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Hochwasserkatastrophe: Helfer befürchten harten Winter an der Ahr

Engagierte Helfer in der Lenneper Lagerhalle: Melina Redecker, Benedict Wiedmann, André Link, Christoph Wiesmann, Bernd Hofmann. Foto: Michael Schütz
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Engagierte Helfer in der Lenneper Lagerhalle: Melina Redecker, Benedict Wiedmann, André Link, Christoph Wiesmann, Bernd Hofmann.

Engagierte Handwerker unterstützen die Flutopfer weiter – Baustoffe und Werkzeuge werden dringend benötigt

Von Sabine Naber und Andreas Weber

Remscheid. Die Hilfsbereitschaft für die Flutopfer in Remscheid ist unvermindert hoch. Viele Handwerker unterstützen im Krisengebiet rund um die Ahr. Vor Ort erleben sie aber auch ein Nachlassen der Einsatzbereitschaft. Eine bedenkliche Entwicklung, wie Alexander Schmidt findet. Der Kfz-Meister im Ruhestand war an drei aufeinanderfolgenden Wochenenden in Schuld. „Das erste Mal, als ich durch den Ort gefahren bin, war kein Durchkommen. Beim letzten Mal waren die Straßen leer.“

In Gesprächen vor Ort hört Schmidt heraus, dass sich die verzweifelten Menschen mittlerweile allein gelassen fühlen. Er befürchtet: „Von vielen Häusern sind nur die rohen Mauern übrig. Es fehlt Strom, Wasser oder Heizung. Wenn der Winter kommt, wird es hart.“ Warum sind die Verantwortlichen nicht in der Lage, Containerdörfer aufzubauen wie einst bei der Flüchtlingswelle?, fragt Schmidt. Er ist sicher: „Wenn der Staat nicht mehr tut, ist die Eifel platt.“

Alexander Schmidt wird am Ball bleiben, weitere Hilfsgüter über das Lager in der Lehmkuhle transportieren. Benötigt werden Baustoffe wie OSB-Platten und Pflastersteine. Die sucht er dringend. „Ich habe auch vier hiesige Handwerker, die bereit wären, für eine Woche anzupacken und Dachstühle zu bauen.“

„Wenn der Staat nicht mehr tut, ist die Eifel platt.“

Alexander Schmidt, Fluthelfer

In seinem Sanitärbetrieb in Remscheid arbeitet Christoph Wiesmann zurzeit nur von montags bis donnerstags. Am Wochenende belädt er sein Auto und fährt nach Neuenahr/Ahrweiler. „Die finanziellen Probleme sind groß. Es fehlt an Material für den Wiederaufbau.“ Die Wenigsten seien versichert, hätten nicht mal mehr einen Drucker, um die Soforthilfe zu beantragen, weiß der Installateur, der von Kollegen aus Solingen, Rade und Wuppertal unterstützt wird.

Die Spendenbereitschaft sei gewaltig, jedoch bräuchten die Menschen gerade kein Sofa. „Sie wissen ja nicht mal, ob sie den Winter im Haus verbringen.“ Besonders für eine Familie macht Wiesmann viel. Der Vater will sein Haus unbedingt bis Ende August bewohnbar machen, aber der Bautrockner ist dafür zu klein. „Er hat seinen Job verloren, weil das Hotel, in dem er gearbeitet hat, eingerissen werden muss und seine Tochter sei außerstande zu arbeiten, weil sie einen Nachbarn tot unter Trümmern fand“, schildert Wiesmann. Es mangele auch an Seelsorge.

Er glaubt, wie Schmidt, dass der Fokus nicht auf den Dingen liegt, die bald gebraucht werden. Das seien gezielt Materialien zum Wiederaufbau. Andere Helfer, beispielsweise aus Hessen, mit denen er kürzlich sprach, stünden vor dem gleichen Problem.

