Bundestagswahl 2021

„Ich wähle das kleinste Übel“

Beziehen Stellung: Die angehenden Industriemechaniker, die 1,5 Tage pro Woche im Berufskolleg Technik sind, ansonsten schon in der beruflichen Praxis als Azubis bei ihren Arbeitgebern; vorne rechts: Julia, die einzige Frau in der 24-köpfigen Klasse. Foto: Roland Keusch
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Beziehen Stellung: Die angehenden Industriemechaniker, die 1,5 Tage pro Woche im Berufskolleg Technik sind, ansonsten schon in der beruflichen Praxis als Azubis bei ihren Arbeitgebern; vorne rechts: Julia, die einzige Frau in der 24-köpfigen Klasse.
  • Andreas Weber
    VonAndreas Weber
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Bei den jungen Industriemechanikern im Berufskolleg Technik überwiegt die Skepsis.

Remscheid. „Das Interesse an Politik schwindet.“ Die Beobachtung, die Carsten Meyer, Politiklehrer am Berufskolleg Technik im Unterricht macht, lässt sich bei den Industriemechanikern im dritten Jahr mit den Begriffen Ratlosigkeit und Frust konkretisieren. Das Gespräch mit dem RGA, in dem die jungen Erwachsenen nicht mit ihrer Meinung hinter dem Berg halten, mündet in einer Aussage und Frage: Wählen ja, unbedingt, aber wen?

Theo (20) findet die Parteienlandschaft und deren Programme „extrem unübersichtlich“. Herauskristallisieren, was sie unterscheidet, könne man nicht. Da hilft auch der „Wahl-O-Mat“ zur Bundestagswahl mit seinen 38 Thesen und Antworten wenig. „Transparenz schafft der nicht. Am Ende sind die Differenzen nach der Auswertung der Punkte so gering, dass man in seiner Entscheidungsfindung nicht weiter ist“, stellt Cedric (23) fest. Nicht nur der Coronakurs hat das Vertrauen der nachwachsenden Generation in die Politik erschüttert. Mancher fühlt sich bis heute in seinen Grundrechten beschnitten.

„Man hört nur Klischees. Es wird viel versprochen, aber wird es gehalten?“, fragt Theo. Tom wird noch deutlicher: „Versprochen wird das eine, am Ende das andere gemacht.“ Robert denkt an Lobbyismus und Veruntreuung von Steuergeldern. „Da kann man die Lust verlieren, wählen zu gehen“, sagt er. Cedric pflichtet bei: „Es gibt Politiker, die viel Geld mit Maskendeals verdient haben. Das ist eine Frechheit.“ Für Tom ist es so: „Die Politiker versprechen das eine, machen aber das andere.“ Julia, die einzige Frau in der 24-köpfigen Klasse, in der alle über 18 Jahre und wahlberechtigt sind, findet: „Ich grenze mehr Parteien aus, als dass ich wüsste, welche meinen Vorstellungen nahekommt.“ Am Ende werde es auf eins hinauslaufen, und mit diesem Satz steht sie in ihrer Klasse nicht alleine: „Ich wähle das kleinste Übel.“

Jede Stimme zählt: Für Tom ist nicht wählen zu gehen, auch keine Option

Julia geht auch mit Jugendlichen ins Gericht. Fridays For Future attestiert sie: „Da laufen unfassbar viele Schüler mit, die keine Ahnung haben von dem, für was sie demonstrieren.“ Klimaschutz sei im Übrigen nicht nur von den Grünen besetzt, andere Parteien hätten diesen längst in ihren Programmen verankert. Bei den Themen, die dringend angepackt werden müssten, nennt Robert die erneuerbaren Energien, Fabian (20) spricht eine faire Verteilung der Lasten an, die es ermöglicht, Altersvorsorge und Rente zu sichern. Theo gibt bei letzterem zu bedenken, dass dies bei heutigen Wahlüberlegungen eigentlich keine Rolle spiele. Denn wer wisse schon, was in Jahrzehnten sei. „Bis dahin wird sich vieles in der Politik ändern.“

Für Cedric, der bei Ortlinghaus beschäftigt ist, wäre wichtig, die Infrastruktur der deutschen Wirtschaft zu fördern. Stärkung hiesiger Firmen hält er für überlebenswichtig, er kann zum Beispiel nicht verstehen, warum viele Aufträge europaweit ausgeschrieben werden. „Da sollte der Radius kleiner gehalten werden.“ Tom findet, dass qualifizierte Arbeit besser entlohnt werden müsse. „Wir haben unsere Gewerkschaft, die IG Metall, die steigende Löhne aushandelt, aber am Ende ist die Inflation höher.“

Der Verdruss über das, was in Berlin passiert oder nicht, dürfe jedoch nicht darin enden, der Wahlurne am 26. September fernzubleiben. Tom betont: „Wir müssen wählen. Sonst stärkt die fehlende Stimme Parteien, die man definitiv nicht im Bundestag haben möchte.“

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