Interview der Woche

Caritas-Vorsitzende Sandra Engelberg: „Immer wieder neue Wege gefunden“

Die Online-Plattform soll weiter ausgebaut werden: Caritas-Vorsitzende Sandra Engelberg.
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Die Online-Plattform soll weiter ausgebaut werden: Caritas-Vorsitzende Sandra Engelberg.
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Caritas-Vorstand berichtet über die soziale Arbeit des Verbandes in den vergangenen neun Monaten.

Von Andreas Weber 

Frau Engelberg, Herr Hoymann, die Caritas Remscheid hat 100 Mitarbeiter und rund 120 Ehrenamtler, deren Aufgaben alle vom Kontakt mit Menschen leben. Wie konnten Sie in Zeiten des Abstandes trotzdem ihrer Arbeit nachgehen?

Sandra Engelberg: Toi, toi, toi. Bislang hat das sehr gut geklappt – dank unserer Mitarbeiter, die sehr engagiert, aber auch flexibel auf die Herausforderungen reagiert haben, wenn es darum ging, Lösungen zu finden, die halfen, zu viele persönliche Kontakte zu vermeiden, zum Beispiel bei der hygieneschutzgerechten Aufteilung der Büros. Von Beginn an im März waren fast alle Dienste betroffen. Die Seniorentagespflege war aufgrund der behördlichen Verfügung schon Mitte März geschlossen. Über eine Ausnahmegenehmigung haben wir im Mai eine Notbetreuung für die Tagespflege in Lennep eingerichtet. Wir sind auch dazwischen in Kontakt mit den Senioren geblieben, denn wir haben gemerkt, dass es zu Überforderungen kommt, die häuslich nicht aufgefangen werden können. Für Demenzkranke ist die Routine wichtig, sie brauchen ihren gewohnten Tagesablauf. Wir haben nach Absprache mit der Heimaufsicht ein Konzept entwickelt, in dem wir die Pflegepersonen einzeln von zu Hause abgeholt haben.

Engelsbergs Stellvertreter ist Markus Hoymann.

Markus Hoymann: In unserem Fachbereich Integration/Migration in der Blumenstraße 30 nutzen wir die fünf Beratungsplätze coronabedingt nicht voll. Wir haben dort Acrylglastrennscheiben errichtet, es gilt Maskenpflicht. Termine gibt es nur nach telefonischer Vereinbarung, mit Pausen zwischendurch, um Begegnungen in Räumen und Fluren zu vermeiden. Gespräche sind limitiert auf 20 bis 30 Minuten, ein Timer zeigt an, wann wieder gelüftet werden muss.

Engelberg: In der Allgemeinen Sozialen Beratung wurden die offenen Sprechstunden eingestellt und die Kundenfrequenz runtergefahren. Nur noch in Ausnahmefällen gibt es persönliche Kontakte. Es ist ein Glück gewesen, dass die Caritas im Januar vor Ausbruch der Pandemie eine Online-Plattform eingeführt hat, die sehr gut angenommen wird und für die schon viele Mitarbeiter geschult worden sind. Ich denke, sie wird auch nach Corona intensiv genutzt werden, gerade, wenn es um Erstkontakte geht.

Was war die größte Herausforderung in den vergangenen neun Monaten?

Engelberg: Generell, dass wir uns auf neue Bestimmungen und Situationen einstellen und mit entsprechenden Konzepten reagieren mussten. Ständig mussten Pläne und Konzepte aktualisiert werden. So haben wir in der wärmeren Jahreszeit die Beratungen, wenn möglich, nach draußen verlegt. Oder haben zum Beispiel in der Wohnungsnotfallhilfe in der Schüttendelle für das Tagescafé Gartenstühle für den Hof gekauft.

Hoymann: Uns kommen unsere kurzen Entscheidungswege im Haus zugute. Deshalb konnten wir stets schnell reagieren.

Der Anspruch der Caritas lautet: Not sehen und handeln. Sie machen sich stark für Menschen am Rand der Gesellschaft. Sind diese durch Corona doppelt gebeutelt?

Engelberg: Das kann man sagen. Denn die Beschränkungen treffen diejenigen am meisten, die ohnehin wenig soziale Kontakte haben. Das verstärkt Vereinsamung, psychische Vorbelastungen manifestieren sich.

