Reifezeugnis

Die unglaubliche Geschichte zweier Flüchtlinge

Eine unfassbare Willensleistung: die Abiturienten Mohamad Manli Ali (li.) und Adnan Hossain Bhuiyan mit Barbara Jansen.
+
Eine unfassbare Willensleistung: die Abiturienten Mohamad Manli Ali (li.) und Adnan Hossain Bhuiyan mit Barbara Jansen.
  • Andreas Weber
    VonAndreas Weber
    schließen

Statt Kindheit erlebten sie Krieg, Ausgrenzung, Not und Flucht. Vor vier Jahren konnten sie keine Silbe Deutsch. Dann starteten sie in die One-World-Klasse an der EMMA.

Von Andreas Weber

Remscheid. Die Qualität des Abiturs wird gerne am Notenschnitt gemessen. 3,2 bei Mohamad Manla Ali, 2,5 bei Adnan Hossain Bhuiyan. In diesem Fall, sagt ihre Lehrerin Barbara Jansen, gehe es um Bedeutsameres: „Bei den beiden ist dieses Abitur eine Verneigung vor ihrer unglaublichen Lebensleistung.“ Denn was die EMMA-Gymnasiasten geschafft haben, wenn sie 17. Juni ihr Reifezeugnis im Teo Otto Theater überreicht bekommen, ist kaum in Worte zu fassen.

Der Syrer Mohamad (19 Jahre) kam im Februar 2017 nach Deutschland, der Bangladescher Adnan (21 Jahre) im Mai 2018. Die Flüchtlinge konnten bei ihrer Ankunft keine Silbe Deutsch.

„Wer durchschnittlich lernt, braucht fünf Jahre, um mündlich alles zu verstehen“, sagt Barbara Jansen und staunt. „Dass Mohamad und Adnan in dieser kurzen Zeit auch schriftlich in die Tiefen der deutschen Sprache und unserer Bildungsanforderungen vorgestoßen sind, und dann auch noch in der Pandemie, gleicht einem Wunder.“

Zwei junge Männer, denen die Kindheit genommen wurde

Beide hatten keine Kindheit, gingen in jungen Jahren auf eine unfassbare Odyssee durch Länder und Kontinente, beide wurden permanent mit Verlust und Tod konfrontiert und in Deutschland mit dem schlimmsten Damoklesschwert: der Abschiebung.

Barbara Jansen leitet die 2015 im Zuge der Flüchtlingswelle geschaffene Seiteneinsteigerklasse am EMMA, die intern One-World-Klasse genannt wird. Mit dem Kollegen Florian Finkler betreut sie die Neuankömmlinge. Verständigung anfangs mit Händen und Füßen in einem babylonischen Sprachgewirr. „Nach jeder Doppelstunde war ich fertig“, sagt sie.

Moahamad: Flucht aus Kobane in Syrien

Dass es sich lohnt, dranzubleiben, zeigen ihre Vorzeige-Abiturienten. Mohamad war still, verschüchtert, oft müde, litt an Schlaflosigkeit. Adnan war ähnlich zurückhaltend, unter Traumata leidend.

Mohamad brach als 13-Jähriger alleine aus der völlig zerstörten syrischen Stadt Kobane nach Europa auf. Der junge Kurde wählte, weil die türkische Grenze dicht war, die Wüstenroute über Afrika. Auf den Spuren seines älteren Bruders, der damals in der Nähe von Berlin lebte. Aus dem Sudan über Mali, Algerien, Marokko, Spanien nach Deutschland. „Immer auf illegalen Pfaden“, sagt er. Mit Schleppern, die Menschen wie Vieh behandeln, mit Todesbedrohung durch Terroristen im Niemandsland des unendlichen Sandes, mit Temperaturen um die 50 Grad.

Adnan flüchtete aus Bangladesh - sein Bruder starb in Italien

Mohamad kam durch, landete als unbegleiteter Flüchtling - seine Eltern und jüngeren Geschwister waren zu der Zeit noch in Syrien - zunächst im Waldhof.

