Rückblick

Herrschaft des Pöbels setzt sich nicht durch

Anti-Corona-Demo am 5. Oktober auf dem Theodor-Heuss-Platz vor dem Rathaus: Annähernd 250 Kundgebungsteilnehmer bereiteten den Rednern deshalb einen jubelnden Empfang. Archivfoto: Roland Keusch
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Anti-Corona-Demo am 5. Oktober auf dem Theodor-Heuss-Platz vor dem Rathaus: Annähernd 250 Kundgebungsteilnehmer bereiteten den Rednern deshalb einen jubelnden Empfang.

Im schwierigen Jahr 2020 überließen die Remscheider ihre Stadt nicht den Corona-Leugnern.

Von Axel Richter

Sie kamen aus Leverkusen, Hagen, Fröndenberg, Dortmund und anderen Städten. Aus Remscheid kamen die wenigsten. Mit Blick auf die selbst ernannten Querdenker, die unsere Stadt in diesem Jahr zur Kulisse ihrer Proteste gemacht haben, war das die gute Nachricht: Ihre wirren Gedanken und ihr Hass auf alles, was unseren demokratischen Rechtsstaat ausmacht, fielen nicht auf fruchtbaren Boden. Auch deshalb war 2020 nicht nur schlecht.

Vom ersten Aufmarsch, bei dem der Theodor-Heuss-Platz vor dem Rathaus zur Bühne von Hetzern und Wirrköpfen wurde, war die Stadtgesellschaft überrascht worden. Auch waren es leider Remscheider, die zu jener Kundgebung eingeladen hatten.

Am 5. Oktober fuhren deshalb Dr. Bodo Schiffmann und Samuel Eckert in einem Reisebus vor. Der eine ist Hals-Nasen-Ohren-Arzt, betreibt in Sinsheim eine Schwindelambulanz und hat zwischenzeitlich eine Partei gegründet, die sich mittlerweile wieder aufgelöst hat.

Auch der andere hat schon ganz viel von allem Möglichen gemacht und ist aktuell Youtuber, was heute als Berufsbezeichnung gilt. Nichts, gar nichts befähigt die beiden Männer dazu, sich öffentlich über eine neuartige Viruserkrankung zu äußern. Doch manche Menschen schenken den Viel- und Lautsprechern, die sich in den Schwätzwerken des Internets hervortun, heute mehr Vertrauen als allen Virologen, Politikern und Medienvertretern dieser Welt.

Annähernd 250 Kundgebungsteilnehmer bereiteten den Rednern deshalb einen jubelnden Empfang, und sie klatschten und johlten auch dann noch, als von der Lkw-Bühne vor dem Rathaus Sätze wie diese fielen: „Heute sitzen die Faschisten in den Regierungen und die Demokraten stehen auf der Straße.“ Allenthalben war von einer Diktatur die Rede, in der die Meinung anderer systematisch unterdrückt werde. Und von Medien, die andere zensierten.

Niemand widersprach, obgleich alle eben nur deshalb vor dem Rathaus demonstrieren durften, weil sie eben nicht in einer Diktatur leben. Anderenfalls würde man sie nämlich verhaften, foltern und bestenfalls wegsperren, wie sie es in Belarus, bei den Mullahs im Iran oder bei dem Irren in Nordkorea machen. Es übt in Deutschland auch niemand Zensur aus. Schon gar nicht die Medien, die gar keine Zensur ausüben können, denn das können nur Staaten. Tatsächlich steht in unserem Land auch Wirrköpfen das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung zu. Deshalb ist aber niemand verpflichtet, deren wirres Zeug auch zu veröffentlichen.

Die Pandemie ist für sie ein Vehikel, das politische Klima zu vergiften

Und schon gar nicht sitzen Faschisten in Parlamenten und Stadträten. Wobei: Einige wenige leider doch, aber die meinten die Querdenker nicht, weil etliche von ihnen mit den braunen Hetzern tatsächlich unter einer Decke stecken. Nach der Flüchtlingskrise des Jahres 2015 ist die Corona-Pandemie 2020 für sie nur ein weiteres Vehikel, um das politische Klima im Land zu vergiften.

Die Gefahr, dass sie damit Erfolg haben, ist nach wie vor groß. Denn die Demokratie, so lehrte es der griechische Geschichtsschreiber Polybios, ist ein anfälliges Konstrukt und könne schnell in die Ochlokratie kippen – in die Herrschaft des Pöbels. Unkundige Schwätzer können den Weg dorthin leicht ebnen. Ob sie auf Plätzen vor Rathäusern auftreten oder in den sogenannten sozialen Netzwerken. Wo hetzerische Reden auf die Dummheit des Schwarms treffen, droht am Ende das Chaos.

Allerdings und damit zurück zur guten Nachricht: Die Remscheider machten dabei in übergroßer Zahl nicht mit. Um ihre Stadt nicht Corona-Leugnern, Impfgegnern, Esoterikern und rechten Hetzern zu überlassen, veranstalteten einige von ihnen zum zweiten angekündigten Aufmarsch eine Gegendemonstration. Am Ende fiel der Aufzug buchstäblich ins Wasser. Nicht nur auf die Remscheider, sondern auch auf das bergische Schmuddelwetter ist im rechten Moment eben Verlass.

Die Serie

Natürlich wird 2020 vor allem als das Corona-Jahr in Erinnerung bleiben, mit dessen Folgen wir uns noch lange rumschlagen müssen. Doch trotz der Pandemie oder zum Teil sogar gerade deswegen hat das ausgehende Jahr auch sein Gutes gehabt. Das möchten wir auf keinen Fall vergessen. Deswegen werfen heute und an den kommenden Tagen RGA-Redakteure ihren ganz eigenen Blick auf die „Guten Seiten 2020“.

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