Apotheken und Arbeitgeber schlagen Alarm

Impfbetrüger legen falsche Dokumente vor - Polizei ermittelt wegen Urkundenfälschung

Der Gesetzgeber hat es den Apothekern zur Aufgabe gemacht, digitale Impfpässe auszustellen. Doch die Kontrollmöglichkeiten sind begrenzt. Das ruft Betrüger auf den Plan. Henrike Stromann-Schell sieht sich mit einer Vielzahl von dubiosen Dokumenten konfrontiert. Foto: Roland Keusch
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Der Gesetzgeber hat es den Apothekern zur Aufgabe gemacht, digitale Impfpässe auszustellen. Doch die Kontrollmöglichkeiten sind begrenzt. Das ruft Betrüger auf den Plan. Henrike Stromann-Schell sieht sich mit einer Vielzahl von dubiosen Dokumenten konfrontiert.

Die Versuche, die verschärften G-Regeln zu unterlaufen, häufen sich.

Von Axel Richter

Remscheid. Henrike Stromann-Schell ist eine Frau klarer Worte. „Das ist doch asozial hoch zehn“, schimpft die Apothekerin vom Hasten. Gemeint ist der Versuch, gefälschte gelbe Impfpässe in digitale Impfnachweise zu verwandeln. Mit solchen Betrugsversuchen bekommen sie und ihre Mitarbeiterinnen es in der Vitalis-Apotheke immer häufiger zu tun. Es sind nicht die einzigen dubiosen Methoden, mit denen Impfverweigerer versuchen, die 2G- und 3G-Regeln zum Schutz vor Covid-19 auszuhebeln.

Gefälschte Impfausweise sind das eine, Online-Testzertifikate das andere. Erst am Montag präsentierte ein Mitarbeiter eines großen Remscheider Unternehmens seinem Chef ein Dokument, das ihm einen negativen Coronatest bescheinigen sollte. Wie sich herausstellte, hatte sich der Mann das Papier auf der Grundlage eines videoüberwachten Onlinetests im Internet heruntergeladen. Die Stadt ruft alle Arbeitgeber dazu auf, solche Zertifikate nicht anzuerkennen.

„So wird die Republik mit gefälschten digitalen Zertifikaten überschwemmt.“

Henrike Stromann-Schell, Vitalis-Apotheke

Mit Blick auf die gefälschten Ausweise ermittelt die Polizei wegen Urkundenfälschung. Das Wuppertaler Präsidium geht von ganzen Betrugsnetzwerken aus. 18 Verfahren laufen derzeit im bergischen Großstädtedreieck. Im Fokus stehen zehn Verdächtige, die mit gefälschten Impfdokumenten aufgeflogen sind. Die tatsächliche Zahl dürfte weit höher liegen. Und sie dürfte weiter anwachsen, je mehr die Ungeimpften in der Pandemie unter Druck geraten.

Remscheid: Alle vier Covid-Intensivpatienten sind ungeimpft

„Es ist verrückt“, sagt Thomas Neuhaus (Grüne), Gesundheitsdezernent und Leiter des Corona-Krisenstabes: „Statt den Piks über sich ergehen zu lassen, geraten die Leute lieber mit dem Gesetz in Konflikt.“ Mehr noch: Sie gefährden ihre Mitmenschen. Wie wirksam die Impfung trotz immer neuer Virus-Mutanten ist und wie zuverlässig sie gegen schwere Krankheitsverläufe wirkt, zeigen dagegen folgende Zahlen: Laut Robert-Koch-Institut hält das Sana-Klinikum in Remscheid aktuell 26 Intensivbetten vor. Davon sind 24 belegt. In vier Intensivbetten liegen Patienten mit Covid-19. Von ihnen müssen zwei künstlich beatmet werden. Alle vier Covid-Intensivpatienten sind ungeimpft. „Was muss eigentlich noch geschehen, um die Ungeimpften zu überzeugen?“, fragt Neuhaus. Doch auch er kennt die Mythen, die davon erzählen, Biontech, Moderna und Co. machten unfruchtbar.

Mit der Polizei ruft auch der Krisenstab dazu auf, jeden Fälschungsverdacht zur Anzeige zu bringen. Henrike Stromann-Schell, die seit 20 Jahren die Vitalis-Apotheke führt, tut das bereits. Mit anderen Apothekern in Remscheid hat sie eine Infokette aufgebaut. So halten sich die Kollegen gegenseitig über die neuesten Tricks auf dem Laufenden.

Impfbetrug: Spahn fordert härtere Strafen bei Impfpass-Fälschungen

Manche Fälschungen sind leicht zu identifizieren. Wenn die Impfbücher zum Beispiel besonders grell-gelb sind. Bei anderen Fälschungen müssen die Apotheker schon mindestens zweimal hinschauen. Viel mehr bleibt ihnen allerdings auch gar nicht übrig, denn ein zentrales Impfregister, auf das die Apotheken zugreifen könnten, um die Daten zu überprüfen, gibt es bislang nicht.

Remscheid: Digitaler Impfpass nur noch für Stammkunden

„So wird die Republik mit gefälschten digitalen Zertifikaten von vermeintlich Geimpften überschwemmt“, sagt Henrike Stromann-Schell. Bislang schickte sie die Menschen weg, bei denen sie von der Echtheit des vorgelegten Impfausweises nicht überzeugt war. Mittlerweile geht sie dazu über, den digitalen Impfpass nur noch ihren Stammkunden auszustellen.

Doch beides führte schon zu unschönen Situationen in der Apotheke in Hasten. Nicht jeder mutmaßliche Impfgegner akzeptierte ein Nein. Umso mehr fühlt sich die Apothekerin mit ihren Mitarbeiterinnen von den Fälschern missbraucht. „Das Verhalten dieser Leute ist moralisch und ethisch verwerflich“, sagt sie: „Es ist mit einem Wort einfach nur asozial.“

Auch interessant: Ansturm auf Termine in der Impfstelle im Zentrum Süd

Standpunkt: Missbraucht und veräppelt

Von Axel Richter

axel.richter@rga.de

Als die Regierenden den Apothekern und Ärzten auftrugen, den digitalen Impfpass auszustellen, ahnten sie noch nicht, wie groß die Zahl derer sein würde, die sich der Impfung gegen Corona ernsthaft verweigern würden. Das Impfen hatte Priorität. Schließlich war man damit schon viel zu spät dran. Auf ein zentrales Impfregister, in dem alle Impfungen dokumentiert sind, wurde auch deshalb verzichtet. Das rächt sich nun. Denn verimpfte Chargen können durch die Apotheken nicht abgerufen, zurückverfolgt und auf Richtigkeit überprüft werden. Nun, da der Druck auf sie zunimmt, lässt das Impfgegner und Ungeimpfte, die in ihrem Wahn selbst vor Straftaten nicht zurückschrecken, in den Apotheken auftauchen. Den dort Beschäftigten, überwiegend handelt es sich um Frauen, obliegt es dann, die dubiosen Figuren mit ihren falschen Pässen aus dem Geschäft zu komplimentieren und ihren Verdacht der Polizei zu melden. Nachvollziehbar fühlen sie sich von Kriminellen missbraucht und von der Politik veräppelt, denn sie baden aus, was die Politiker versäumt haben. Das haben sie allerdings gemeinsam vielen anderen in der Pandemie.

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