Bernd Hofmann, der so oft er kann mit seinem Transporter Touren übernimmt, schildert: „Wenn man dort etwas wegräumt, weiß man nicht, was darunter zum Vorschein kommt. Und wenn es anfängt zu regnen, kriegen die Menschen Panikattacken.“ Zentrale Anlaufstelle ist eine Lagerhalle in Lennep, die die Firma Magurit den Fluthelfern um Melina Redecker und Benedict Wiedmann kostenlos zur Verfügung stellt. „Dort ist das Basislager. Ohne Redecker und Wiedmann würde nichts gehen“, betont Wiesmann. In der Halle packt auch Bernd Hofmann das Benötigte ein. Dazu gehören Werkzeuge wie Hämmer, Zangen oder Schraubendreher. Am Samstag hat er zudem eine Waschmaschine und einen Trockner nach Sinzig im Landkreis Ahrweiler gebracht. Er wünscht sich belastbare Aufräumhelfer: „Es wäre gut, zu zweit zu touren. Das hilft enorm beim Be- und Entladen.“

Auch Alexander Schmidt will, nachdem er ein paar Tage Luft geschöpft hat, im September weitermachen. „Ich konnte mir die Bilder von der Katastrophe im Fernsehen nicht mehr angucken. Bei meinem Nachbarn habe ich am selben Abend angefangen, Spenden zu sammeln. Dann habe ich die Runde durch die Siedlung am Rather Hof gemacht und bin mit meinem Freund Jürgen Schreiber am darauffolgenden Samstag mit meinem vollgepackten Auto plus Anhänger in die Eifel gestartet.“ Niemand könne nachempfinden, wie es in den betroffenen Städten aussieht, wenn er nicht selbst da gewesen sei. Die Zahl der Toten steige. „In Ahrweiler werden immer noch weggeschwemmte Campingwagen mit Toten aus dem Wasser geholt.“

Spendenkonto

Die ehrenamtlichen Helfer arbeiten eng mit der Lenneper Sammelstelle An der Lehmkuhle 7 zusammen. Kleidung wird dort zurzeit nicht angenommen, weil vielen Flutopfern nicht mal Schränke geblieben sind. Dringend benötigt werden Werkzeuge und Baumaterialien. Die Kreishandwerkerschaft Remscheid, die sich über ihre Mitglieder stark für Hilfe beim Wiederaufbau einsetzt, hat ein Hilfskonto für die Flutopfer bei der Remscheider Stadtsparkasse eingerichtet. Es ist wochentags zu erfragen in der Geschäftsstelle der Kreishandwerkerschaft unter der Tel. 0 21 91 / 22005.

Standpunkt: Beispielhafte Handwerker

andreas.weber@rga.de

Kommentar von Andreas Weber

Der lange Atem der hiesigen Helfer ist wohltuend. Vielen Remscheidern ist das verheerende Unwetter am 14./15. Juli so nahe gegangen, dass sie beharrlich Hilfsgüter sammeln, aber auch immer wieder in die verwüsteten Gemeinden und Städte an die Ahr zurückkehren, um benötigtes Wiederaufbaumaterial abzuliefern, ihre Muskelkraft und handwerklichen Fähigkeiten anzubieten und manchmal einfach nur den Bewohnern zuzuhören. Denn letzteres, so beobachten die hiesigen Helfer, sei auch wichtig, weil sich die Flutopfer nach der ersten Welle der Anteilnahme und Unterstützung im Stich gelassen fühlen, die Stimmung kippt. Es ist wie immer, wenn Katastrophen Menschen ins Unglück stürzen. Anfangs sind alle da, bestürzt, betroffen. Postwendend werden Versprechungen gemacht, deren Umsetzung aber die Schnelligkeit vermissen lässt, mit der sie auf den Weg gebracht wurden. Und dann zieht der Tross weiter. Dass Hilfe nicht nur kurzfristig sein darf, beweisen die Remscheider Handwerkerinitiativen, die in ihrem Einsatz für die überflutete Region nicht nachlassen und ein Beispiel setzen. Solange es ihre Kräfte zulassen.

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