Adnan wurde er ein Jahr später am EMMA zu einem wertvollen Ansprechpartner. Auch Adnan hatte früh seine bengalische Heimat verlassen, in der seine Familie zu einer Minderheit ohne Perspektiven gehört. Als sein älterer Bruder, der zum Studium nach Italien gegangen war, an Leukämie erkrankte, wurde der Familie Bhuiyan erlaubt, als Stammzellenspender nach Europa zu fliegen.

Adnans Bruder starb bei der Behandlung durch einen medizinischen Fehler. Adnan, damals 11 Jahre, blieb mit seinen Eltern in Rom ohne Aufenthaltsrecht, ohne staatliche Unterstützung. Weil der Vater nach einem dritten Herzinfarkt nicht mehr arbeiten konnte, zwischenzeitlich im Koma lag, hielt die Mama alle mit Gelegenheitsjobs und 300 Euro im Monat über Wasser. Sechs Jahre ging Adnan in Italien zur Schule, war aber als Dunkelhäutiger ständig Rassismus ausgesetzt.

„Ab morgen beginnst Du ein neues Leben“

2018 reisten die Bhuiyans mit dem Bus in Deutschland ein. Beide Eltern gesundheitlich stark angeschlagen, Adnan mit einer chronischen, unbehandelt lebensbedrohlichen Bluterkrankung. Am EMMA begrüßte ihn der kommissarische Schulleiter Olaf Wiegand mit einem Satz, den Adnan nie vergessen wird: „Ab morgen beginnst Du ein neues Leben.“

„Wenn ich nach Bangladesh zurück muss, ist mein Leben zu Ende“

Dass dieses eine positive Wendung nahm, stand lange auf der Kippe. Die Eltern haben keine Arbeitserlaubnis, Adnan wollte aus Furcht vor Abschiebung das Gymnasium abbrechen, eine Ausbildung beginnen. „Denn wenn ich nach Bangladesh zurück muss, ist mein Leben zu Ende.“

„Dann schmeiße ich mich vors Flugzeug.“

Barbara Jansen, EMMA-Lehrerin

Barbara Jansen, zu einer mütterlichen Ratgeberin geworden, überzeugte ihn, sein Abi zu bauen. Dies tat er unter gesundheitlichen Rückschlägen, permanenten Behördengängen, Rechtsanwaltkonsultationen, begleitet von einem weiteren Satz, den Adnan ebenfalls nie vergisst: „Wenn man Euch abschiebt, schmeiße ich mich vors Flugzeug“, hat Jansen oft betont. Heute lächelt sie über ihre Empörung über die deutsche Bürokratie, denn Mohamad und Adnan haben die Tür zu einem neuen Leben weit aufgestoßen.

Das kommt für sie nach dem Abitur

Adnan Hossain Bhuiyan hat nach dem Abi eine Lehrstelle als Zerspanungsmechaniker bei der Firma Tente-Rollen in Wermelskirchen. „Danach will ich meinen Meister machen“, erklärt der 21-Jährige. Mohamad Manla Ali möchte zur Polizei, muss dafür aber zunächst deutscher Staatsbürger werden. Im Herbst will er den Antrag stellen. Derweil hat sich Mohamad als Flugbegleiter bei der Lufthansa beworben.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

 Jedes dritte Kind kommt mit dem Elterntaxi zur Schule
 Jedes dritte Kind kommt mit dem Elterntaxi zur Schule
 Jedes dritte Kind kommt mit dem Elterntaxi zur Schule
Festnahme: DNA-Spuren überführen Einbrecher - Taten auch in Remscheid und im Oberbergischen
Festnahme: DNA-Spuren überführen Einbrecher - Taten auch in Remscheid und im Oberbergischen
Festnahme: DNA-Spuren überführen Einbrecher - Taten auch in Remscheid und im Oberbergischen
Platz vor der Sternwarte erinnert jetzt an Gewerkschafter
Platz vor der Sternwarte erinnert jetzt an Gewerkschafter
Platz vor der Sternwarte erinnert jetzt an Gewerkschafter
Unfall: Auffahrt zur A1 ist wieder frei
Unfall: Auffahrt zur A1 ist wieder frei
Unfall: Auffahrt zur A1 ist wieder frei

Kommentare