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Ihre Kleidung bestand häufig nur aus Fetzen

Im Februar 1941 wurden mindestens 49 Gefangene aus Polen ins Zuchthaus Lüttringhausen, der heutigen JVA, eingeliefert. Archivfoto: Roland Keusch
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Im Februar 1941 wurden mindestens 49 Gefangene aus Polen ins Zuchthaus Lüttringhausen, der heutigen JVA, eingeliefert.

Sechster und letzter Teil über die ausländischen Häftlinge im Zuchthaus Lüttringhausen in der Nazi-Zeit.

Von Armin Breidenbach

Mit ihrem Angriff auf Polen am 1. September 1939 hatte die deutsche Wehrmacht den Zweiten Weltkrieg ausgelöst. Im darauffolgenden Jahr wurden „Tausende von polnischen Strafgefangenen nach Deutschland deportiert. Der Zustand, in dem sie dort eintrafen, lässt die Verhältnisse in den Strafanstalten im besetzten Polen erahnen: Viele waren halbverhungert, von Krankheiten heimgesucht und voller Läuse, und ihre Kleidung bestand häufig nur aus Fetzen. Wer nicht zu krank war, um arbeiten zu können, musste sofort Schwerarbeit verrichten, die viele nicht lange ertrugen.“ Mit diesen Worten wies der Historiker Nikolaus Wachsmann in seinem 2006 erschienenen Buch „Gefangen unter Hitler. Justizterror und Strafvollzug im NS-Staat“ auf die unmenschliche Haftsituation speziell der Polen hin.

Zunächst wurden die polnischen Strafgefangenen beispielsweise in das im Emsland gelegene Lager V Neusustrum eingeliefert, wo im Zeitraum von Mitte 1940 bis Ende 1942 bis zu 1 750 von ihnen untergebracht waren. Von dort aus wurden sie einige Zeit später auf verschiedene Strafanstalten verteilt, unter anderem auch auf das Zuchthaus Lüttringhausen. Der erste größere Transport dorthin mit polnischen Häftlingen erfolgte am 12. Februar 1941, als mindestens 49 eingeliefert wurden.

„Von Pusteln übersät, mit Ödemen an Beinen und Kopf, seien sie ‚menschliche Wracks‘ gewesen. ‚Nein‘, [. . .]‚ so schlecht hatten wir es noch nicht . . .‘“
Der niederländische Gefangene Jan Dubbelt über Inhaftierte aus Polen

Am 27. März 1941 wurden weitere 21 polnische Häftlinge vom Lager Neusustrum aus in das Zuchthaus Lüttringhausen überstellt. Nach einer 1950 vom Vorstand der Strafanstalt Remscheid-Lüttringhausen erstellten „Liste aller ausländischen und staatenlosen Personen die in der Zeit zwischen 3. September 1939 und 8. Mai 1945 von deutschen Gerichten verurteilt wurden und hier eingesessen haben“ waren in Lüttringhausen 182 Polen inhaftiert gewesen. Damit stellten diese nach den Niederländern die zweitgrößte ausländische Häftlingsgruppe.

Dass die Polen in der Häftlingshierarchie weit unten standen, wird aus den Angaben des ehemaligen niederländischen Lüttringhausen-Häftlings Jan Dubbelt deutlich: „Von Pusteln übersät, mit Ödemen an Beinen und Kopf, seien sie ‚menschliche Wracks‘ gewesen. ‚Nein‘, [. . .]‚ so schlecht hatten wir es noch nicht . . .‘“

Wie die Sterbebücher des Standesamts Lüttringhausen dokumentieren, kamen 1941 bis 1945 elf polnische Häftlinge in Lüttringhausen ums Leben. Zu diesen Opfern nationalsozialistischen Strafvollzugs gehörten auch Johann Back (Bak) und Peter Bednarek, die beide am 12. Februar 1941 dort eingeliefert worden waren und 1941 beziehungsweise 1942 dort starben.

Von den Nationalsozialisten als „rassisch minderwertig“ bezeichnet, wurden zahlreiche polnische Häftlinge von Lüttringhausen in die berüchtigten österreichischen Konzentrationslager Mauthausen und Gusen überstellt, wo viele von ihnen umkamen. Zu den Polen, die nicht nur die Haft in Lüttringhausen, sondern auch den Zweiten Weltkrieg überlebten, gehörte der Drogist Wilhelm Prokop (1897 bis 1969). 1939 von der Gestapo festgenommen, wurde Prokop am 19. Januar 1940 vom Sondergericht Kattowitz wegen Zugehörigkeit zu polnischen Verbänden zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Diese Strafe verbüßte er zunächst in den Emslandlagern Walchum und Neusustrum.

Am 27. März 1941 wurde Prokop mit 20 weiteren polnischen Häftlingen von Neusustrum aus nach Lüttringhausen überstellt, wo er bis zum 16. September 1942 inhaftiert war. Von dort wurde er zurück nach Polen transportiert und nach Strafverbüßung in das KZ Auschwitz überführt.

Prokops Schicksal

In Auschwitz erhielt Wilhelm Prokop die Häftlingsnummer 127846 und wurde als Drogist in der SS-Apotheke eingesetzt. Ab Oktober 1944 war er im KZ Sachsenhausen in „Schutzhaft“. Etwa ab dem 20. November 1944 wurde er in der 8. SS-Baubrigade eingesetzt, die neun Tage später dem KZ Mittelbau und ab 1. Januar 1945 wieder dem KZ Sachsenhausen unterstand. Prokop, der KZ und Zweiten Weltkrieg überlebte, trat 1964 als Zeuge im 1. Frankfurter Auschwitz-Prozess auf.

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