Am intensivsten sind die Kontakte bei den Ambulanten Diensten, Seniorentagespflege oder den Eingliederungs- und Erziehungshilfen. Wie wurden dort die Angebote in den letzten Monaten weitergeführt?

Hoymann: Zwischendurch sind Angebote ausgefallen. Im Bereich Integration/Migration konnten wir die Sprachkurse, die face-to-face stattfinden, nicht aufrechterhalten, Online als Alternative gestaltete sich technisch schwierig. Und für die Mutter-Kind-Spielgruppe war der Bildschirm eh kein adäquater Ersatz.

Engelberg: Die Ambulanten Dienste gingen weiter. Unsere Mitarbeiter haben die Haushalte besucht, es sei denn, es gab eine Quarantäne oder unsere Mitarbeiter blieben aus Vorsicht zu Hause, weil sie Krankheitssymptome zeigten. Einiges ist telefonisch oder online gemacht worden. Immer wieder galt es, neue Wege zu finden: So haben wir in manchen Fällen statt gemeinsam mit den Senioren einzukaufen die Ware zu deren Wohnungstür gebracht.

Sind Ihre Textilangebote weiterhin geöffnet?

Hoymann: Da muss man unterschieden. Esperanza, das Babysachen-Geschäft in der Blumenstraße 5, unterliegt denselben Einschränkungen wie der Einzelhandel, weil dort ein Verkauf, wenn auch gegen kleines Geld, stattfindet. Bis zum 10. Januar ist der Laden vorerst geschlossen. Die Kleiderkammer im Souterrain unseres Hauptgebäudes in der Blumenstraße 9 ist dagegen prinzipiell offen, weil die Second-Hand-Ware kostenlos abgegeben wird. Wer Kleidung benötigt, muss allerdings einen Termin abmachen.

Die Caritas ist auch Träger der OGS in der Heinrich-Neumann-Schule.

Engelberg: Im Frühjahr waren wir im Offenen Ganztag in der Notbetreuung, auch über die Osterferien hinweg. Wir sind durch die Hygieneregeln viel draußen gewesen und haben versucht, die Betreuung der 25 Kinder in den zwei Gruppen so gut wie möglich zu trennen. Eine Teilgruppe musste einmal geschlossen werden. Insgesamt hat es aber funktioniert.

Am 10. Dezember haben die Tarifparteien der Caritas eine Corona-Einmalzahlung für die Mitarbeiter beschlossen. Was verbirgt sich dahinter?

Engelberg: Sie ist vergleichbar mit der Corona-Prämie des Bundes, aber arbeitgeberfinanziert und bewegt sich gestaffelt nach Verdienstkategorie zwischen 300 und 600 Euro. Die Einmalzahlung ist steuerfrei und gilt für die mehr als 600 000 Beschäftigten der Caritas bundesweit – im Gegensatz zur Corona-Prämie, die speziell Pflegekräften in der Altenhilfe und im Krankenhaus zugutekommt.

Die Caritas Remscheid bietet jungen Menschen ein Freiwilliges Soziales Jahr oder den Bundesfreiwilligendienst an. Wie hat sich die Nachfrage danach im Corona-Jahr entwickelt?

Engelberg: Sehr zögerlich. Wir hatten den Eindruck, dass sich viele Schulabgänger in diesen Zeiten gefragt haben: Geht das überhaupt? Ehrlich gesagt, bin ich froh über Ihre Frage, denn wir bieten drei Stellen an, und zwar je eine in der Tagespflege in Remscheid und Lennep, eine dritte kommt im Tagescafé für Wohnungslose in der Schüttendelle hinzu. Dafür suchen wir Interessenten, gerne auch schon ab dem 1. Januar 2021.

Was plant die Caritas für das kommende Jahr?

Hoymann: Wir sind Mitgesellschafter des Christlichen Hospizes Bergisch Land und hoffen, mit der Diakoniestation Wermelskirchen und dem Hospiz-Förderverein zügig an die Umsetzung in Bergisch Born gehen zu können. Wenn der Bauantrag abgegeben und entschieden ist, sollte 2021 der Spatenstich möglich sein. Engelberg: Und wir setzen weiter auf Digitalisierung, wollen die Online-Beratung vorantreiben und haben dafür Förderanträge bei der Stiftung Wohlfahrtspflege gestellt.

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