Workshop

Hetze oder Meinung? Schüler lernen den Unterschied

Das Westfälische Landestheater leistet in einer Inszenierung von Christian Scholze derzeit Aufklärungsarbeit in NRW mit dem Stück „Dunkle Mächte“.
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Das Westfälische Landestheater leistet in einer Inszenierung von Christian Scholze derzeit Aufklärungsarbeit in NRW mit dem Stück „Dunkle Mächte“.
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420 Jugendliche sahen „Dunkle Mächte“ im Theater – Workshop stärkt das Demokratieverständnis.

Von Melissa Wienzek

Schmerzverkrümmt beugt sich Amal Richtung Boden, hält sich krampfhaft den gewölbten Bauch. Auch die Musik erzählt von Schmerz, die Bühne leuchtet blutrot, während schwarze Mumien die Frau umringen – Amal hat ihr Kind verloren. Und die Verschwörungstheoretiker, die mit aller Macht eine neue, abstruse Weltordnung herstellen wollen, haben damit ihr Ziel, das deutsche Volk „auszutauschen“, erreicht.

Ob die 420 Schülerinnen und Schüler, die gestern im Teo Otto Theater das von der Landeszentrale für politische Bildung geförderte Stück „Dunkle Mächte“ von Sineb El Masrar sahen, Ziel und Zweck verstanden haben? Schließlich konnten sie sich sicher an der der einen oder anderen Stelle mit Bloggerin Hanife identifizieren, die getrieben von ihrem eigenen Trauma Anerkennung und Anschluss sucht – nur geradewegs in Leifs Corona-Verschwörungsuniversum rennt und sich dabei gegen ihre eigene Schwester stellt. Mit grausigem Ende.

„Die Jugendlichen nehmen das Thema mit Kusshand an.“

Emel Gözgec

„Ich denke schon“, sagt Emel Gözgec von der Auslandsgesellschaft in Dortmund. Die Studentin der Sozialen Arbeit besprach mit den Jugendlichen im Anschluss an das packende Schauspiel des Westfälischen Landestheaters den Unterschied zwischen Meinungsfreiheit und Hetze. Eigentlich war das Nachgespräch im Saal, das es samt Workshop für Schulen im Paket gibt, verpflichtend für alle, doch nur einige blieben. „Was glaubt ihr, ist das Ziel des Stücks?“, wollte Gözgec vom jungen Publikum wissen. „Man sollte sich nicht auf die sozialen Medien verlassen, das ist häufig auch übertrieben“, „Verschwörungsmythen sollte man keinen Glauben schenken“ und „Verschwörungsmythen führen zu Hass und Spaltung in der Gesellschaft“, antworteten die Schülerinnen und Schüler ins lange Mikro. Emel Gözgec war froh über diese Antworten. „Denn das Stück bietet bewusst sehr viel Input und Missverständnisse bis zum Schockeffekt am Ende.“

Dass wilde Verschwörungstheorien bereits in der NS-Zeit Menschenleben gekostet haben und Gift für unser demokratisches Zusammenleben sind, hatte Schneiderin Amal den Jugendlichen schon auf der Bühne erklärt. „Ihr solltet immer erst selbst recherchieren, bevor ihr etwas glaubt, das gilt vor allem für die sozialen Medien“, gab Emel Gözgec den Jugendlichen mit auf den Weg. „Menschen, die nach einer Zugehörigkeit suchen, fühlen sich eher angezogen von diesen Strömungen.“

Deswegen wollten die Jugendlichen auch von den Schauspielern wissen, ob es schwierig war, die Rolle eines „Querdenkers“ einzunehmen. „Für uns war es zwischenzeitlich sehr ambivalent, das zu spielen, weil man selbst etwas ganz anderes denkt. Aber für uns als Schauspieler waren die destruktiven Charaktere auch anziehend“, erklärte Sima Laux alias Hanife.

Wie sie diese vertrauensvollen Quellen finden und wie sie dem Algorithmus der sozialen Medien den Kampf ansagen, erfuhren die Schülerinnen und Schüler in einem sechs Unterrichtsstunden umfassenden Workshop. Hier gab das Team der Auslandsgesellschaft auch Anlaufstellen an die Hand. „Die Jugendlichen nehmen das Thema mit Kusshand an. Sie suchen nach der Hand, die ihnen den Weg weist“, meint die Workshopleiterin, die derzeit in ganz NRW Aufklärungsarbeit leistet.

Genau das soll Theater schaffen, findet der künstlerische Leiter des Theaters, Sven Graf: ins Gespräch kommen, etwas mitnehmen und das Zusammenleben in einer bunten, demokratischen Gesellschaft weiter fördern.

Die Autorin

Sineb El Masrar arbeitet als Publizistin, Schriftstellerin und Autorin in Berlin. Seit 2013 ist sie Jurorin beim Europäischen Medienpreis Civis. Als freie Autorin schreibt sie für Die Welt, Die Zeit, die taz und ist Kolumnistin für das Goethe Institut. Im Bereich Fernsehen arbeitet Sineb El Masrar für ZDFinfo, Arte sowie für Filmproduktionsfirmen.

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