Hoffen auf viertes Adventswochenende

Lieferschwierigkeiten im Einzelhandel sind überschaubar - Kundenfrequenz stimmt nicht

Die Schaufenster sind hell erleuchtet – doch davor ist wenig los. Die Frequenz in den Innenstädten hat deutlich abgenommen. Foto: wey
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Die Schaufenster sind hell erleuchtet – doch davor ist wenig los. Die Frequenz in den Innenstädten hat deutlich abgenommen.

Es ruckelt im Weihnachtsgeschäft – zum Teil sogar kräftig. Die Wochen vor dem Fest, sonst für die meisten Einzelhändler die wichtigste Zeit des Jahres, brachten bisher in vielen Fällen nicht die erhofften Umsätze.

Von Sven Schlickowey

Remscheid. Von einer „Katastrophe“ spricht gar der Handelsverband. Und hofft nun auf den letzten Samstag vor Heiligabend. „Viele Hoffnungen ruhen aktuell auf dem vierten Adventswochenende“, formuliert es Geschäftsführer Jan Kaiser. Weil das relativ weit vor den Festtagen liege, sei damit zu rechnen, dass es nicht nur Last-Minute-Shopper in die Innenstädte ziehe.

Remscheid: Handelsverband spricht von Katastrophe

Und dort wird man auf die Kunden vorbereitet sein, versichern die Remscheider Händler. Beim Saturn im Allee-Center plane man zum Beispiel mit der vollen Besatzung, berichtet Geschäftsführer Günter Mäueler: „Wir werden für die Kunden da sein.“ Auch über das Wochenende hinaus. Bis zum 23. Dezember werde „da noch einiges passieren“, vermutet Mäueler: „Wir sind guten Mutes.“

Ein paar Nummern kleiner aber im Prinzip ganz ähnlich blickt Thomas Halbach von der Bergischen Buchhandlung auf die Tage bis zum Fest. Er ist froh, dass Bücher zum täglichen Bedarf gehören und Buchhandlungen deswegen die 2G-Regeln nicht kontrollieren müssen: „Dafür könnten wir derzeit niemanden abstellen“, sagt Halbach. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hätten genug mit Beratungsgesprächen zu tun.

Bücher würden nach wie vor als Geschenk hoch im Kurs stehen, sagt Thomas Halbach. Deswegen und dank der zahlreichen Stammkunden sei das Weihnachtsgeschäft bisher ganz gut gelaufen. „Der Zuspruch der Kunden ist auf jeden Fall da.“ Doch die Frequenz in den Innenstädten habe merklich abgenommen. Und mit ihr der Absatz in dem Bereich, den Buchhändler als Randsortiment bezeichnen: Stifte, Tassen und Spielzeug, „alles, was man so mitnimmt“, wie Halbach es nennt.

„Unsere Regale sind ja alles andere als leer.“

Günter Mäueler, Saturn

Hauptgrund für die geringeren Besucherzahlen ist wohl 2G, sind sich die meisten Experten einig. Die Rückgänge seien im gesamten Verbandsgebiet zu beobachten, sagt Carina Peretzke, Presse-Referentin beim Handelsverband NRW. Ausnahmen gebe es höchstens in der Umgebung von Weihnachtsmärkten: „Da ist die Frequenz zumindest etwas besser.“

Remscheid: 2G ist Hauptgrund für die geringeren Besucherzahlen

Die noch im Herbst befürchteten Lieferschwierigkeiten würden hingegen nicht so sehr ins Gewicht fallen, sagt Peretzke. Nur wer sich ausschließlich auf ein bestimmtes Produkt festlege, könnte enttäuscht werden. Für alle anderen habe der Handel in der Regel eine Alternative parat.

„Beratung ist wichtig“, sagt deswegen auch Günter Mäueler. Nur wenige Kunden würden auf einen bestimmten Artikel bestehen, hat der Saturn-Chef beobachtet. So könnten seine Mitarbeiter erst den Bedarf ermitteln – und danach in den allermeisten Fällen ein passendes Produkt anbieten. „Unsere Regale sind ja alles andere als leer“, sagt Mäueler. „Und diese Woche kommt auch noch etliche Ware.“ Nur bei der neuen Spielekonsole Playstation 5, da könnte es wirklich eng werden.

2G-Regel in NRW: Wo im Einzelhandel gilt die Corona-Maßnahme – und wo nicht?

Dass nicht alle Händler davon betroffen sind, dass es in der City merklich ruhiger geworden ist, zeigt Goldschmied Marc Hähner. Der spricht zwar von einer „gefühlt geringeren Frequenz auf der Straße“, sagt aber auch: „Wir sind sehr zufrieden mit dem bisherigen Weihnachtsgeschäft.“ Hochwertige Schmuckstücke, zumal wenn diese noch individuell angepasst werden, würden meist recht frühzeitig gekauft, sagt Hähner. Deswegen seien zwar weniger Menschen vor dem Geschäft unterwegs, drinnen habe man aber bereits seit dem Herbst gut zu tun.

Und deswegen sei es für ihn auch kein großes Problem, 2G zu kontrollieren, sagt Marc Hähner. „Wir sind ja kein Geschäft, in dem 40 Leute gleichzeitig rumlaufen.“ Zumal die Kunden in der Regel sehr gut mitmachen würden: „Die meisten haben schon an der Tür Smartphone und Ausweis in der Hand.“

Hintergrund

Im Schnitt 19 Prozent des Umsatzes macht der stationäre Einzelhandel im Weihnachtsgeschäft. In einigen Branchen, darunter Spielwaren, liegt dieser Anteil bei rund 40 Prozent. Laut einer Umfrage des Handelsverband NRW haben die Händler, für die 2G gilt, seit der Einführung knapp ein Drittel ihrer Vorkrisenumsätze verloren. „Viele Handelsunternehmen schreiben das Weihnachtsgeschäft bereits ab“, heißt es vom Verband. Gut laufe es vor allem im Lebensmittel- und im Online-Handel.

Standpunkt: Ein ähnliches Gefühl

Von Sven Schlickowey

sven.schlickowey@rga.de

Weniger Umsatz, dafür aber ein höherer Personalaufwand, um die Einhaltung der 2G-Regeln zu kontrollieren, das ist derzeit die Realität vieler Einzelhändler, zumindest der, die keine Waren des täglichen Bedarfs anbieten. Ob das wirklich nötig ist, darüber kann man angesichts der Erkenntnis, dass der Handel bisher kaum als Pandemietreiber aufgefallen ist, durchaus streiten. In Bus und Bahn, wo bekanntlich 3G gilt, wird zum Beispiel lange nicht jeder Fahrgast kontrolliert, schon weil das jeden Fahrplan zur Makulatur werden ließe und die Verkehrsunternehmen nicht genug Leute dafür hätten. Dabei dürfte in vielen Geschäften das Abstandhalten wesentlich leichter fallen als in den meisten Bussen während der Stoßzeiten. Viele lokale Einzelhändler sahen sich schon in den zurückliegenden Lockdowns ungerecht behandelt, weil sie schließen mussten, während der Discounter ums Eck Teile ihres Sortiments weiter verkaufte. Dass ein ähnliches Gefühl nun wieder hochkommt, dafür kann man durchaus Verständnis haben.

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