Hilfsbereitschaft ist riesengroß

Hilfsgüter: Konvoi aus Remscheid rollt ins Krisengebiet

Ralf Hunke, Stephan Geldsetzer, Thomas Pomp und Dariusch Mortazawi (v.l.) sind auf dem Weg ins Grenzgebiet. Foto: Roland Keusch
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Ralf Hunke, Stephan Geldsetzer, Thomas Pomp und Dariusch Mortazawi (v.l.) sind auf dem Weg ins Grenzgebiet.

Neun Remscheider, fünf Lkw und Transporter, ein Ziel: Das polnisch-ukrainische Grenzgebiet.

Von Timo Lemmer

Remscheid. Die Hilfsbereitschaft für die mit Krieg überzogene Ukraine und die von dort vertriebenen Menschen ist in Remscheid riesengroß. Institutionen veranstalten Sammelaktionen, Privatleute wollen Flüchtlinge aufnehmen und Kindergärten trommeln für Spenden (siehe unten).

Ein besonders beeindruckendes Beispiel der Mitmenschlichkeit liefern die Firmen Famag-Werkzeugfabrik und Geldsetzer Elektrotechnik: Aus einer kleinen Spendenaktion ist inzwischen eine überwältigende geworden – und aus einer geplanten Fahrt mit zwei Transportern ins polnisch-ukrainische Grenzgebiet, um benötigte Güter zu liefern, ist bis zum gestrigen Start ein Konvoi mit fünf Fahrzeugen und tonnenweise Hilfsgütern.

„Es ist unglaublich, wie viele Menschen zum Anpacken und Spenden gekommen sind.“

Thomas Pomp, Stephan Geldsetzer und Ralf Hunke sind tief bewegt

Es sei gigantisch, was da binnen weniger Tage passiert sei, sagen die prägenden Köpfe der Aktion. Das sind Thomas Pomp und Ralf Hunke, die als Famag-Geschäftsführer die ersten, losen Ideen hatten, und sich ganz zügig mit Stephan Geldsetzer zusammenschlossen, der ebenfalls über eine Hilfsaktion nachdachte. Damals, vor nun rund einer Woche, hieß es noch: Wir kaufen viele Bedarfsartikel ein, laden zwei Transporter voll und fahren zu viert ins Grenzgebiet, von wo Hilfsorganisationen die Güter dann in die Ukraine bringen sollen.

Remscheid zeigt sich solidarisch mit der Ukraine - So können Sie jetzt helfen

„Was dann passiert ist, ist unfassbar“, resümieren die drei Ideengeber am Sonntagnachmittag. Um sie herum wuseln mehr als ein Dutzend Menschen: Hilfsgüter verladen, Aufkleber an den Fahrzeugen anbringen, den Kontakt zu anderen Helfern, die bereits vor Ort sind, halten – es ist rund 15 Stunden vor der Abfahrt noch einiges zu tun. Es ist vor allem auch deshalb so viel zu tun, weil die Aktion ungeahnte Ausmaße angenommen hat. Letztlich fahren die Remscheider am Montagmorgen mit fünf Fahrzeugen, darunter zwei 7,5-Tonner – einer davon mit Anhänger –, die bis obenhin beladen sind, und neun Personen vom Hasten los. Vier Tage planen sie für Hin- und Rückfahrt. Womöglich lesen sie für die Rückreise Geflüchtete auf, denen einen Unterkunft in Remscheid sicher ist.

An der Oberhützer Straße hatten sie in den Tagen zuvor ihr Lager aufgeschlagen. Ein glücklicher Zufall: Im Sommer zieht Geldsetzer Elektrotechnik von der Haddenbacher Straße hierher, die neuen Räume und Hallen standen noch komplett leer. Und das war gut so: „Es ist unglaublich, wie viele Menschen zum Anpacken und Spenden gekommen sind, wie viele Sachen hier zusammengekommen sind“, staunen die Ideengeber nicht schlecht. Schilder vor der Abzweigung zum neuen Firmengebäude, auf denen dick etwas von einem Annahme-Stopp steht, zeugen davon, wie viel Material in den Vortagen zusammengekommen ist: Die Spendenbereitschaft von Remscheider Unternehmen, Privatleuten, Gastronomen oder Krankenhäusern war immens.

Am Sonntagnachmittag, als die letzten Planungen laufen, schätzen die Initiatoren, dass sie zwei Dutzend Tonnen Hilfsgüter geladen haben – ein wenig den Überblick haben sie in der Masse verloren. Es kam einfach so ungeahnt viel zusammen. Zu 50 Prozent liefern sie medizinischen Bedarf, die Kliniken haben sich in beachtlicher Manier beteiligt. Dazu kommen 30 Prozent Hygieneartikel, und dann noch warme Kleidung, Zelte, Konserven, Tiernahrung und mehr.

Alle weiteren Kosten übernehmen die beiden Firmen: Allen voran Sprit, für den auch gespendet wurde, und die entstandenen Kosten für unzählige Arbeitsstunden. „Das spielt aber gar keine Rolle“, wiegeln die Initiatoren ab, wollen auch nicht nennen, wie viel sie wohl selber noch zusteuern müssen.

Eine Rolle, die spielen nur die Ukrainer, finden sie. „Es ging einfach nicht anders“, erläutern sie ihre Motivation, selbst anzupacken: „Hut ab vor allen Ukrainern, die nun kämpfen und ihr Land verteidigen. Großen Respekt vor den Ländern in Osteuropa, die seit der ersten Stunde helfen, alles aufbieten und Menschen aufnehmen.“ Nun sei die Zeit gekommen, selbst auch anzupacken – und das tun die Remscheider. | Standpunkt

Hintergrund

Unterstützung: Eines von vielen Beispielen der Unterstützung für den Hilfskonvoi ist die Kita St. Suibertus, wie Stefanie Homa berichtet: Man habe zum Spenden aufgerufen und es sei „unfassbar, wie viel zusammengekommen ist“.

Hilfsaktionen: Im gesamten Stadtgebiet sind dezentrale Hilfsaktionen angelaufen oder bereits durchgeführt worden. Online geben wir auf unserer Homepage einen Überblick, der laufenden aktualisiert wird.

Standpunkt: Langer Atem benötigt

Von Timo Lemmer

timo.lemmer@rga.de

Vier Tage werden sie insgesamt unterwegs sein, die Helfer, die ins polnische Grenzgebiet zur Ukraine fahren. Die Remscheider, das wird gerade überall klar, beweisen große Spendenbereitschaft. Das ist schön zu sehen, wenn zeitgleich Kriegsbilder über die Bildschirme flattern. Wichtig wird aber sein, dass Empathie und Hilfsbereitschaft für die Menschen aus und in der Ukraine nicht auf Dauer abebben. Es wird ein langer Atem benötigt, nicht nur von Politik und Wirtschaft, weil die Sanktionen gegen Russland über Jahre laufen könnten und auch hier spürbar werden (oder bereits sind). Das wird Geld kosten, auch die Menschen hier vor Ort. Aber was ist das schon für ein Opfer im Vergleich zu dem, das die kämpfenden Menschen in oder die Flüchtenden aus der Ukraine bringen? Unsere Antwort hierauf muss eindeutig sein. Die Zivilgesellschaft benötigt ebenfalls langen Atem: Schon mit der ersten Welle der Mitmenschlichkeit muss klar sein, dass Hilfen für die Menschen in den Kriegsgebieten sowie Versorgung und Integration der aufgenommen Menschen auf Dauer angelegt sein müssen. Die Flüchtlinge, die nun kommen, werden nicht in wenigen Wochen in die Ukraine zurückkönnen.

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