Nachfrage sinkt

Immobilienpreise gehen in Remscheid in den Sinkflug

Bagger machen den Weg zum Baugebiet auf dem Gelände der ehemaligen Grundschule Eisernstein frei. Rodungsarbeiten laufen derzeit.
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Bagger machen den Weg zum Baugebiet auf dem Gelände der ehemaligen Grundschule Eisernstein frei. Rodungsarbeiten laufen derzeit.
  • Axel Richter
    VonAxel Richter
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Vor allem junge Familien können sich das Eigenheim oft nicht mehr leisten können. Wo die Nachfrage sinkt, sinken auch die Preise.

Remscheid. Auch in der Pandemie kannten die Immobilienpreise in Remscheid nur eine Richtung: nach oben. Doch damit ist es vorbei. Die Preise für Wohneigentum sind in den Sinkflug übergegangen. Das ist gut für Käufer. Bei allen Verkäufern ist jedoch noch nicht angekommen, dass sie nicht mehr jeden absurd hohen Preis verlangen können.

Mehr als 30 Objekte hat das Maklerbüro Rütten & Heldt in Remscheid und Umgebung im Angebot. Von der Eigentumswohnung über die Doppelhaushälfte bis zum Häuschen im Grünen. Gezielt richten sich Frank Rütten und Partner als Exklusivpartner der Volksbank im Bergischen an Menschen, die in Köln arbeiten, in Remscheid und Umgebung aber noch auf Immobilienpreise treffen, die sie ansatzweise bezahlen können. „Der Wohnungsmarkt ist bei uns längst nicht so heißgelaufen wie in den großen Städten“, sagt Rütten.

Wobei: In exklusiven Lagen stellten auch im Bergischen Quadratmeterpreise von bis zu 3800 Euro zuletzt keine Ausnahme dar. Das lag auch daran, dass sich bei Besichtigungsterminen die Besucher die Klinke in die Hand gaben. Jetzt ist der steigenden Bauzinsen und explodierenden Kosten wegen eine große Gruppe weggebrochen: die jungen Familien.

„Bauzinsen von 9 oder 10 Prozent waren normal.“

Michael Wellershaus, Sparkasse

„Vor ein paar Monaten lagen die Bauzinsen noch bei 0,9 Prozent“, erklärt Frank Rütten. „Jetzt sollen die Menschen 3,5 Prozent für die Hypothek zahlen.“ Bei einer zu finanzierenden Summe von 500 000 Euro sind damit nicht mehr knapp 400 Euro pro Monat zu tilgen, sondern 1500 Euro. Das können sich viele junge Menschen nicht leisten. Übrig bleiben auf Käuferseite die älteren Interessenten – jene, die 30, 40 Jahre lang haben sparen können und möglicherweise eine eigene Immobilie in die Finanzierung einbringen können.

Wo die Nachfrage sinkt, sinken auch die Preise. Aus einem Verkäufer- wird ein Käufermarkt. „Bei einigen verkaufswilligen Eigentümern herrschen da noch andere Vorstellungen“, sagt Makler Rütten: „Wir haben da jetzt einige Aufklärungsarbeit zu leisten.“ Aktuell aber gehen alle Experten von moderat sinkenden Kaufpreisen in Remscheid aus.

Allerdings gehen damit zugleich die Investitionen zurück. Wie berichtet, begann die Wohnungsgesellschaft Gewag Anfang November mit dem Abriss leerstehender Wohngebäude an der Zeppelinstraße in Lennep. Neubauten werden dort aber vorläufig nicht entstehen. „Die Bauzinsen haben sich vervierfacht, die Baukosten steigen, Fachkräfte sind nicht zu bekommen. Wir müssen auf Sicht fahren“, erklärte Vorstand Oliver Gabrian gegenüber dem RGA.

Angesichts steigender Zinsen, einer hohen Inflation und unsicherer Zukunftsaussichten schadet das freilich auch allen privaten Bauherren oder Käufern nicht. „Was will ich mir leisten? Was kann ich mir auch leisten?“ Das, sagt Michael Wellershaus, Vorstandsvorsitzender der Stadtsparkasse Remscheid, müsse jeder für sich beantworten. „Im Zentrum unserer Baufinanzierungsberatung steht deshalb immer die sorgfältige Prüfung, ob die Kaufinteressenten dauerhaft die anfallenden Raten und die Nebenkosten für die Immobilie zahlen können“, sagt Wellershaus.

Und? Rät er gegenwärtig überhaupt noch zum Kauf einer Immobilie? „Es ist immer gut, in die eigene Zukunft zu investieren“, sagt Wellershaus und stellt einen Vergleich an: „Wenn wir mal an unsere Elterngeneration zurückdenken, da waren Bauzinsen von 9 oder 10 Prozent normal.“ Allerdings: In den 60er und 70er Jahren waren die Baukosten deutlich geringer. Und wer baute, konnten viel mehr als heute in Eigenleistung schaffen.

Da wurde einem schwindelig

Noch 2020 kletterten die Immobilienpreise in Remscheid auf ungeahnte Höhen. Im Vergleich zum Vorjahr wurden Eigentumswohnungen im Schnitt um 14 Prozent teurer. Die Preise für unbebaute Grundstücke stiegen um 15 Prozent, die Preise für Doppelhaushälften und Reihenhäuser legten um 7 Prozent zu. „Da werden Preise aufgerufen, da wird einem schwindelig“, hieß es vom Immobilienmarkt. Dieser Trend ist zumindest gestoppt.

Standpunkt von Axel Richter: Zu spät

axel.richter@rga.de

Die Immobilienpreise sinken absehbar. Allerdings kommen sie von einem hohen Niveau. Und: Es profitieren jene nicht davon, deren Wunsch nach den eigenen vier Wänden mutmaßlich am größten ist. Junge Familien, die noch keine großen Ersparnisse haben, begraben ihren Traum vom eigenen Zuhause. Weil sie die Sorge haben, dass die Bauzinsen und Nebenkosten sie am Ende auffressen.

Das zeigt sich auch am Eisernstein in Lüttringhausen, wo weit weniger Familien sich um einen Bauplatz bewerben, als Politik und Verwaltung das erwartet hatten. Das ist vor allem deshalb ärgerlich, weil die zwei Mehrfamilienhäuser und 17 Einfamilienhäuser, die dort geplant sind, längst stehen könnten. Doch die Stadt Remscheid brauchte zehn Jahre, um die 10 000 Quadratmeter große Brachfläche, auf der sich bis zu ihrer Zerstörung durch einen Großbrand die Grundschule Eisernstein befand, zu Bauland zu erklären.

Für viele Remscheider Familien kommt das zu spät.

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