölner, der mit seinem neuen Programm „Die Ursache liegt in der Zukunft“ nach Lennep gekommen war.

Er ist überzeugt, dass die Deutschen von Zukunftsängsten geplagt sind. „Aber die Ungewissheit, das ist doch das Markenzeichen der Zukunft.“ Nur wie es nach dem Tod weitergeht, das habe die Religion geregelt. Dort treffe man dann die anderen aus der Familie wieder. „Als ob der Tod nicht schon schlimm genug ist.“ Und vieles, was früher klar geregelt war, hätte sich inzwischen gravierend geändert. „Früher lernte man einen Beruf und übte ihn den Rest seines Lebens aus. Und wer nix gelernt hatte, der wurde Berater bei Black Rock und zog ins Sauerland.“

Am Thema Digitalisierung – „da liegt Deutschland noch hinter Rumänien“ – oder an der Partnersuche im Internet ließ er kein gutes Haar. „Wenn Adam bei Parship gewesen wäre, dann hätte in seinem Profil stehen müssen: ,Einsamer Typ ohne sexuelle Erfahrung, mag kein Obst‘. Der wäre Single geblieben.“ Aufregen kann er sich auch über das Gesundheitswesen. Das Zwei-Klassen-System bezeichnete er schlicht als Mist, die „Igel-Leistungen“, ein Zusatzangebot, für das Patienten selbst zahlen müssen, nannte er „kompletten Käse“: „Eine rektale Ozontherapie für 600 Euro. Und wenn man 200 Euro zuzahlt, dann blasen sie einem noch Zucker hinterher.“

In den Krankenhäusern gehe es nur noch um Fallpauschalen. „Da werden Gewinne erwirtschaftet, weil sie an allem sparen, was kein Geld bringt.“ Bestes Beispiel dafür sei, dass in Deutschland ein Pflegender für zehn Patienten zuständig sei, in Norwegen nur für drei. „Die FDP, das ist die Lobby der Privatversicherten. Aber ich bin optimistisch, dass die Bürgerversicherung kommt. Wenn wir alle es wollen. Medizin, die den Menschen meint.“ Das habe er auch seinem Arzt erklärt. „Der hat mir anschließend gleich einen Hirnfunktionstest für 800 Euro empfohlen.“

Am Ende lud er zu einem „lecker Kölsch“ ein

Auch zur Wirtschaft hatte Becker etwas zu sagen: „Alle können nur Kapitalismus – aber der basiert auf unendlichem Wachstum. Doch wie soll das auf einem endlichen Planeten funktionieren?“ Die Klimakatastrophe treffe den Kapitalismus mitten ins Herz. Denn wenn der Rohstoffkeller ausgeräumt sei, dann gebe es einfach nichts mehr.

Eineinhalb Stunden unterhielt der Kabarettist sein Publikum vom Feinsten. In der Zugabe steckte viel rheinischer Frohsinn, für den er bekannt ist. Natürlich ging es um Karneval. Dass dieser für die schnelle Verbreitung des Coronavirus gesorgt habe, wies er entschieden von sich: „Schuld sind doch nicht die Karnevalisten, sondern die, die vor ihm nach Ischgl geflüchtet sind“, behauptete er. Und dann flogen zur Musik von „Denn einmal nur im Jahr ist Karneval“ Kamelle durch den Saal. Am Ausgang folgte Becker der Tradition und lud seine Gäste zu einem „lecker Kölsch“ ein.

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