Hungernde Menschen zogen plündernd durch die Stadt

Politikprofessor Dr. Jörg Becker aus Solingen. Foto: Ursula Becker
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Politikprofessor Dr. Jörg Becker aus Solingen.

Prof. Dr. Jörg Becker referierte über das Kriegsende in Remscheid

Von Sabine Naber

Vorbereitet hatte Professor Dr. Jörg Becker seinen Vortrag „75 Jahre Befreiung Remscheid“ schon für das vergangene Jahr. Am Mittwochabend hielt er ihn digital, eingeladen dazu hatten den Politikwissenschaftler das Katholische Bildungswerk, die Volkshochschule und die Stadtbibliothek.

Am 15. April 1945 hatten US-amerikanische Truppen Remscheid befreit. Und damit hatte eine Periode von Krieg, Konzentrationslagern, Verfolgung, Unterdrückung und politischer Repression ein Ende. „Dieser Tag gab den Remscheidern wie der gesamten deutschen Bevölkerung außerdem Raum für eine wahnsinnig große Friedenssehnsucht“, machte Becker deutlich.

Er hatte bei seinem Vortrag auf Unterlagen aus dem Stadtarchiv zurückgegriffen, weil es seiner Meinung nach wichtig ist, nicht nur Zeitzeugen zu befragen, sondern sich auch die entsprechenden Dokumente anzusehen. Und er zeigte gleich das erste Flugblatt der Alliierten in Form eines Passagierscheins. Dort heißt es unter anderem: „Der deutsche Soldat, der diesen Passagierschein bei sich trägt, benutzt ihn als Zeichen ehrlichen Willens, sich zu ergeben.“

Das Kriegsende habe für Remscheid zwar eine Befreiung und die Möglichkeit für einen demokratischen Neuanfang gebracht, aber zunächst auch soziales Chaos, Hunger, Not, Elend, Mord und Totschlag. Eine Munitionsfabrik in Remscheid habe beispielsweise einfach weiter produziert. Lager seien aufgelöst worden, die Menschen seien plündernd durch Remscheid gezogen, weil sie nichts zu essen hatten.

„Er war Kommunist, sonderbarer Querkopf und in der Friedensbewegung aktiv.“

Prof. Dr. Jörg Becker über OB Gustav Flohr

„Aber sowohl Linke wie Rechte hatten Gedanken an eine Einheit Deutschlands“, betonte Becker. Es habe sich in Remscheid ein „Bund der Deutschen Partei für Einheit, Frieden und Freiheit“ formiert. Unter Leitung des Röntgenarztes Wilhelm Pilger und im internationalen Rahmen in den Friedensvorträgen von Albert Schweitzer über Radio Oslo. 1952 habe es vor dem Remscheider Rathaus eine Demo für den Frieden gegeben.

Becker zeigte ein Porträt des Widerstandskämpfers Kaplan Joseph Rossaint, der von 1937 bis 1945 im Zuchthaus in Lüttringhausen inhaftiert war. Auch von Gustav Flohr, der von Mai bis November 1946 in Remscheid Oberbürgermeister war, zeigte Becker ein Foto. „Er war Kommunist, ein sonderbarer Querkopf und in der Friedensbewegung aktiv.“

Bei der Recherche hatte Becker festgestellt, dass sich wenige Berichte der Polizei aus dieser Zeit finden lassen. „Man weiß allerdings, dass ein Teil der Polizisten im Remscheider Polizeigebäude im Alleingang einige amerikanische Soldaten erschossen haben.“ Die öffentlichen Berichte seien nicht vollständig, stellten nicht die Gesamtsituation dar. „Polizei und Justiz überwachten auch die Friedensbewegung. Die Aufarbeitung der Täter muss betrieben werden. Der zeitliche Abstand ist groß genug“,, fordert Becker und denkt dabei nicht zuletzt an die Euthanasie-Verbrechen der Ärzte in den Konzentrationslagern.

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